Corona - Turner melden sich zu Wort

Wolfsburg.  Fatal: Der Sport im Verein ist zum zweiten Mal in diesem Jahr für viele Wochen nicht möglich. Gleichzeitig warnt die WHO vor Bewegungsmangel.

Auf diesem Archivfoto bringt Gitti Fahse, zweite von rechts, beim Familiensportangebot ihre Schützlinge in Schwung.

Auf diesem Archivfoto bringt Gitti Fahse, zweite von rechts, beim Familiensportangebot ihre Schützlinge in Schwung.

Foto: Helge Landmann / regios24/ Archiv

November 2020: Der Gesundheitsportbetrieb liegt im zweiten Lockdown bundesweit am Boden. Die Weltgesundheitsorganisation WHO mahnt gleichzeitig, dass 21 Minuten Bewegung für jeden Menschen das absolute tägliche Minimum sei.

Allein der Profisport läuft in der Pandemie weiter, ein Zustand, den der Niedersächsische Turnerbund jetzt nicht mehr hinnehmen will. Der Verband fordert, dass Wege gegangen werden, mit denen die Gesundheitsförderung in den Vereinen wieder aufgenommen wird.

Turner gehen in die Offensive: „Wir können in der Pandemie helfen“

„Wir haben Fähigkeiten, mit denen wir in der Pandemie helfen können“, sagt Wolfsburgs Kreisturnwartin Gitti Fahse. „Gegenseitige Achtung, Fürsorge, sich die Angst nehmen und gleichzeitig Vorsicht walten lassen. Das ist unsere Kompetenz. Allein durch die strikten Corona-Regeln, unter denen wir im Sommer gearbeitet haben, haben wir alle miteinander wieder so viel weiteres gelernt - Übungsleiter und Teilnehmer. Abstand, Disziplin, Hilfsbereitschaft, sportliches Wissen, das können wir einbringen. Wir hoffen jetzt, dass wir damit in alle weiteren Entscheidungsprozesse eingebunden werden.“

Mehr Mitglieder als im Fußballverband

Der Niedersächsische Turnerbund habe an die 800.000 Mitglieder und damit mehr, als der Fußball, erklärt Gitti Fahse nicht ohne Stolz. Vom Sport mit Risiko-Gruppen bis zum Kinderturnen könnten Erfahrungen eingebracht werden, die helfen könnten, den Lockdown im Sport zu mildern.

Gespräch im Sozialministerium

Die NTB-Spitze habe bereits im Landes-Sozialministerium vorgesprochen, schildert Wolfsburgs Kreisturnwartin. Das Signal sei positiv aufgenommen worden, jetzt müsse es darum gehen, Weichen zu stellen, damit das neue Jahr nicht mit weiterem, wochenlangen Niederliegen des Sportes beginne, fordert Kreisturnwartin Fahse. „Die Folgen, die derzeit noch gar nicht alle abzusehen sind, sind zu schwerwiegend.“

Austrittswelle hat im zweiten Lockdown begonnen

Den ersten Lockdown hätten die Turner landesweit noch durch Alternativangebote wie Sport im Freien und Online-Kurse einigermaßen überstanden, stellt der NTB fest. „Trotzdem hat die Pandemie Schäden am Sportsystem verursacht, die erst mit zeitlicher Verzögerung sichtbar werden“, warnt Verbandspräsident Heiner Bartling. „Übungsleitende geben ihre Tätigkeit wegen Verunsicherung und aus Angst vor Ansteckung auf. Ehrenamtliche Vereinsvorstände resignieren vor den enormen Herausforderungen, Hallenzeiten wurden wegen notwendiger Gruppenverkleinerungen noch knapper und viele freiwillige

Helfer wenden sich ab.“ Der erneute Lockdown führe jetzt zu einer massiven Austrittswelle, so Bartling.

Verunsicherung und Angst bei Übungsleitern

Und weiter: „Die meisten Vereinsvorstände befürchten zum Jahresende einen Mitgliederschwund von mindestens 10 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Ursache hierfür ist insbesondere die Stigmatisierung von Sportvereinen durch das explizite Untersagen von Freizeit- und Amateursport. Dies raubt den 2,6 Millionen Vereinsmitgliedern Niedersachsens die Sicherheit, dass ihr Turn- und Sportverein auch künftig für sie da ist und sie mit Bewegungsangeboten versorgt, trotz eventueller weiterer, notwendiger zeitlich begrenzter (Teil-)Lockdowns.“

Es geht nicht um den Normalbetrieb - sondern um individuelle, angepasste Lösungen

Man sehe sich als wichtigen Mitspieler in der Bekämpfung der Pandemie und habe dies bereits an vielen Stellen gezeigt, unterstreicht der NTB-Präsident. „Uns geht es nicht um einen maximal großen Schritt hin zu dem normalen Turn- und Sportbetrieb. Es geht um sinnvolle Ermöglichung von individuellen, sicheren Bewegungserlebnissen. Eine klare Botschaft mit klaren Regelungen für die gemeinnützigen Turn- und Sportvereine ist jetzt von entscheidender Bedeutung.“

Kindern angstfrei Bewegungserlebnisse ermöglichen - Zielgruppen angepasste Trainerarbeit

Zurück nach Wolfsburg. Kreisturnwartin Gitti Fahse wirft Geduld, Zusammenhalt, Rücksichtnahme und Kreativität in die Waagschale. „Wir müssen jetzt unsere Fähigkeiten deutlicher als bisher herausstellen. Wir sind uns sicher, dass wir den Behörden ein guter Partner sein können. Es geht darum, die Pandemie so ernst zu nehmen, wie sie ist. Und sie ist seine sehr ernste Sache, die uns noch eine Weile begleiten wird. Gleichzeitig aber beispielsweise Kindern zu ermöglichen, ihre Fähigkeiten angstfrei zu entwickeln, zuversichtlich und gleichzeitig vorsichtig zu sein - das ist eine Aufgabe, die die Sportvereine und aus unserer Sicht eben besonders die Turner umsetzen können. Das, was jetzt passiert, ein Stillstand, von dem keiner weiß, wie lange er noch andauern soll, ist verheerend“, so die Trainerin.

Kontinuierlicher Austausch der Vereine im Landesverband

Innerhalb des Kreises und des Landes tausche man sich kontinuierlich aus, schildert Gitti Fahse. Von der fachlichen Beratung durch einen Rechtsanwalt bis zu Stundenkonzepten in der Pandemie reiche das. „Jede Übungsleiterin, jeder Übungsleiter ist sich der riesigen Verantwortung bewusst. Und oft ist die Angst einfach enorm. Das Für und Wider abzuwägen, Lösungen zu finden, darauf kommt es an.“

Ziel ist die Wiederaufnahme des Turn- und Gesundheitsbetriebes unter Pandemiebedingungen

Deshalb wünsche man sich, von der Sportverwaltung bis zum Innenministerium auch ein sorgfältiges Abwägen, damit der Turn- und Gesundheitsbetrieb unter Pandemiebedingungen wieder aufgenommen werden könne.

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