Hausarzt: „Ich würde mich sofort gegen Corona impfen lassen“

Wolfsburg.  Hausarzt Dr. Christian Bekermann spricht im Interview über die Corona-Situation in seiner Praxis und in Schulen, über Testzentren und die Impfung.

Allgemeinmediziner Dr. Bekermann in voller Schutzkleidung in den Kellerräumen seiner Praxis, wo er einen Infektionsraum für die Corona-Abstriche eingerichtet hat.

Allgemeinmediziner Dr. Bekermann in voller Schutzkleidung in den Kellerräumen seiner Praxis, wo er einen Infektionsraum für die Corona-Abstriche eingerichtet hat.

Foto: Foto: privat

Trotz der erneuten Einschränkungen steigen die Corona-Zahlen weiter. Überall müssen Schulen und Kitas teilweise oder ganz geschlossen werden. Hausärzte und Gesundheitsämter arbeiten an der Belastungsgrenze. Darüber sprach Kerstin Loehr mit Dr. Christian Bekermann. Er ist Allgemeinmediziner in Detmerode und Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Wolfsburg.

Herr Dr. Bekermann, wie ist die derzeitige Situation in Ihrer Hausarztpraxis?

Wir merken jetzt nach dem milden Lockdown schon, dass die Anfragen von Patienten ein bisschen zurückgehen – aber nicht so wie im Frühjahr, bei der ersten Welle. Damals hatten wir einen totalen Rückgang, da haben sich die Leute ganz zurückgezogen, und wir hier teilweise Däumchen gedreht. Das war am Anfang der zweiten Welle überhaupt nicht der Fall. Wir haben in unserer Praxis jetzt allerdings zusätzlich – mit Blick auf den allgemeinen Aufruf der Politik, Kontakte zurückzufahren – unsere Routineuntersuchungen und Check-Ups abgesagt. Wir waren dazu aber nicht als Ärzte aufgefordert worden, sondern das ist eine Entscheidung, die wir hier für uns so getroffen haben.

Ist Corona denn das absolute Thema Nr. 1 bei den Patienten?

Die meisten Anfragen betreffen derzeit tatsächlich etwas anderes, nämlich: Wann kommt der Grippeimpfstoff? Und das ist ein heikles Thema, weil wir alle händeringend auf Nachlieferung hoffen. Die Routinekontingente, die auf der Basis der Vorjahre verteilt wurden, waren schon im September binnen einer Woche weg – wobei es eigentlich mit Blick auf eine Grippewelle im Januar/Februar ideal wäre, genau jetzt zu impfen. Das aber war einfach nicht machbar, der Druck auf dem Kessel war viel zu groß. Und die Nachfrage ist bis heute ungebrochen. Die politische Idee also, alle impfen zu wollen oder alle zu einer Impfung aufzurufen, ist bei der begrenzten Produktionszahl gar nicht realisierbar.

Jetzt aber zu Covid-19 – wie viele Abstriche machen Sie denn so in einer Woche Ihrer Praxis, und wie ist die Positiv-Quote?

Ich für meine Praxis kann sagen: Wir machen in der Woche ungefähr 50 bis 70 Abstriche. Jeder, der sich mit einem Infekt bei uns anmeldet, wird abgestrichen. Er kommt dazu nicht in die Praxisräume, sondern geht in den Keller – da haben wir einen separaten Infektionsraum – oder er bleibt gleich im Freien, auf der Parkpalette. In der letzten Woche haben wir bei den Tests fünf positive herausgefischt. Die Organisation

dieser Abstriche ist jedoch gerade unter Medizinern ein Riesenthema. Vor wenigen Tagen haben nämlich Politiker erneut gefordert, dass es Abstrichzentren geben soll. Diese Forderung ist so alt wie die Krise – und ich halte sie für glatte Polemik. Gesundheitsämter und die Hausärzte machen in Deutschland 1,4 Millionen Tests pro Woche. Damit sind wir absolut am Limit. Einige Labore können derzeit einfach nicht mehr alles bewältigen, in unserem Labor etwa fehlen gerade die Materialien, um den Abstrich perfekt entnehmen zu können. Da kommt es jetzt auch auf Fingerspitzengefühl an, wen man abstricht… Wenn man in einer solchen Situation auf politischer Ebene Abstrichzentren fordert, dann passt das nicht in die Zeit. Wir ackern hier an der Front und machen die Abstriche – so wie das jetzt läuft über die Hausärzte und Gesundheitsämter, das ist der richtige Weg.

Wie sieht die Behandlung von Infizierten in Ihrer Hausarztpraxis aus?

Wenn ein Patient positiv getestet wird, halten wir ihn erstmal zu Hause und rufen ihn alle zwei Tage an – und wenn irgendetwas ist, soll derjenige sich sofort von sich aus melden. Auch das Gesundheitsamt ruft bei den Patienten regelmäßig an. Wir erfahren also sofort, wenn es einem Patienten schlechter geht, wenn etwa Luftnot auftritt und die Sauerstoffsättigung nachlässt und damit ein Aufenthalt in einem Krankenhaus nötig wird. So überlasten wir das Gesundheitssystem nicht. Und den meisten Patienten geht es ja auch ganz gut. Wir haben in dieser zweiten Welle auch noch nicht viele Betroffene in Pflege- und Altenheimen. Das ist aber nur eine Frage der Zeit. Wir hatten ganz aktuell in einem Altenheim wieder einen positiven Fall, da stürzen wir uns natürlich sofort mit allen zur Verfügung stehenden Kräften drauf.

Haben Sie auch Patienten, die derzeit im Krankenhaus an der Beatmung liegen?

Wir haben von unseren Patienten jetzt niemanden in der Beatmung, ich kenne aber Beispiele aus dem Bekanntenkreis, die ganz nah sind: Etwa ein Ehepaar, das Anfang Oktober noch im Türkeiurlaub war und eine Woche später auf der Intensivstation lag. Der Frau geht es wieder besser, der Mann wird immer noch beatmet.

Ein anderes großes Thema in dieser zweiten Welle sind die Schulen und Kitas, die ja offen bleiben sollten, wobei einige derzeit bereits wegen Corona-Fällen geschlossen sind. Ein ziemlicher Flickenteppich… Wie beurteilen Sie diese Gemengelage?

Ja, das ist ein ganz wichtiges Thema – und wir sind direkt betroffen, denn wir sind ja nicht nur eine große hausärztliche Praxis, sondern wir haben auch fünf Kinder in Schulen und Kindergarten. Die Schule einer Tochter ist zum Beispiel gerade geschlossen. Wenn Sie mich jetzt persönlich fragen, würde ich sagen: Auch wenn politisch das Offenhalten der Schulen gefordert ist, aber wenn das Ganze jetzt überall hochgeht, müsste man meiner Meinung nach in das System mit A- und B- Kohorten umswitschen, das wir nach dem strengen Lockdown im Frühjahr hatten – ein Tag Schule, ein Tag zu Hause. Dann könnte man zum einen die Abstandsregeln in der Schule besser einhalten, zum anderen müsste bei einem Corona-Fall ja auch nur die Hälfte der Kinder in Quarantäne gehen.

Empfinden Sie die Einschränkungen in dieser zweiten Welle auch in anderen Bereichen als zu lasch?

Sagen wir mal so: Der Shutdown im März war ja nur deswegen so erfolgreich, weil unsere Bewegungsmuster deutlich runtergegangen sind. Meines Erachtens müssten wir jetzt alle sagen: Die Politik hat die Richtung vorgegeben, wir machen es noch einen Schritt besser – besonders jetzt, wo wir alle die Zielgerade der Impfung vor Augen haben. Eigentlich müssten wir freiwillig sagen: Wir treffen uns eben nicht bei den einen Großeltern – und halten die Regeln ein – und ein paar Tage später mit den anderen Großeltern – und halten auch da die Regeln ein. Denn auch das bedeutet eben schon eine Vermischung. Wenn wir uns im Klein-Klein unserer privaten Beziehungen noch mehr einschränken, dann gewinnen wir etwas für die Gesellschaft. Und die Zahlen gehen runter.

Sind es auch aus Ihrer Erfahrung die privaten Treffen, Feiern oder Reisen, die mitverantwortlich sind für die so gestiegenen Infektionszahlen?

Ich glaube schon, dass der private Bereich eine große Rolle spielt. Und wenn ich dran denke, wie viele mir vor dem milden November-Lockdown jetzt noch erzählt haben, was sie am Wochenende davor noch alles machen wollten, dann ist da sicher auch noch viel passiert.

Sie haben die nahende Impfung bereits kurz erwähnt, und es klang optimistisch...

Ja, ich bin begründet euphorisiert. Eine derartige Wirksamkeit von einer Impfung hat man ja nie erwarten können, und ich halte die Impfung auch für sehr sicher, denn sie wird von einem unabhängigen Expertenrat eng betreut und begutachtet. Das ist ein Meilenstein. Bevor diese Nachricht kam, dachte ich, wir bekommen auch noch eine siebte, neunte, elfte Welle… Aber jetzt denke ich, es werden auch noch andere Impfvarianten kommen, so dass wir dann irgendwann ein Portfolio haben. Ich bin insgesamt sehr, sehr optimistisch.

Würden Sie sich impfen lassen?

Sofort. Ich kann mich doch morgen mit Covid-19 infizieren und befinde mich im schlimmsten Fall in zehn Tagen auf der Intensivstation und werde beatmet. Wenn mir die Impfung hier einer jetzt auf den Tisch legen würde, dann zögerte ich keine Minute und würde mir die verimpfen. Und ich glaube, dass auch in Bevölkerung die Impfbereitschaft sehr groß sein wird – allein, wenn ich jetzt den Run auf die Grippeimpfung bedenke. Am Ende wird die große Herausforderung der Impfung eben nur die Logistik sein.

Ja, die Logistik, wer sollte Ihrer Meinung nach denn zuerst geimpft werden?

Das mag ich gar nicht festlegen. Das sind ganz hohe moralische, ethische Fragen. Denn wenn man sich das überlegt, dann werden auch – wenn es die Impfung gibt – weiter Patienten, die keine Impfung haben, an Covid-19 sterben. Ich bin froh, wenn ich nicht die Entscheidung treffen muss, wem gebe ich sie und wem nicht. Das kann ich nicht, das kann nur der Bundestag machen.

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