Fortschritt frisst Tradition – Volkswagen ändert sich rasant

Wolfsburg.   Überstunden, freie Tage und eine Auszeichnung – das brachte 2018 für das VW-Stammwerk.

Ein Bild für die Geschichtsbücher von VW: Im Sommer fahren 200 Beetle, Käfer und New Beetle durch die Südstraße des Stammwerkes.

Ein Bild für die Geschichtsbücher von VW: Im Sommer fahren 200 Beetle, Käfer und New Beetle durch die Südstraße des Stammwerkes.

Foto: Volkswagen AG

Es war in vielerlei Beziehung ein Jahr der widersprüchlichen und symbolträchtigen Entwicklungen im Volkswagen-Stammwerk. Es gab Extraschichten und freie Tage, Tariferhöhungen und Personalabbau, Stillstand und Fortschritt. Und es gibt Hoffnung, dass inmitten aller Elektroeuphorie auch weiterhin Autos mit Verbrennermotoren eine Zukunft haben. Wolfsburg soll im neuen Jahr zu ihrer Hochburg werden. Es gibt zugleich aber auch jede Menge Fragezeichen.

Wer einen Riesentanker wie Volkswagen auf einen neuen Kurs bringen will, der darf nicht zimperlich sein. Und Herbert Diess, seit dem Frühjahr nicht nur Markenchef, sondern auch Konzernlenker, ist ganz gewiss nicht zimperlich. Wenn es um die Produkte geht, also um die Modellpalette des Autobauers, dann kennt der Manager keinen Spaß und nimmt auch keine Rücksicht auf Tradition. Was sich nicht verkauft, das kann weg. Jetzt hat es auch den Beetle erwischt, den Enkel des legendären VW-Käfer. Dessen Produktionsende kommt Mitte nächsten Jahres.

Die deutsche Fangemeinde der buckligen Kultautos lässt sich davon kaum schocken – anders als die Beetle-Freunde in Nordamerika. Erstmals trafen sich die deutschen Fans 2018 zu ihrer Beetle-Sunshinetour in Wolfsburg. Dabei entstanden einzigartige Fotos, die dafür stehen, dass Volkswagen mehr ist als eine Aktiengesellschaft. Volkswagen baute Autos, die das Lebensgefühl ganzer Generationen prägten. Im Jahresrückblick der Marke ist das dennoch nur eine Fußnote mit folgendem Wortlaut: „Tausende Beetle-Fans kommen im September 2018 zur „Beetle Sunshine Tour“ nach Wolfsburg und gratulieren dem New Beetle zum 20. Geburtstag. Seit 14 Jahren gibt es das Festival, zum ersten Mal fand es in Wolfsburg statt. Mehr als 200 Käfer, New Beetle und Beetle fuhren durchs Werk.“

Käfer, New Beetle, Beetle und Golf waren und sind trotz ihrer gigantischen Produktionszahlen emotionale Autos, die die Massenmotorisierung maßgeblich befördert haben. Die Zukunft soll aber Elektro-Modellen wie dem ID. Neo oder ID. Crozz gehören. Deshalb fällt der Beetle-Abschied in der Führungsetage von VW auch ziemlich emotionslos und unsentimental aus. Was zählt, das ist die Exekutierung eines straffen Effizienzprogrammes. Und da hat das geschichtsträchtige Stammwerk am Mittellandkanal 2018 doch tatsächlich den „Oscar“ der schlanken Produktion abgeräumt. Wolfsburg wurde vom Fachmagazin Automobil-Produktion mit dem „Lean Production Award“ ausgezeichnet – erstmals. Verdient haben die Mitarbeiter sich das allemal. Wolfsburg steht stets im Mittelpunkt, die Beschäftigten stehen unter größerem Druck als in anderen Werken. Dass der Anlauf des großen Seat-Geländewagens Tarraco geräuschlos klappte, ist schon fast eine Nebensache. Größere Probleme bereitete allen Beteiligten die Umstellung auf das realistischere Prüfverfahren WLTP. Ab September zeigten sich deutliche Schleifspuren, die produktionsfreien Tage häuften sich. Das ging nicht nur dem Unternehmen ans Geld. Die Mitarbeiter mussten ihre Zeitwertkonten leeren und sich so an den Ausfallkosten beteiligten. Im ersten Halbjahr hatte es hingegen noch viele Extraschichten gegeben.

Kurz vor Jahresende sorgte dann auch noch der Betriebsrat für eine Überraschung. Stephan Wolf, der Stellvertreter von Bernd Osterloh, gab seine Ämter aus persönlichen Gründen auf. Er machte in einer Abschiedsbotschaft aber auch deutlich, dass er keine Perspektive für sich sieht, da Bernd Osterloh sogar erwägt, 2021 noch einmal anzutreten. Seine Nachfolgerin wird Daniela Cavallo. Sie ist die erste Frau im Führungsduo der Wolfsburger Arbeitnehmervertretung. Das mag ein gutes Zeichen sein. Um Osterloh, der den Zenit von Macht und Einfluss erreicht hat, wird es einsam. Sein engster Mitarbeiter Wolf geht im Frust, seine treuesten Mitstreiter (wie zuletzt Klaus Wenzel) hören nach und nach aus Altersgründen auf. Sein engster Berater und ehemaliger Sprecher Gunnar Kilian ist jetzt auf der anderen Seite als Konzernpersonalvorstand tätig.

Unbestritten ist Osterloh die einzige Konstante für die Arbeitnehmer – und das in Zeiten, in denen sich die Volkswagenwelt so schnell wie nie zuvor verändert. Bisher ist es dem Betriebsrat gelungen, sich auf die neuen Strukturen und die neuen Geschäftsmodelle einzustellen. Ob das zukünftig so bleibt, ist die entscheidende Frage für die Fortentwicklung und dauerhafte Stärkung der Mitbestimmung. Kilian hat bereits deutlich gemacht, dass es einen zweiten Zukunftspakt nicht geben wird. Der könnte aber zwingend erforderlich werden, da das Unternehmen weiterhin Personalabbau und Effizienzsteigerungen verlangt.

Zudem besteht die Gefahr, dass die bisherigen Rezepte und Mobilisierungsstrategien der Arbeitnehmervertreter (inklusive der Gewerkschaften) irgendwann nicht mehr greifen. Wenn man die Politik braucht, dann wird sie umgarnt. Fordert sie hingegen ehrgeizige Anstrengungen bei der Schadstoffreduzierung, dann werden die bekannten Argumente (Jobverluste etc.) ins Feld geführt. Dabei droht diesbezüglich viel mehr Gefahr durch den hausgemachten Transformationsprozess hin zu digitalisierten Produktionsprozessen und Verwaltungsabläufe. Hier drohen massive Netto-Arbeitsplatzverluste. Darauf deuten bisher alle Untersuchungen hin. Eine befriedigende Antwort auf diese Herausforderung steht bislang aus. Osterloh und Daniela Cavallo werden sie geben müssen.

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