Corona-Verdacht in Schladen: Pächterfamilie in Quarantäne

Schladen.  Die Schladener Tankstellenpächterin wird erst positiv und dann negativ getestet. Das hat Konsequenzen.

Blick auf die Tankstelle in Schladen. Betreiber und Mitarbeiter sind in Quarantäne und werden im Netz beschimpft.

Blick auf die Tankstelle in Schladen. Betreiber und Mitarbeiter sind in Quarantäne und werden im Netz beschimpft.

Foto: Archivfoto: Stephanie Memmert

Bianca Saust, Pächterin der Tankstelle in Schladen, ist erst corona-positiv und zwei Tage später negativ getestet worden. Auch die Tests ihres Ehemanns, Thomas Saust, und ihrer Tochter Ann-Kathrine, die auf der Tankstelle mitarbeiten, sind negativ ausgefallen. Ein weiterer Mitarbeiter ist inzwischen ebenfalls negativ getestet worden. Und trotzdem hebt der Landkreis Wolfenbüttel die Quarantäne gegen die Familie Saust nicht auf. Sie wird inzwischen im Internet denunziert und beschimpft.

Ehefrau, Tochter und Enkel wollten nach Tunesien fliegen

„Die Quarantäne wird nicht aufgehoben, weil Frau Saust positiv auf das Corona-Virus getestet wurde. Laut Empfehlung des RKI ist in diesem Fall eine Quarantäne von zehn Tagen zu verfügen. Diese wird auch mit einem negativen Test nicht frühzeitig beendet“, erläutert Andree Wilhelm, Pressesprecher des Landkreises Wolfenbüttel. Die Quarantäne für ihre Familie bleibe bestehen, weil es sich um Kontakte ersten Grades zu Bianca Saust handele.

Alles fing damit an, dass Bianca Saust und ihre Tochter Ann-Kathrine mit Enkel Elyas (5) in den Urlaub nach Tunesien fliegen wollten. „Obwohl Tunesien zum Zeitpunkt der Reisebuchung noch nicht als Risikogebiet galt, forderte das Land von Einreisenden einen Corona-Schnelltest“, erzählt Thomas Saust.

„Kein Problem“, sagt Bianca Saust. Sie und ihre Tochter ließen sich am Dienstag, 6. Oktober, bei ihrem Hausarzt testen. Elyas brauchte nicht getestet zu werden, weil er jünger als zwölf Jahre ist und keiner Testpflicht unterliegt. Das Ergebnis bekamen die beiden Frauen am Mittwoch, 7. Oktober: Der Test von Bianca Saust war positiv, der von Tochter Ann-Kathrine negativ. Das war ein Schock für die Familie.

Das Gesundheitsamt Wolfenbüttel verhängt eine Quarantäne

Der Mitarbeiter des Gesundheitsamtes Wolfenbüttel habe eine Quarantäne für sie, ihre Tochter, ihren Mann und das Enkelkind ausgesprochen, erzählt Bianca Saust. Per Mail habe sie eine Liste vom Gesundheitsamt Wolfenbüttel erhalten, auf der sie alle ihre Kontakte habe aufführen sollen. „Da ich Erkältungssymptome hatte, hatte ich nur wenige Kontakte zu dieser Zeit.“ So schrieb sie ihre Kontaktpersonen auf: ihren Mann, ihre Tochter, ihren Enkel, zwei weitere Mitarbeiter in der Tankstelle und ihre Freundin.

„Ich hätte vermutet, dass meine Tochter auch eine Liste mit Kontakten hätte ausfüllen müssen, weil sie ja mit mir in Kontakt war. Aber das musste sie nicht. Warum auch immer“, sagt Bianca Saust. Andree Wilhelm klärt auf: „Kontakte von positiv-getesteten sowie von erkrankten Personen werden nachverfolgt. Beides trifft nicht auf die Tochter zu, sie wurde negativ getestet und zeigt keine Symptome. Daher sehen wir keinen Handlungsbedarf und müssen keine Kontakte nachverfolgen. Als Kontakt 1. Grades ist die Tochter in 14-tägiger häuslicher Quarantäne.“

Bianca Saust fragt sich, warum sie nicht auch wie ihre Freundin ein Gesundheitstagebuch führen soll? Andree Wilhelm sagt: „Ein Tagebuch, in dem Sie Ihren Gesundheitszustand dokumentieren soll, ist dem Quarantänebescheid beigefügt.“ Thomas Saust meint, nur er habe so ein Tagebuch bekommen, seine Frau nicht.

Zu den beiden Mitarbeitern auf der Tankstelle, die nicht zur Familie Saust gehören, berichtet Wilhelm, dass diese umgehend kontaktiert worden seien. „Bei der Ermittlung ergab sich bei einem Mitarbeiter, dass es keinen Kontakt zu Frau Bianca Saust gab. Daher erfolgte eine Einstufung als Kontakt der Kategorie 2, der Mitarbeiter kann normal weiterarbeiten und muss nicht in Quarantäne. Ein weiterer Mitarbeiter hatte Kontakt zu Frau Saust, ist also ein Kontakt 1. Grades und muss daher in Quarantäne.“

Corona-Tests auf eigenen Wunsch gemacht – Ergebnis: alle negativ

Unterdessen entschloss sich Thomas Saust, auf eigenen Wunsch beim Hausarzt einen Covid-19-Test machen zu lassen. Auch seinen Enkel ließ er vorsichtshalber testen. Das Ergebnis lag am Freitag, 9. Oktober, auf dem Tisch: Beide negativ.

Bianca Saust konnte sich nicht vorstellen, dass sie positiv sein sollte, während ihre ganze Familie negativ getestet worden war. Aus eigener Tasche bezahlte sie einen zweiten Covid-19-Test. Das Ergebnis: negativ.

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Bianca Saust würde auch noch einen dritten Covid-19-Test machen lassen. Oder einen Antikörpertest, um zu beweisen, dass sie Covid-19 nie hatte.

Die Veränderungen auf der Tankstelle befeuern die Gerüchteküche

Für die Familie Saust und ihre Tankstelle in Schladen aber nimmt das Schicksal seinen Lauf. Zwar musste die Tankstelle nicht geschlossen, aber die Öffnungszeiten reduziert werden. „Aus anderen Tankstellen-Stationen wurden Mitarbeiter abgezogen, die nun ihren Dienst in Schladen versehen“, erzählt Thomas Saust. Am Samstag habe der zuständige Bezirksleiter der Tankstellenkette veranlasst, dass an der Tankstelle ein Aushang gemacht wird, der darauf hinweist, das aus Sicherheitsgründen mehrere Mitarbeiter in Quarantäne seien.

Diese Veränderungen auf der Tankstelle befeuerten nun die Gerüchteküche. Vor allem in den sozialen Medien ging die Post ab: „Leute, fahrt nicht auf die covidverseuchte Tankstelle in Schladen“, habe einer gepostet. Und aus ihrem privaten Freundeskreis erhielt Bianca Saust die Warnung: „Halte Dich von uns fern.“

„Wissen Sie, ich bin hart im Nehmen. Aber wo bleibt hier eigentlich die Menschlichkeit? Wenn sich meine Nachbarin ein Bein bricht, schenke ich ihr ein Blümchen und frage, ob ich vielleicht für sie einkaufen gehen kann. Uns hat man noch nicht einmal Genesungswünsche ausgesprochen“, sagt Bianca Saust, die sich mit ihrer Familie wie Aussätzige fühlt.

Hinzu kommt: „Wer die Diagnose positiv bekommt, hat als erstes nur eines: Angst! Was ist, wenn es schlimmer wird? Wenn ich keine Luft mehr bekomme? Ich habe vom Gesundheitsamt Wolfenbüttel keine Informationen bekommen, an wen ich mich dann wenden kann“, sagt Bianca Saust. Andree Wilhelm widerspricht: „Frau Bianca Saust wurde vom Gesundheitsamt darüber informiert, dass Sie sich mit dem Gesundheitsamt und Ihrem Hausarzt in Verbindung setzen soll, falls sich ihre oder die Symptomatik der Familie verändern sollte.“

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