Asse-Pate Bertram vermisst Gesamtkonzept für Atommülllager

Wolfenbüttel.  Der Asse-Pate Rolf Bertram vermisst ein Gesamtkonzept und kritisiert: Der Betreiber des Atommülllagers Asse II verliert sich in Einzelmaßnahmen.

Professor Rolf Bertram wird in der der Asse-Begleitgruppensitzung Ende November von der Vorsitzenden der Begleitgruppe, Christiana Steinbrügge  zum Asse-Paten ernannt. 

Professor Rolf Bertram wird in der der Asse-Begleitgruppensitzung Ende November von der Vorsitzenden der Begleitgruppe, Christiana Steinbrügge  zum Asse-Paten ernannt. 

Foto: Kai-Uwe Ruf

Der Physiker Rolf Bertram wurde während der letzten Sitzung der Asse-II-Begleitgruppe zum Asse-Paten ernannt. Der Göttinger Professor gehörte von Beginn an der Asse-Begleit-Gruppe als Experte an. Das Gremium hat die Aufgabe, den Prozess der Rückholung des Atommülls aus des Asse kritisch zu begleiten. Redakteur Kai-Uwe Ruf sprach mit dem Atomkraft-Kritiker über sein Engagement, die Gefahren des Atommülls, den Zustand der Asse und darüber, warum sich die Rückholung nur schleppend entwickelt.

Warum haben Sie ihr Engagement als Berater in der Asse-II-Begleitgruppe jetzt beendet?

Mein seit 10 Jahren laufender Beratervertrag ist Ende März ausgelaufen. Meine Wiederbewerbung war nach Mitteilung des Auftraggebers (die Redaktion: Karlsruher Institut für Technologie KIT) aus „formellen“ Gründen erfolglos. Eine inhaltliche Begründung liegt mir bis zum Tag nicht vor.

Nicht zur Freude der Aufsichtsbehörden und der Betreiber habe ich in den vergangenen Jahren wiederholt Maßnahmen und Planungen der Betreiber infrage gestellt. Mit nachvollziehbaren Argumenten habe ich dargelegt, dass wesentliche Annahmen unzulässig seien, da sie nicht den neuesten Stand von Wissenschaft und Technik berücksichtigten. Offensichtlich wurde ich nicht als sachkundiger Berater, sondern eher als Störenfried wahrgenommen.

Meine formale Mitarbeit ist damit beendet, aber keineswegs mein Engagement. Die Lösung des Asse-Problems gehört zu einem der größten und komplexesten Aufgaben, mit denen ich je zu tun hatte. Ich habe den Eindruck, dass immer noch nicht begriffen wird, was wir den kommenden Generationen eigentlich hinterlassen: Atommüll, der die Gesundheit unserer Nachkommen noch Jahrtausende belasten und schädigen wird. Bis hin zu Zeiträumen, in denen niemand mehr wissen wird, woher der Atommüll stammt und sich wahrscheinlich niemand mehr erinnern kann, dass es einmal Atomkraftwerke gegeben hat.

Wie ist die aktuelle Situation in der Asse?

Alle planerischen und technischen Bemühungen des Betreibers verlieren sich in vereinzelten Maßnahmen, die aber für ein schlüssiges und plausibles Gesamtkonzept nicht ausreichen. Nirgendwo in der Welt standen Wissenschaftler und Ingenieure vor der Aufgabe, eine Bergung von 125.000 Gebinde mit Atommüll vorzunehmen. Mit Atommüll, der überwiegend unsortiert und unkontrolliert abgelagert ist – der aus ganz unterschiedlichen Komponenten besteht – und ganz unterschiedlich in den einzelnen Gebinden verpackt ist. Ein Umstand, der von den Entscheidungsträgern wenig beachtet und daher auch in den offiziellen Darstellungen kaum erwähnt wird.

Nicht erst in ferner Zukunft, sondern jetzt und hier sind Vorgänge zu klären, die den Lebensraum nachhaltig belasten. In dem Maße, wie durch Korrosion immer mehr Gebinde undicht werden, wächst die Gefahr, dass es zu gefährlichen Reaktionen mit Verpuffungen, Gasexplosionen und der Bildung von giftigen Substanzen kommt. Für all diese absehbaren Ereignisse fehlen bislang Daten, die eine Abschätzung der Schadensfolgen erlauben würden.

Es fehlt erkennbar aber vor allem die Bereitschaft, sich mit Vorgängen dieser Art zu befassen. Das ist besonders unverständlich, weil vorrangig davon Beschäftigte in der Schachtanlage betroffen sind.

Ich bin mir nicht sicher, ob der Betreiber und ob die in der Sache maßgeblichen Politiker die Tragweite dieser Unterlassungen erkannt haben. Am Anfang aller Bemühungen hätte geklärt werden müssen, was in den Fässern drin ist. Dazu hätten Überprüfungen an zugänglichen Gebinden stattfinden müssen. Es hätte untersucht werden müssen, ob sich während der Lagerzeit Veränderungen ergeben haben und wieviel Gebinde bereits durchkorrodiert sind. Ohne das zu wissen, bleibt das Ganze ein Unterfangen mit hohem Risiko.

Warum kann die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) ihrer Ansicht nach immer noch keinen Zeitplan präsentieren?

Dass die BGE sich schwertut, hat verschiedene Gründe. Das Ziel Rückholung wird seit Jahren verfolgt, ohne ihm näherzukommen. Ganz im Gegenteil, mit jeder neuen Erkenntnis wird der Zeitpunkt des Beginns der Rückholung verschoben. Verständlich ist, dass die Betroffenen das Vertrauen verlieren. Unsicherheit macht sich breit, ob die Wahl der Mittel zum Erfolg führt.

Inzwischen scheinen auch der Betreiber und die Aufsichtsbehörden zu erkennen, dass die bisherige Vorgehensweise revidiert werden muss. Dazu gehört, bestehende Unklarheiten dringend zu beseitigen. Jede im Rahmen der Bemühungen gewonnene Erkenntnis wirft neue Fragen auf. Ein Zeichen, wieviel noch unbekannt ist.

Im zweiten Teil des Interviews spricht Rolf Bertram über die Rückholung und die Gefahr, dass sie scheitert.

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