Darum hält das Klinikum Wolfsburg am Besuchsverbot fest

Wolfsburg.  Der Ärztliche Direktor Matthias Menzel und die Leiterin der Notaufnahme, Bernadett Erdmann beantworten die wichtigsten Fragen zu Corona (Teil 2).

Am Klinikum Wolfsburg werden derzeit Besucher nur in wenigen Ausnahmefällen eingelassen. Bereits im März, als das Foto entstand, hatte es ein Besuchsverbot gegeben.

Am Klinikum Wolfsburg werden derzeit Besucher nur in wenigen Ausnahmefällen eingelassen. Bereits im März, als das Foto entstand, hatte es ein Besuchsverbot gegeben.

Foto: Markus Kutscher

Wie ist das Klinikum Wolfsburg auf die zweite Coronawelle vorbereitet? Gibt es genug Intensivbetten und Pflegepersonal? Warum wurde ein Besuchsverbot erteilt? In einem zweiteiligen Interview geben der Ärztliche Direktor Professor Matthias Menzel und die Leiterin der Zentralen Notaufnahme, Dr. Bernadett Erdmann, Antworten auf diese und weitere Fragen. Heute lesen Sie Teil 2.

Ende Oktober hat das Klinikum die Schutzmaßnahmen deutlich hochgefahren und ein generelles Besuchsverbot ausgesprochen. Warum?

Erdmann: Wir sehen, dass sich die epidemiologische Lage in der Stadt Wolfsburg verändert und dadurch auch ein gewisses Risiko für die Patienten im Klinikum besteht. Deshalb mussten wir leider auch ein Besuchsverbot erlassen. Das tut uns unendlich leid, denn wir wissen, wie wichtig es für die Genesung der Patienten ist, dass Angehörige sie besuchen. Aber dadurch, dass wir einen unklaren Status bei allen Besuchern haben und nicht wissen, ob eine Covid-Erkrankung ohne Symptome vorliegt, können wir das im Augenblick nicht zulassen.

Es gibt aber Ausnahmeregelungen...

Erdmann: Die gelten für die Intensivmedizin oder für schwerstkranke Palliativpatienten. In der Kinderklinik werden Eltern mit aufgenommen und im Kreißsaal dürfen werdende Väter mit dabei sein.

Eine Geburt kann sich ja unter Umständen lange hinziehen. Ab wann hat ein werdender Vater Zutritt zum Kreißsaal?

Menzel: Wir wollen, dass der Papa bei der Geburt, also direkt bei der Entbindung, dabei ist. Deshalb haben wir das Hygieneregime für den Kreißsaal sehr aufwendig vorbereitet. Wichtig ist uns, dass nur eine Bezugsperson die Schwangere begleitet. Das ist die größte Herausforderung. Ansonsten sind wir sehr flexibel, wann und wie lange der Vater bei der Mutter sein kann. Wie bieten auch die Familienzimmer weiter an.

Erdmann: Wir versuchen auch, die Väter zu testen, wenn sie in die Familienzimmer mit aufgenommen werden.

Menzel: Wir sind glücklich, dass wir unsere Testmöglichkeiten und Räumlichkeiten ab Montag erweitern und dann auch einen größeren Kreis testen können.

Ist absehbar, wann das Besuchsverbot gelockert wird?

Menzel: Da bitten wir auch um Verständnis und Vertrauen. Wir haben im Klinikum in Abstimmung mit der Stadt Wolfsburg in einem Stufenkonzept unsere Maßnahmen ständig angepasst. Wir sind jetzt, wie die Stadt auch, bei der Stufe Rot angekommen. Ich versichere, dass wir die Einschränkungen für Mitarbeiter, Besucher und Patienten keinesfalls länger aufrechterhalten als zwingend notwendig.

Zeigen die Maßnahmen des Klinikums Wirkung?

Menzel: Unser gesamtes Hygieneregime, das wir auch über die Sommerzeit konsequent aufrechterhalten haben, dient einem Ziel: dass alle Patienten eine sehr hohe Sicherheit und großes Vertrauen haben können, sich im Klinikum in einem geschützten Bereich zu befinden. Deshalb werden auch seit Beginn der Pandemie alle Patienten bei der stationären Aufnahme auf Covid-19 getestet. Es gibt zudem sehr ausführliche Hygienebestimmungen für das Personal, wir haben auch das Mitarbeiter-Screening ausgedehnt. Mit diesen Maßnahmen sind wir bisher sehr erfolgreich in Wolfsburg gewesen und haben noch keinen Covid-Ausbruch bei den Patienten beklagen müssen.

Alle Klinikumsmitarbeiter tragen mittlerweile eine FFP2-Maske. Was ist der Vorteil gegenüber einem normalen klinischen Mund-Nasen-Schutz?

Erdmann: Die FFP2-Masken bieten den höchstmöglichen Schutz. Zum einen für die Patienten, aber auch für die Mitarbeiter selbst. Es gibt nach wie vor Besucher oder ambulante Patienten im Klinikum, die im Vorfeld nicht getestet werden. Und auch die Mitarbeiter untereinander haben natürlich Kontakt. Jeder von uns kann ansteckend sein, ohne dass er covid-typische Symptome hat. Das Ansteckungsrisiko besteht aber nicht im Krankenhaus, sondern außerhalb.

Wie sicher sind die Coronatests?

Erdmann: Wir arbeiten bei allen Patienten mit den etablierten PCR-Testungen. Mit diesen Tests finden wir sehr sicher die covid-positiven Menschen.

Wie viele Tests finden täglich statt?

Erdmann: Etwa 150 für die Patienten bei uns im Klinikum. Hinzu kommen Tests, die das Gesundheitsamt für unser Labor beauftragt oder auch von Volkswagen.

Menzel: Die Gesamtzahl aller Tests in unserem Labor schwankt dann etwa zwischen 150 und 300 Tests pro Tag. Ein Testlauf dauert im Durchschnitt sechs Stunden. Davon haben wir momentan zwei bis vier täglich. Wenn wir das Personal deutlich erhöhen könnten, könnten wir die Zahl der Proben noch ausdehnen.

Spielt das Thema Grippe schon eine Rolle?

Erdmann: Wir haben vor drei Wochen angefangen, Patienten, die Covid-Symptome haben, auch auf Influenza zu testen. Das ist alles negativ im Augenblick. Es scheint so zu sein, dass wird durch die Hygienemaßnahmen im Rahmen der Pandemie auch Grippewellen in den Griff bekommen. Ich hoffe, es bleibt dabei. Wenn wir noch ein Problem mit der Influenza bekommen, könnte das schwierig werden.

Das Problem in vielen Kliniken ist häufig nicht die mangelnde Ausstattung, sondern das fehlende Pflegepersonal. Wie ist die Situation am Klinikum?

Menzel: Prinzipiell ist diese Beobachtung richtig. Das qualifizierte Fachpersonal in der Pflege und allen anderen Berufsgruppen, die zur intensivmedizinischen Behandlung notwendig sind, einschließlich der Ärzte, ist ein extremes Nadelöhr. Auch in Wolfsburg könnten wir nicht entsprechend dem steigenden Bedarf jederzeit zusätzliches Personal auf diesem Qualifikationsstand zur Verfügung stellen. Wir haben uns aber gemeinsam, die Pflegedienstleitung und die Ärztliche Leitung, in den zurückliegenden sechs Monaten sehr intensiv auf diese Situation vorbereitet und freiwillige Mitarbeiter aus anderen Bereichen des Klinikums eingearbeitet – sowohl aus der Pflege als auch Ärzte. Unsere vorhandenen Intensivkapazitäten können wir mit genügend Personal ausstatten, um die Patienten sicher versorgen zu können.

Frau Dr. Erdmann, zu Beginn der Pandemie haben Sie auf den Mangel an Schutzausrüstung hingewiesen. Wie sieht es da inzwischen aus?

Erdmann: Da sind wir aktuell entspannt. Die Aufrufe damals haben Früchte getragen und dazu geführt, dass ausreichend Vorräte angelegt worden sind.

Seit Montag gilt ein zunächst vierwöchiger Lockdown in Deutschland. Erwarten Sie, dass die Infektionszahlen dadurch gesenkt werden?

Erdmann: Das ist eine schwierige Frage und der Blick in die Glaskugel. Wir können nur hoffen, dass die Maßnahmen greifen und die Infektionszahlen sinken.

Wie kommen die Menschen gut durch die kalte Jahreszeit, ohne sich mit dem Coronavirus zu infizieren?

Erdmann: Letztlich kommt es auf jeden einzelnen an. Es gilt wie schon zu Beginn der Pandemie: Kontakte reduzieren, Abstände auch wirklich einhalten, Maske tragen, Hände waschen und desinfizieren.

In den weiterführenden Schulen in Wolfsburg gilt eine Maskenpflicht. Auch manches Grundschulkind trägt im Unterricht einen Mund-Nasen-Schutz. Schadet das den Kindern?

Erdmann: Für viele Kinder gehört das mittlerweile zum Alltag. Mein sechsjähriger Neffe hat eine bunt bemalte Kindermaske und trägt die mit Spaß und Freude. Ich habe noch nicht festgestellt, dass ihn das belastet. Aber natürlich gibt es Situationen im Alltag, in denen es schwierig ist mit einer Maske. Wenn Mimik und Gestik fehlen, dann fehlt uns auch etwas in der Begegnung miteinander. Wir haben leider auch Kinder, die positiv auf Covid getestet werden. Was wir alle im Augenblick nicht absehen können, ist, ob es nach einer Covid-Erkrankung irgendwann Folgeschäden geben wird. Deswegen würde ich versuchen, meine Kinder zu schützen. Eine Maskenpflicht an Schulen auszusprechen, finde ich nicht gut. Wohl aber die dringende Empfehlung.

Menzel: Wir wollen als Gesellschaft, dass Schulen und Kindergärten offen bleiben. Dann muss man aber auch bereit sein, Opfer zu bringen. Die kleinen Kinder haben zu Hause auch Kontakt mit Risikogruppen und können als Infektionsquelle eine ganz erhebliche Wirkung erzielen. Deshalb unterstütze ich sehr die Maskenpflicht ab der 5. Klasse.

Den ersten Teil des Interviews finden Sie in der Printausgabe vom 7. November 2020 und im Internet hier:

Klinikum Wolfsburg sieht sich für zweite Coronawelle gerüstet

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