Ostfalia im Corona-Modus – Vorlesungen mit Studenten im Pyjama

Wolfsburg.  Die Lehre findet in diesem Semester oft nur online statt. Das Campusleben fällt aus. Ein Report über Herausforderungen und Kuriositäten in der Krise.

Vorproduzierte Filme sogar mit Greenscreen-Technik – der Dekan der Fakultät Fahrzeugtechnik, Professor Dirk Sabbert, ist bestens ausgestattet, um auch in Coronazeiten an der Ostfalia seine Lehre anbieten zu können.

Vorproduzierte Filme sogar mit Greenscreen-Technik – der Dekan der Fakultät Fahrzeugtechnik, Professor Dirk Sabbert, ist bestens ausgestattet, um auch in Coronazeiten an der Ostfalia seine Lehre anbieten zu können.

Foto: Helge Landmann / regios24

Um die 30 Erstsemester öffnen an diesem Nachmittag die digitale Tür zum Mathe-Tutorium. Heute geht es um Analysis. Stetigkeiten und Grenzwerte. Claudia Dinse-Ferenczi freut sich über jeden, der sich einloggt. Die Dozentin sitzt in ihrem Arbeitszimmer in der vierten Etage des Ostfalia-Gebäudes in der Siegfried-Ehlers-Straße. Auf ihrem Monitor läuft das Konferenzsystem der Ostfalia. Gesichter der zugeschalteten Studenten sind nicht zu sehen, nur ihre Namen. Kameras und Mikrofone der Teilnehmer sind aus.

„Ein Kollege meinte mal, früher wären wir in die Klapse gekommen, wenn wir anderthalb Stunden auf einen Bildschirm eingeredet hätten“, sagt Dinse-Ferenczi schmunzelnd. Mittlerweile aber ist diese Vortragsform in der Fakultät Wirtschaft genauso wie in anderen Fachbereichen der Ostfalia Alltag. Im laufenden Semester finden hochschulweit fast ausschließlich digitale Veranstaltungen statt. Manche als Frontalunterricht, andere in Form einer Gruppenarbeit.

„Klar ist es einfacher, wenn man sich sieht. Hinter Kommunikation steckt schließlich noch viel mehr als nur Worte. Da geht es auch um nonverbale Dinge“, findet Dinse-Ferenczi, meint aber auch: „Diese Form ist entspannter als Präsenz-Angebote.“ Manche Studenten würden die Online-Seminare nur als Nebenbei-Angebote nutzen. „Morgens vergaß eine Studentin mal, ihr Mikrofon auszuschalten und biss herzhaft in ihr Müsli. Darauf fragte ein Kommilitone süffisant: Na schmeckt’s?“

Seit 2015 ist die Ostfalia-Alumna an der Fachhochschule als Dozentin angestellt. Neben ihrem Seminar zum wirtschaftswissenschaftlichen Arbeiten betreut sie – in normalen Jahren – auch manche Exkursionen. „Diese Touren fehlen mir. Es sind immer schöne Erlebnisse mit den Gruppen.“

Für Erstsemester gibt es wenige Präsenz-Angebote

Während Dinse-Ferenczi ihr Seminar gerade startet, verlässt der Studiendekan der Fakultät Gesundheitswesen, Professor Martin Frank, nach dreistündigem Lehrmarathon sein Büro. „Ich finde, im Vergleich zu den Anfängen im Sommersemester, als viele Studenten noch Berührungsängste hatten und sich höchstens mal im Chat beteiligten, trauen sie sich mittlerweile schon mehr zu und fragen auch mal.“ Dass die Studenten ihre Kamera in aller Regel ausschalten, kann er gut verstehen. „Sie befinden sich dann ja im geschützten Raum.“ Eigentlich. Einen humorigen Fall erlebte er, als eine Studentin versehentlich die Kamera anschaltete – obwohl sie noch im Schlafanzug steckte. Um die Erheiterung der anderen Kommilitonen schnell zu stoppen, beendete er die Übertragung rasch.

Nach den Herausforderungen während des ersten Lockdowns laufe die Technik nun richtig gut, meint Frank. „Wir kommen mittlerweile prima damit klar.“ Aktuell finden auch die Veranstaltungen an der Fakultät Gesundheitswesen zu 100 Prozent online statt. „Je nach Lage gibt es aber vielleicht im Dezember und Januar für Erstsemester noch einmal Präsenz-Angebote“, sagt Doris Zweck, Fachstudienberaterin des Angebotes „Management im Gesundheitswesen“.

Trend: Weniger Studenten suchen sich eine Wohnung im Studienort, andere stornieren diese sogar, weil das Geld fehlt

Auch zu Beginn des Semesters gab es für die Erstsemester bei dieser, aber auch allen übrigen Ostfalia-Fakultäten Kennenlern-Präsenzveranstaltungen. „Es ist schon so, dass sich Studenten vernetzen, zum Beispiel im virtuellen Studierenden-Café. Trotzdem kann dieses Angebot den persönlichen Kontakt natürlich nicht ersetzen“, sagt Zweck.

Der Trend, dass Studenten wegen des laufenden Online-Semesters gar nicht erst zum Studienort ziehen, macht sich auch in Wolfsburg bemerkbar, beobachten Zweck und Frank. „Mich haben Erstsemester gefragt, ob sich ein Wegzug von Zuhause für das Studium überhaupt lohnt“, sagt Zweck. Frank berichtet von Studenten, die ihre Wohnungen gekündigt haben, weil sie die Miete nicht mehr bezahlen konnten und dann wieder nach Hause gezogen sind. „Viele Studenten arbeiten ja normalerweise in der Gastronomie oder in Kinos.“

Hochbau beim Fakultäts-Neubau geht voran, die ersten Fenster kommen im Dezember

Die Fertigstellung des Fakultäts-Neubaus in der Poststraße, die für Mitte 2022 vorgesehen ist, können die beiden schon jetzt kaum erwarten. Vier Etagen, 17 Meter hoch, mit einer Krankenhaus-Simulation im Erdgeschoss, gut 2500 Quadratmeter Nutzfläche und etwa 4500 Quadratmeter Netto-Grundfläche sind die beeindruckenden Fakten, die Andreas Schlüter vom Staatlichen Baumanagement Braunschweig bereithält. Der Hochbau ist schon weit vorangeschritten. „Corona hat uns bislang keinen Strich durch den Plan gemacht. Es gab auch keinen Lieferengpass“, sagt Schlüter, der vor Ort mit Bauamtsleiter Thomas Popp auf die bisherige Arbeit der Rohbau- und Gerüstbaufirma schaut.

Ab Dezember beginnen die weiteren 15 Gewerke nach und nach die Arbeit. „Zum Beispiel sollen dann im Erdgeschoss die ersten Fenster eingesetzt werden.“ Die Treppen im westlichen Eingangsbereich sind schon zu sehen. Bauamtsleiter Thomas Popp stellt klar, dass die in der Corona-Zeit aufgekommenen Überlegungen, wie viele Arbeitsplätze in einem solchen Objekt wegen eventueller Heimarbeit überhaupt noch nötig seien, selbstverständlich noch nicht berücksichtigt wurden.

Team Wob-Racing macht sich Gedanken über Fahrzeug, das autonom fahren soll

Im Gegensatz zu den Arbeitern auf der Fakultäts-Baustelle mussten die Konstrukteure der Studentengruppe Wob-Racing, die normalerweise jedes Jahr einen Boliden produzieren, eine etwa viermonatige Zwangspause hinlegen. „Die Unterbrechung kam genau dann, als wir die einzelnen Teile zusammenbauen wollten“, erzählt Projektleiter Andreas Albert. Weil auch viele Sponsoren absagten, ruhte die praktische Arbeit von März bis Juli. Das Fahrzeug soll im nächsten Jahr vorgestellt werden. Der gesamte Terminplan habe sich um ein Jahr verschoben.

Theoretisch richteten die Tüftler in den Sommermonaten ihren Blick bereits auf 2022. Bis dahin soll ein Rennwagen entstehen, der einzelne Disziplinen bei den studentischen Wettbewerben auch autonom schaffen kann. „Wir denken also derzeit schon an zwei Wagen“, sagt der 23-Jährige in der Wob-Racing-Garage, wo noch das Auto von 2019 steht. Die Arbeit läuft dort in diesen Tagen hygienekonform ab. Per QR-Code können sich die fahrzeugbegeisterten Studenten in der Garage registrieren. „Von der Ostfalia aus sind zehn Personen für den Raum zugelassen. Wir arbeiten hier aber maximal mit fünf Leuten. Natürlich trägt jeder einen Mund-Nasen-Schutz“, versichert Albert. „Wir haben sogar, das aber schon seit der Zeit vor der Corona-Pandemie, personalisierte Handschuhe.“

Studenten befürworten die gegenwärtige Lehrsituation

Er wie auch seine Teamkollegen Maxwell Thomas und Adrian Dietzel, die im Büro nach Bauteilen für die Wagen Ausschau halten, sind zufrieden mit der gegenwärtigen Form des Lehrbetriebs an der Ostfalia. „Anfangs war es für alle Beteiligten schwierig“, sagt Albert. Einen großen Vorteil habe das Online-Angebot aus studentischer Sicht, sagt er zwinkernd. „Wenn um 8 Uhr die Lehrveranstaltung startet, brauchen Studenten nicht um 7.30 Uhr oder noch früher aufzustehen. Sie warten, bis es Fünf vor ist. Ich kenne ganz viele, bei denen es so ist. Auch bei mir.“

Thomas befürwortet, dass viele Vorlesungen aufgezeichnet und nach dem Termin noch angeschaut werden können. „Vor Corona war das höchstens mal im Einzelfall möglich. Mittlerweile ist aber auch wieder zu spüren, dass einzelne Dozenten keine Veranstaltungen mehr online stellen, vielleicht aus Datenschutzgründen“, vermutet der Fahrzeugtechnik-Student aus dem sechsten Semester.

Professor Dirk Sabbert, Dekan der Fakultät Fahrzeugtechnik, ist nach eigenen Angaben einer der Vorreiter der vorproduzierten Vorlesungs-Filme. Während einige Dozenten ihre Veranstaltungen live abhalten, gibt es Kursleiter, die ihren Input bereits aufgenommen haben. Sabbert hat sich dafür in seinem Büro sogar ein kleines Studio konzipiert, inklusive Greenscreen. „Die Filme habe ich vor vielen Jahren produziert und aktualisiere sie nun nur noch, wenn nötig“, erklärt der Fakultäts-Chef. Seine Übungen hingegen finden live statt. „Es gibt die Möglichkeit, die zugeschalteten Studenten in sogenannte Breakout-Räume zu unterteilen. Dort haben sie die Möglichkeit, in Kleingruppen die Aufgaben zu lösen.“ Eine Bachelor- und fünf Masterveranstaltungen, teils als Wochen-, teils als Blockangebot, hat Sabbert im laufenden Semester. „Aus meiner Sicht läuft das zweite Digitalsemester nach der Chaos-Übungsphase im Frühjahr erstaunlich gut.“

15 statt 150 Besucher pro Tag in der Ostfalia-Bibliothek

Normalerweise gibt es in der Ostfalia-Bibliothek 86 Sitzplätze. Mit Beginn der Corona-Pandemie räumte das Team die Stühle jedoch zur Seite und stapelte sie. Studenten sollen sich Bücher ausleihen und nicht länger in der Bücherei verweilen, die 51.000 Medien vor Ort, aber auch Zugriff auf etwa 86.000 E-Books bietet. „Arbeiten ist bei uns nicht möglich. Seit der Wiedereröffnung im Juli haben wir verkürzte Öffnungszeiten, 27 statt 41 Stunden“, erläutert Teamleiterin Manuela Kriebel. Auch Tina Scharfenberg gehört zu den sechs Mitgliedern der Bibliotheks-Mannschaft.

An diesem Tag achtet sie mit Lena Raffert darauf, dass sich die Studenten registrieren. „15 bis 20, an unserem langen Montag mit neun geöffneten Stunden auch mal bis zu 50 kommen vorbei. Viele schreiben ja derzeit ihre Hausarbeiten. Die Zahl ist daher für diese Zeit schon recht hoch“, erzählt sie. Doch kein Vergleich zur Vor-Corona-Zeit, als sich bis zu 150 Studenten am Tag nach Fachliteratur umschauten. Schließlich dürfen sie bis zu 50 Medien gleichzeitig ausleihen.

Von Ende März bis Anfang Juli war die Bibliothek zu. In dem Zeitraum klappte die Ausleihe nur kontaktlos: Die Studenten bestellten zunächst online, kamen dann zur Bibliothek und hielten an die Fensterscheibe ihren Ausweis, den das Personal scannte. Dann konnten sie die auf einem Rollwagen zusammengestellten Medien einpacken. „Die ausgeliehenen Medien desinfizieren wir nicht. Das würde für uns zu teuer. Wir glauben an den gesunden Menschenverstand und hoffen, dass sich die Studenten regelmäßig die Hände waschen“, erklärt Kriebel. Trotz der Corona-Zeit wird der Bibliotheksbestand immer wieder aktualisiert. „Wir haben bislang in diesem Jahr 2100 neue Medien angeschafft“, sagt Kriebel.

Kaum Resonanz in der Mensa – 20 Konkurrenten in der Wolfsburger Innenstadt

Mehr zu tun – das hätte gern Sven Seipelt, Küchenchef der Mensa „Bistro 4U“. Seit dem 9. November hat sie wieder geöffnet mit einem „To-Go-Angebot“ – was in der ersten Woche allerdings noch kaum nachgefragt wurde, weiß Studentenwerks-Sprecherin Christiane Thoroe. „Sind es zum Beispiel an normalen Tagen um die 70 belegte Brötchen, die wir verkaufen, so waren es nun auch mal nur drei.“ Auch das Kaffee-Angebot, Filterkaffee statt Kaffee-Spezialitäten, sei eingeschränkt. Klar müsse sich die Wiedereröffnung erst herumsprechen, ein schleichender Prozess, zudem habe das Bistro auch nur morgens geöffnet.

„Dennoch gibt es gerade beim zentral gelegenen Campus in Wolfsburg etwa 20 Konkurrenten in der Innenstadt, die die Studenten dann vielleicht eher besuchen, weil sie ja sowieso nicht auf dem Campus unterwegs sind.“ Das könnte auch ein Grund sein, weshalb die Verkaufszahlen im Vergleich zu den Ostfalia-Mensen in Wolfenbüttel und Salzgitter am schlechtesten sind. Wann es in der Mensa wieder Mittagessen gibt, ist noch ungewiss. Genauso wie der Zeitpunkt, wann an der Ostfalia das Leben in die Hörsäle zurückkehrt.

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