Bärbel Weist ist 40 Jahre Ortsbürgermeisterin von Fallersleben

Fallersleben.  Die 77-Jährige schließt eine weitere Amtszeit an der Spitze des Ortsrats Fallersleben/Sülfeld derzeit nicht aus.

Bärbel Weist an ihrem Lieblingsort: vor dem Fallersleber Schloss.

Bärbel Weist an ihrem Lieblingsort: vor dem Fallersleber Schloss.

Foto: LARS LANDMANN / regios24

Quasi als Nebenprodukt ihres ausdauernden Wirkens sammelt Bärbel Weist inzwischen kommunalpolitische Rekorde: Heute ist die gebürtige Fallersleberin seit 40 Jahren Ortsbürgermeisterin von Fallersleben und Sülfeld und möglicherweise sogar deutschlandweit Ausnahme-Amtsinhaberin. Genau lässt sich das nicht sagen. Anlässlich ihres vier Jahrzehnte währenden politischen Ehrenamts beleuchtet unsere Zeitung im Gespräch mit der 77-Jährigen­ einzelne Themen.

Bärbel Weist über ...

… ihre persönliche Bilanz:

„Man hat mir nichts geschenkt“, resümiert die Ortsbürgermeisterin wie schon anlässlich ihres 25-jährigen Amtsjubiläums. „Ich habe Pionierarbeit geleistet. Und vielleicht habe ich als Beispiel wirken können.“ Inzwischen seien viele Frauen in politischen Spitzenämtern. Sie habe über viele Jahre Politik, Ehe und Berufstätigkeit unter einen Hut bringen müssen. „Dazu braucht man eine Menge Disziplin. Und das geht nur, wenn man die Politik zum Hobby macht.“ Sie betont: „Ich habe versucht, das Ortsbürgermeister-Amt immer unpolitisch auszuüben. Es ging mir immer um die Sache, nicht um die Partei.“ Über die lange Zeit sagt sie fast etwas ungläubig: „Diese 40 Jahre sind eigentlich irre.“

… ein besonderes Jahr ihrer Amtszeit:

„2002 war ein aufsehenerregendes Jahr. Damals hatten wir im Juli schlimme Regenfälle und die Gefahr eines Dammbruchs am Aueteich“, erinnert sich die Ortsbürgermeisterin. „Ich bin tagelang bei den Leuten im gefährdeten Malerviertel herumgerannt.“ Die Betten für den Krisenstab seien schon zum Parkplatz am Schützenplatz gebracht worden. „Dann hieß es: Der Damm hält.“ Am Tag danach habe sie Geburtstag gehabt – da war ich ziemlich erschöpft.“ Im selben Jahr erhielt sie auch das Bundesverdienstkreuz.

… etwas, das nicht so geklappt hat wie erhofft:

„Ich hätte mir vom Stadtmarketing-Konzept mehr erwartet“, gesteht Bärbel Weist. „Ich war schon ziemlich enttäuscht, denn ich wollte Fallersleben zum Kurort machen. Aber das ist politisch kaputtgemacht worden.“ Auch der Klinikumsdirektor habe dem distanziert gegenübergestanden. „Es gibt zurzeit keinerlei Chance auf Umsetzung.“

… eine große Aufgabe, die noch ansteht:

„Wir müssten noch mehr gemeinsam daran arbeiten, auf die Attraktivität von Fallersleben hinzuweisen“, betont die Ortsbürgermeisterin. Es gebe mehr als 40 Vereine und sehr viele Möglichkeiten, ein gutes Einzelhandels-, Gastronomie- und Dienstleistungs-Angebot, ein Freibad, Sportanlagen und vieles mehr. „Es müsste uns gelingen, noch mehr Menschen nach Fallersleben zu ziehen. Fallersleben verdient noch mehr Beachtung.“ Durch die Arbeit am Standort-Konzept sei das Zusammenwirken schon besser geworden. „Es gab zwar mehrere Sachen, die nicht zu realisieren waren, aber auch einiges, woran man noch einmal arbeiten müsste.“

… etwas, das sie noch erreichen möchte:

„Wir sollten daran arbeiten, die Dauer-Themen Parken und Verkehr in den Griff zu bekommen“, sagt Bärbel Weist. Fallersleben als Durchgangsort bleibe ein Thema. Und es gehe darum, zu akzeptieren, dass die liebgewonnene Gewohnheit des Parkens direkt vor der Tür abgelegt werden müsse. „Es ist eine schwere Arbeit, das zu vermitteln.“

… die Parteipolitisch Unabhängige Gemeinschaft – 34 Jahre, nachdem sie die Gruppierung gegründet hat:

In der Anfangsphase sei die PUG mit ihrem Engagement auch neben der Politik als sozial wahrgenommen worden, später dann als weiblich, als viele Frauen in die Wählergemeinschaft eintraten und auch führende Positionen übernahmen. Heute tut sich Bärbel Weist mit einer Einschätzung etwas schwer. Sie sagt: „Aus heutiger Sicht war es gut, die PUG zu gründen. Sie ist für die Menschen bei Wahlen eine Alternative.“

… die Kommunalwahl 2021, die Nachfolge-Frage und den politischen Ruhestand:

„Aufgrund meines Alters muss ich ernsthaft überlegen, ob ich nicht aufhöre. Bislang konnte ich das machen, weil ich topfit und gesund bin. Ich habe die Zeit, darüber in Ruhe nachzudenken. Ansonsten macht mir die Arbeit aber trotz Rückschlägen immer noch Freude“, betont die Ortsbürgermeisterin. Was eine mögliche Nachfolge in diesem Amt betrifft, sagt sie: „Im Moment ist nicht so richtig jemand in Sicht.“ Ob potenzielle Bewerber die sehr großen Fußstapfen fürchten? „Ich bin als Ortsbürgermeisterin natürlich in einer dominanten Situation“, räumt sie ein. „Aber letztlich entscheiden es die Menschen, die Wähler.“ In jedem Fall sei sie der Meinung, „dass der Ortsbürgermeister aus Fallersleben kommen müsste – das wäre schon vernünftig“. Im Laufe der Jahre hätten sich immer mal wieder Leute gemeldet, die Interesse daran gehabt hätten – obwohl sie bis dato kommunalpolitisch überhaupt nicht aktiv waren –, und sie habe ihnen auch Einblicke in ihre Arbeit gewährt, erzählt sie. Aber kein Einziger habe ernsthafte Ambitionen entwickelt.

… ihr tägliches Arbeitspensum:

Wenn sie in der Freibad-Saison am Windmühlenberg ihre Bahnen zieht, steht Bärbel Weist bereits um 6.15 Uhr auf, ansonsten um 7 Uhr. „Inzwischen stehe ich auch am Sonntag um 7 Uhr auf, damit ich mein Pensum schaffe“, verrät sie. Das sei regelmäßig im zweistelligen Stundenbereich. „Ich arbeite eigentlich immer.“ Daher mag man es kaum glauben und fragt sich, woher sie die Zeit nimmt, wenn die Ortsbürgermeisterin erzählt, dass sie normalerweise trotzdem auf sieben bis acht Stunden Schlaf kommt.

… über die knappe Zeit für Hobbys jenseits ihres Amtes:

Bärbel Weist hat sich viel mit der Geschichte Fallerslebens beschäftigt, historische Feste veranstaltet und 1980 den heutigen Kultur- und Denkmalverein gegründet, später dann die Theatergruppe. Auch organisierte sie mehrmals das Landestrachtenfest, gründete eine Volkstanz- und Trachtengruppe. „So gesehen sind das meine Hobbys – auch, um den Kopf mal freizumachen.“

Der NDR zeigt heute im Regionalprogramm ab 19.30 Uhr in der Sendung „Hallo Niedersachsen“ einen Beitrag über die 40-jährige Tätigkeit von Bärbel Weist als Ortsbürgermeisterin. Später wird er auch in der Mediathek verfügbar sein.

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