„Kiezdiva“, alias Iris Schumacher, bewegt im Lessingtheater

Wolfenbüttel.  Ein sentimentaler Blick zurück mit Iris Schumacher stand auf dem Programm. An Abwechslung fehlte es nicht in den Geschichten.

Iris Schumacher im Lessingtheater

Iris Schumacher im Lessingtheater

Foto: Rainer Sliepen

In dunkler Gegenwart strahlt die Vergangenheit umso heller. Das ist kurz gesagt das Showkonzept der „Kiezdiva“, alias Iris Schumacher. Jetzt ging ein Stück ihrer Lebensgeschichte über die Bühne des Lessingtheaters.

Auch die Inszenierung des Abends schien dem Prinzip des größtmöglichen Kontrastes verpflichtet. Statt Flitter, Trubel und Effekten gewollte Tristesse. Dunkle Bühne, Klavier, Mikrofon. Die Diva verstärkte mit hausfraulichem Outfit das immer präsente Gefühl von Wehmut und Melancholie.

Die Sache mit der Nostalgie

Aber so ist das mit der Nostalgie. Man beklagt Verlorenes, weil man der Zukunft nicht so recht traut. War früher alles besser?

Iris Schumacher lässt die alten Zeiten des „Broadway“ Deutschlands wiedererstehen. Da brummte der Laden. Das Publikum staunt über intime Einblicke in die verwinkelten Garderoben und alkoholgeschwängerten Katakomben der „Big-Five“, des Schmidt-Theaters, der Musicalhäusern Imperial und Holstenwall, des Operettenhauses und des St.-Pauli-Theaters.

Ein Sündenpfuhl

Da drängten sich die Schwulen, dazwischen halbnackte Tänzerinnen und aufgeregte Inspizienten. Draußen, so Schumacher, die allgegenwärtigen Nutten. Ein Sündenpfuhl der gemütlichen Art. Und ein wahnwitziges, wunderbares Tohuwabohu.

Mittendrin in der verrückten Welt des Theaters Iris Schumacher. Anfangs miserabel bezahlt, aber voll Faszination für diese Wunderwelt. Sie vermittelt diese Atmosphäre durch kleine Anekdoten, mit typischen Gesangseinlagen aus großen und kleinen Musicals. Ihre Stimme ist musicaltypisch wandlungsfähig. Mal voll Schmelz, mit eingedunkeltem romantischem Vibrieren, dann explosiv in metallischem Glanz und wahnwitzigen Höhen. Es erklingen Lieder aus den legendären Shows von „Grease“ bis „Rocky Horror Show“.

Und auch Olivia Jones

Sie schildert die boomende Zeit der Anfangsjahre und die Gegenwart, geprägt von dem Kiez-Superhit „Heiße Ecke“ bis hin zum Musical, das noch über Travestiekünstler Olivia Jones geschrieben werden muss.

Aber dann der langsame Abstieg. In den Auditions, dem Vorsingen für künftige Rollen, sitzen jetzt Businesstypen. Zack-Zack muss das gehen. Keine Zeit für künstlerische Entwicklung.

Die Abba-Zeit ist dann noch einmal erfüllend. Iris war dabei. „Mamma Mia“. Ihre Augen und ihre Stimme leuchten. „Super-Trooper“. Eine tolle Zeit. Und Mary Roos. „Hamburg im Regen“. Das ist Heimweh der berührenden Art.

In die Tiefen der Vergangenheit

Sie wohnt um die Ecke. Bei Rewe sieht man sich. Heute dominieren untergewichtige Modeltypen mit aufgepepptem Stimmmaterial. Polyester statt Baumwolle. Und das Publikum, streut Iris ein, sei mit Esprit und Wortwitz von „Grease“ eher überfordert. Aber so ist das mit den Vergleichen.

Der Blick in die Tiefen der Vergangenheit führt zu liebenswerten Unschärfen. Zum Schluss einer bewegten Lebensstory ein leiser bittersüßer Abgesang. Langer Applaus auch für Pianistin Nadja Bernhard.

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