„Wir müssen zeigen, dass wir noch da sind“

Wolfenbüttel.  Im Landkreis Wolfenbüttel gibt es viele kleine Kulturbetriebe. So sehen sie die Zukunft.

Der Berliner Folksänger und Songwriter Tobias Panwitz spielte am Abbenröder Mühlencafé ein Open Air Konzert.

Der Berliner Folksänger und Songwriter Tobias Panwitz spielte am Abbenröder Mühlencafé ein Open Air Konzert.

Foto: Frank Schildener

Der Landkreis zeichnet sich durch viele kleine Kulturbetriebe aus, die zum Teil hauptberuflich, zum Teil ehrenamtlich betrieben werden. Wie sehen sie im Moment ihre Zukunft? Können sie weitermachen? Ein Ausschnitt.

Kunst will leben und sich zeigen

Wir besuchen Thorsten Stelzner am Freitagabend vor dem neuerlichen Lockdown in seiner „Vita-Villa“ in Wolfenbüttels Altstadt, direkt in „Klein Venedig“. Es ist Vernissage-Zeit. Stelzner, seines Zeichens Galeriebetreiber und Satiriker, eröffnet gerade die Ausstellung „Aus einer meiner Welten“ des Zeichners Jürgen Mennecke. Besuch ist spärlich, Mundschutz tragend und auf Abstand bedacht. „In beiden Galerien ist seit März nichts passiert“, erklärt Stelzner mit Blick auf Live-Veranstaltungen. Sowohl in der Vita-Mine in Braunschweig als auch in der Vita-Villa laufen neben den Ausstellungen normalerweise Lesungen und Konzerte. „Keine Ausstellung zu machen wäre fatal gewesen“, sagt er. Kunst wolle, unabhängig davon, dass

sie im Normalfall viele Menschen ernähre, leben und sich zeigen. „Wenn ich nichts machen würde, ginge ich kaputt“, ergänzt er. Eigene Auftritte waren rar in diesem „Seuchenjahr“. „Das war hammerhart, aber was nutzt es zu meckern“, sagt er dann. „Ich habe Leute hier sitzen, die 30 Jahre einen großartigen Job gemacht haben und jetzt seit März keinen Cent mehr verdient haben“, berichtet er weiter. Rosig sei das alles nicht. „Wir müssen Präsenz zeigen, zeigen dass wir noch da sind, und das auch mal laut“, fordert er. Die Vita Villa und auch die Vita Mine in der Nachbarstadt bleiben geöffnet, erklärt er. „Ich mache mit Ausstellungen weiter“, bekräftigt er.

Info: www.dievitamine.de

Künstler nicht alleine lassen

„Wir haben absolute Sendepause“, erklärt Alexander Walewski, Betreiber des Kleinkunstkabaretts (KKK) in der Ahlumer Straße. Aber unterkriegen lassen will er sich nicht. „Sobald es wieder grünes Licht gibt, mache ich weiter“, sagt er am Telefon. Er telefoniere regelmäßig mit den Künstlern, halte Kontakt. Immerhin: Die Vorarbeit für ein ganzes Jahr war bereits gemacht, das Programm stand. „Abstandsregelungen kann ich bei mir nur schwer einhalten. Und nur ein Viertel der Besucher einzulassen, bezahlt die Gagen der Künstler nicht“, sagt er. Für die Zukunft lässt sich nicht viel planen, trotzdem müssen die Räume weiter unterhalten werden. „Das kostet weiter Geld, das man nicht bekommt“, berichtet Waleswski. „Die Künstler wachsen einem ja auch ans Herz, da will man helfen und sie nicht allein lassen“, fährt er fort. Er denke neben den Künstlern auch an das Stammpublikum, dass dem KKK seit vielen Jahren die Treue halte. „Es tut mir leid“, sagt er schließlich und fügt, fast ein wenig trotzig, hinzu: „Die Räume gibt es noch und mich gibt es hoffentlich auch noch für ein paar Jahre“.

Info: www.kleinkunstkabarett.de

Kuchen to go im Mühlencafé

Aufgeben will auch Claudia Zierenberg nicht, die sowohl als Gastronomie- wie auch als Kulturbetreiberin betroffen ist. „Die Perspektiven sind kleiner geworden. Normalerweise starten wir im März in die nächste Saison, das wird jetzt für den Mai geplant“, berichtet sie. Den Café-Betrieb fährt sie herunter. „An den Wochenenden bieten wir jetzt vom 2. bis 29. November wieder unseren Kuchen to go an“, berichtet sie. Für die Übergangszeit bis zur nächsten Saison will sie in „einem anderen Job“ unterwegs sein. Sie bemerke unter Gastronomie- und Kulturkollegen „ganz viel Wut“. „Ich habe Angst, dass viele die Kraft und den Mut verlieren“, sagt sie. Und wie sieht sie die Perspektive für sich und ihr schönes Café? „Ich bin optimistisch, dass ich es hinbekomme“, schließt sie.

Info: www.abbenroder-muehlencafe.de

Kunstschaufenster bei den Artmen

„Wir haben beschlossen, jetzt schon in die Winterpause zu gehen“, berichtet Angelika Soluk von den Artmen in Abbenrode. In den letzten Monaten haben sie ihre Lesungen aus den kleinen Galerieräumen auf die Terrasse verlegt. „Das hat sehr gut funktioniert“, sagt sie. Auch bei den Artmen war das Programm für die ganze Saison bereits durchgeplant, vieles musste nun abgesagt werden. „Wir planen schon das

Programm für das kommende Jahr, doch dass wir im Moment keine Einnahmen generieren, die uns die laufenden Kosten für die Galerie bezahlen, ist bitter“, erklärt sie weiter. Viel schlimmer sei jedoch, dass die große Kreativität vieler Künstler nicht gezeigt werden könne. „Das ist gerade ganz schwierig“, sagt sie. Bis Ende Februar taucht die Galerie in die Winterpause ab. Bis dahin muss sich die eigene Kreativität anders Bahn brechen: „Unser Kunstkoffer reist weiter durchs Land und damit es an der Galerie nicht ganz still wird, haben wir ein Kunstschaufenster mit wechselnden Objekten eingerichtet“, sagt sie und fügt hinzu: „Jetzt geht erst einmal die Gesundheit vor. Wir freuen uns von Herzen auf ein Wiedersehen 2021“.

Info: www.artmenabbenrode.de

Bluenote setzt virtuelle Konzerte fort

Ob „Wohnzimmerkonzerte“ in Bluenotes guter Stube, der Kommisse oder Weihnachts- oder Sommernächte im Schloss Wolfenbüttel: Der Kulturverein Bluenote ist vielen Wolfenbüttelern eine gute Adresse für großartige Konzerte. Jetzt ist Pause mit Live-Konzerten, Aktivitäten finden online statt. „Mit dem, was wir an Förderung bekommen und unseren Mitgliedsbeiträgen kommen wir plus minus null heraus“, sagt Vereinsvorsitzender Horst Krups. Geplant waren in diesem Jahr noch das traditionelle Concert for Chris Jones in der Kommisse und Celtic Christmas im Schloss. Wenn diese Ausgabe erscheint, hat gerade das Konzert für Chris Jones stattgefunden. Online ins Netz gestreamt, aus den Wohnzimmern der Künstler auf den Youtube-Kanal des Vereins. „Wir wollen die Streaminggeschichten weitermachen“, berichtet Krups. Sobald es Lockerungen gebe, solle es auch wieder Veranstaltungen mit Publikum geben. „Wenn es ein bis zwei Monate nicht geht, ist das so. Wir machen auf jeden Fall weiter“.

Info: www.bluenote-wf.de

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