Sieht so die Zukunft der Wolfsburger Heilig-Geist-Kirche aus?

Wolfsburg.  Quartiers-Treffpunkt, Thermalbad, Kita und Familienzentrum oder Genrationencampus – Studenten und ein Pastor machen Vorschläge.

Der Außenbereich der Heilig-Geist-Kirche nach einem Entwurf von Marlon Hecher. 

Der Außenbereich der Heilig-Geist-Kirche nach einem Entwurf von Marlon Hecher. 

Foto: Marlon Hecher / www.marlonhecher.com

Die Zukunft des denkmalgeschützten, aber dringend sanierungsbedürftigen Heilig-Geist-Ensembles beschäftigt nicht nur die Menschen auf dem Klieversberg. Während die Lukasgemeinde, der evangelische Kirchenkreis Wolfsburg-Wittingen und die Landeskirche noch an einem Konzept basteln, liegen bereits einige externe Vorschläge auf dem Tisch. Generationencampus, Quartiers-Treffpunkt, Thermalbad oder Kita und Familienzentrum – hier ein Überblick über den aktuellen Stand.

Aalto-Forum von Marlon Hecher

Architekturstudenten der Technischen Universität Braunschweig reichten verschiedene Ideenvorschläge zur künftigen Nutzung des Heilig-Geist-Ensembles ein, das nach den Plänen des finnischen Stararchitekten Alvar Aalto Anfang der 1960er-Jahre an der Röntgenstraße entstand. Marlon Hecher belegte beim studentischen Ideenwettbewerb „Wolfsburg Award for urban vision“ den ersten Platz. In seiner Arbeit „Aalto Forum“ präsentiert der 26-Jährige den Vorschlag, die Heilig-Geist-Kirche als Treffpunkt und Versammlungsort für die Menschen im Quartier umzugestalten.

Hecher entwarf für den Innenraum der Kirche ein variables Möbel- und Schienensystem, das verschiedene Nutzungen des Kirchenraums ermöglicht. Dafür wird die ursprüngliche Bestuhlung ausgeräumt. Den Bodenbelag will Hecher durch einen neuen ersetzen und Schienen im Boden verlegen. Auf diesen Schienen sollen verschiedene Möbel, zum Beispiel Regale, Tische, Garderobe, Theke oder eine Kletterinsel, angebracht werden, die je nach Nutzung zur Seite oder nach draußen geschoben werden können. Die Kirche könne dadurch außer für Gottesdienste auch als Markthalle oder Treffpunkt dienen, abends als Gemeinschaftsraum oder für Theaterstücke und Konzerte.

„Ich habe das Gefühl gehabt, dass aus dem Stadtteil ein bisschen die Luft raus ist und er einen sozialen Aktivator braucht“, schilderte Hecher seine Eindrücke, nachdem er Anfang des Jahres vor Ort gewesen war. Bei seinem Entwurf habe er darauf geachtet, Aaltos Architektur nicht zu zerstören. „Manche Studentenentwürfe sind manchmal etwas ausgeflippter. Ich bin da bodenständiger und feinfühliger vorgegangen“, erzählte Hecher für den es die erste Teilnahme an einem Architekturwettbewerb war. Die Jury um Stadtbaurat Kai-Uwe Hirschheide urteilte über den mit 2500 Euro prämierten Siegerentwurf:: „Der gut durchdachte Entwurf wird nicht nur der Architektur von Alvar Aalto gerecht, sondern berücksichtigt auch die veränderten gesellschaftlichen Verhältnisse.“

Thermalbad von Sönke Nähr

Beachtung in Form einer Nominierung fand auch die Idee von Sönke Nähr. Hechers Kommilitone schlägt eine Umnutzung von Pfarrhaus, Gemeindezentrum und Kirche zu einem Thermalbad nach dem Vorbild einer römischen Therme vor. Die bestehende räumliche Gliederung wird genutzt, um die verschiedenen Thermalzonen abzubilden. Darüber hinaus erfährt der Außenraum eine Umwandlung, indem in verschiedenen Bereichen zusätzlich Becken eingelassen werden. Die äußeren Gebäudemerkmale bleiben bewahrt, während die inneren Strukturen und bauzeitlichen Ausstattungselemente größere Veränderungen erfahren.

Die Jury urteilte: „Die einzelnen Elemente des römischen Thermalbades werden weitgehend durchdacht und nachvollziehbar auf das Gebäudeensemble übertragen.“ Sönke Nähr habe Mut gezeigt, mit etablierten und akzeptierten Lösungen bei der Umnutzung von Sakralräumen zu brechen. Eine Umsetzung sei allerdings mit hohem technischen Aufwand verbunden werde denkmalpflegerisch kritisch gesehen.

Kita und Familienzentrum von Julia Fehling und Marisa Wieczorek

Die beiden Architekturstudentinnen Julia Fehling und Marisa Wieczorek der TU Braunschweig wollen die seit 2014 leerstehende Kita revitalisieren. Dazu fügen sie einen mehrgeschossigen Kubus zwischen Kindergarten und Pfarrhaus ein, der beide Gebäude verbindet und die benötigte Fläche schafft für heutige Anforderungen der Kinderbetreuung oder auch ein Elterncafé.

Die Jury urteilte: Die Idee, für die zusätzlich erforderlichen Funktionen einen Ergänzungsbau zu schaffen, ist gut und richtig. Der neue Baukörper besetzt allerdings einen wichtigen Gelenkpunkt in der Gesamtanlage und stellt damit einen deutlichen Eingriff in das Denkmal dar. Er wird in seiner Proportionierung und architektonischen Durchgestaltung kritisch gesehen.

Generationencampus von Pastor Patrick Schnabel

Der gebürtige Wolfsburger Dr. Patrick Roger Schnabel ist auf dem Klieversberg aufgewachsen und war viele Jahre Mitglied der Heilig-Geist-Gemeinde. Der heutige Pastor der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg schlägt einen „Generationencampus Heilig-Geist“ vor. Seine Vision sieht so aus: Die Aalto-Kirche bleibt das geistlich-kulturelle Zentrum.

Das Gemeindehaus wird zum Gemeinschaftshaus und Begegnungszentrum, das ehemalige Mitarbeiterhaus zu einem generationenübergreifenden Klein-Wohnprojekt und der Kindergarten durch einen denkmalgerechten Anbau nach heutigen Standards wiederbelebt. Stattfinden könnten dort Seniorenkreise, Digitalisierungsfortbildungen, Reha-Sport, Hausaufgabenhilfe, Eltern-Kind-Gruppen, Väterkurse und Jugendarbeit, aber auch Sozial- und Kulturarbeit, darunter Konzerte oder Workshops.

2015 Fusion zur Lukasgemeinde

Die drei Kirchengemeinden Kreuz, Paulus und Heilig-Geist fusionierten am 1. Januar 2015 zur evangelischen Lukaskirchengemeinde. Von den etwa 4400 Gemeindegliedern entfallen 800 auf Heilig-Geist. Die Kirchengemeinde hat durch den Abriss des Paulus-Gemeindehauses und durch Vermietungen in den vergangenen Jahren ihren Gebäudebestand bereits verringert, aber immer noch noch zu viele Gebäude für eine kleiner werdende Gemeinde. Das große Sorgenkind ist Heilig-Geist mit seinen fünf Gebäuden. Allein die jährlichen Betriebskosten liegen bei etwa 30.000 Euro. In der Kirche finden noch zweimal im Monat Gottesdienste statt.

Stararchitekt Alvar Aalto

Hugo Alvar Henrik Aalto wurde am 3. Februar 1898 im finnischen Kuortane geboren. Er starb am 11. Mai 1976 in Helsinki.

Aalto zählt neben Le Corbusier, Mies van der Rohe und Frank Lloyd Wright zu den großen Vier in der Architektur des 20. Jahrhunderts. Er wurde durch seine besonderen Konzeptionen im Bereich des organischen Bauens bekannt.

Zu den deutschsprachigen Ländern hatte Aalto, der fließend Deutsch sprach, eine besondere Beziehung. Außerhalb seiner finnischen Heimat befinden sich in Deutschland die meisten seiner Bauten. Darunter sind aber nur zwei Kirchen (weltweit sieben), beide stehen in Wolfsburg: Heilig-Geist und St. Stephanus in Detmerode. Außerdem entstand das Kulturhaus in der Innenstadt nach Aaltos Entwürfen.

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