Ist der Fall Sitech eine Warnung für alle VW-Mitarbeiter?

Wolfsburg.  Durch die Schließung der Produktion in Hannover gingen 470 Jobs verloren. Der Vorgang sei nicht typisch für Volkswagen, findet der Betriebsrat.

Mirjam Gärtner hält eines der Flugblätter hoch, die am Mittwoch von Betroffenen der Fabrikschließung in Hannover in Wolfsburg verteilt wurden.

Mirjam Gärtner hält eines der Flugblätter hoch, die am Mittwoch von Betroffenen der Fabrikschließung in Hannover in Wolfsburg verteilt wurden.

Foto: Helge Landmann / regios24

Es ist nun zwei Monate her, dass rund 470 Beschäftigte der Volkswagen-Tochter Sitech in Hannover ihre Jobs verloren haben. Der Vorgang ist in mancherlei Hinsicht bemerkenswert. Denn es fehlt keineswegs an Aufträgen für die Sitech, die organisatorisch zur Volkswagen Komponente gehört. Vielmehr bauen jetzt Mitarbeiter eines anderen Unternehmens die Sitze für aktuelle und künftige Modelle von Volkswagen Nutzfahrzeuge (wir berichteten). Bemerkenswert ist auch, dass die Betroffenen auch nach der Schließung weitgehend in Eigenregie weiter gegen die Maßnahme protestieren.

So geschah es auch am Mittwoch in Wolfsburg, wo im Bahnhofsbereich Flugblätter verteilt wurden. Eine weitere Besonderheit ist nämlich, dass den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf der Basis von Gerüchten eine verhaltensbedingte Mitschuld am Verlust der Jobs gegeben wird. Dagegen wehrten sich die Betroffenen bereits Mitte März mit einer Aktion vor den VW-Werkstoren und der Sitech-Zentrale in Wolfsburg. Dort bestritten sie anonyme Vorwürfe, die neben Qualitätsmängeln sogar Vorwürfe wie Tätlichkeiten und Randale beinhalteten. Die Betroffenen kontern: Sie seien bewusst kriminalisiert worden. Volkswagen hatte die Schließung wirtschaftlich begründet.

Auf den aktuellen Flugblättern geben sich die Betroffenen immer noch kämpferisch: „Wir geben nicht auf, um unsere Arbeitsplätze zu kämpfen. Wir gehören zum VW-Konzern und wollen dort arbeiten. Arbeit ist genug da, sie wird jetzt von Arbeitern bei Faurecia zu Billiglöhnen gemacht. Die Produktion wird verlagert, weil sie bei Faurecia billiger ist und damit die Gewinne bei VW noch weiter steigen. Das wird bei VW nur der Anfang sein und bald viel mehr Kollegen betreffen.“ Man fordere weiterhin die Hilfe und Solidarität der IG Metall ein. „Wir werden weder Abfindung noch Transfergesellschaft annehmen. Wir werden gegen die betriebsbedingten Kündigungen klagen und fordern gleichwertige Ersatzarbeitsplätze im Konzern“, lautet die Kernforderung. Die Solidarität sei spürbar, man sei nun besser organisiert und gehe „in die nächste Runde“ des Protestes. „Sobald es möglich ist, werden wir wieder an den VW-Toren zu sehen sein. Bald wird uns jeder kennen!“, heißt es.

Die IG Metall in Hannover hat sich zunächst stark für den Erhalt der Arbeitsplätze engagiert und auch einige Politiker ins Boot geholt. Mit der endgültigen Entscheidung, den Standort zu schließen, tut sich indes nicht mehr viel. Auch der VW-Betriebsrat, der Sitech-Gesamtbetriebsrat und die IG Metall Wolfsburg sehen die Sache substanziell anders als die Betroffenen. Sie halten den Vorgang nicht für exemplarisch für ein arbeitnehmerfeindliches Vorgehen von Volkswagen. Die Auffanglösungen seien über dem Branchenstandard. Und: Die übrigen rund 2200 Arbeitsplätze an den Sitech-Standorten seien nicht gefährdet.

Die IG Metall in Hannover hält das „umfangreiche Abfindungspaket“ für geeignet, „um Beschäftigten Zukunftsperspektiven zu bieten“. Zu den Details heißt es auf der Homepage der IG Metall Hannover: „Die Höhe der Abfindung wird mit zwei Bruttomonatsgehältern pro Jahr der Betriebszugehörigkeit errechnet. Zusätzlich gibt es für alle Beschäftigten einen Sockelbetrag in Höhe von 10.000 Euro sowie Zuschläge pro unterhaltsberechtigtem Kind, für ältere Beschäftigte und für schwerbehinderte Menschen und deren Gleichgestellte. Beschäftigte haben auch die Möglichkeit in eine Transfergesellschaft zu wechseln. „Die Verweildauer in der Transfergesellschaft ist möglich bis maximal 12 Monate. Die Beschäftigten erhalten eine Aufstockung des Transferkurzarbeitergeldes auf 80 Prozent ihres Nettoeinkommens. Zusätzlich erhalten Beschäftigte in der Transfergesellschaft auch eine Abfindung“, so die IG Metall. Den Beschäftigten würden zudem Stellenausschreibungen der Sitech mitgeteilt. Sie sollen bei gleicher Eignung im Auswahlprozess bevorzugt berücksichtigt. „Darüber hinaus bemüht sich der Arbeitgeber weitere Beschäftigungsverhältnisse innerhalb des Volkswagen-Konzerns zu finden und zu vermitteln. Nur wenn keine dieser drei Möglichkeiten von den Beschäftigten in Anspruch genommen wird, kann es bei der Sitech Hannover zu betriebsbedingten Kündigungen kommen“, informiert die Gewerkschaft.

„Die Schließung bleibt ein bitterer und schwer verständlicher Schritt des Volkswagen-Konzerns. Durch den umfassenden Sozialplan kann der Verlust der Arbeitsplätze nicht verhindert werden. Es wurde aber alles getan, um den Beschäftigten neue Perspektiven zu ermöglichen“, wird Dirk Schulze, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Hannover, zitiert. Unbestritten bleibt aber dennoch, dass die Folgen der Schließung im derzeitigen wirtschaftlichen Umfeld besonders gravierend sind. Landauf, landab bangen Beschäftigte wegen der Folgen der Coronapandemie um ihre Arbeitsplätze. Auch bei einsetzender Erholung wird der Markt für Arbeitssuchende eng und schwierig bleiben. Verständlich ist deshalb auch die Forderung der Betroffenen: „Wir wollen kein Geld, wir wollen Arbeit.“

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