Schöppenstedterin erfüllt Schwerkrankem Herzenswünsche

Schöppenstedt.   Die 26-Jährige Vivian betreut Nico in ihrer Freizeit. Sie gehen gemeinsam ins Kino und verreisen.

Nico ist an Muskelschwund erkrankt. Er kann seine Beinen nicht und seine Armen kaum bewegen.

Nico ist an Muskelschwund erkrankt. Er kann seine Beinen nicht und seine Armen kaum bewegen.

Foto: Nina Schacht

Die Tür zu Nicos Zimmer öffnet automatisch. Der 20-Jährige kann mit seinen Händen die Türklinke nicht alleine herunter drücken. Nico braucht auch beim Waschen und Essen Hilfe. Seine Brote kann der junge Mann nicht alleine schmieren und seine Schuhe nicht selbst binden, denn Nico ist an spinaler Muskelatrophie (SMA) erkrankt. Der Wolfsburger kann seine Arme kaum und seine Beine gar nicht mehr bewegen. Seine Muskeln sterben ab. Mit 18 Monaten liessen die motorischen Fähigkeiten von Nico nach. Als Kleinkind konnte er nicht mehr krabbeln, seine kleinen Hände zitterten. Seit seinem zweiten Lebensjahr sitzt der Wolfsburger im Rollstuhl. Mittlerweile ist seine Wirbelsäule mit Schrauben und Stäben versteift. Die Ärzte gaben ihm damals drei Monate. Doch Nico kämpfte.

Trotz seiner schweren Krankheit will er leben. Ins Kino gehen, den Park besuchen und Menschen begegnen. Und er möchte raus aus seinem Zimmer im Annastift der Diakovere in Hannover.

Vivian Till-Geiser macht das möglich. Die 26-jährige Krankenpflegerin aus Schöppenstedt unternimmt in ihrer Freizeit mit Nico Ausflüge. „Ich möchte ihm seine letzten Jahre so schön wie möglich gestalten“, sagt Vivian. Und sie könne aufgrund ihrer Ausbildung eine professionelle Pflege leisten. Sie zieht ihn an, schneidet das Essen , leert den Katheder und weiß, welche Medikamente er braucht.

Schöppenstedterin will schwerkrankem Freund Wunsch erfüllen

Die Beiden lernten sich vor fünf Jahren kennen. Vivian betreute ihn während der Schulzeit, begleitete ihn zum Unterricht, trug seinen Rucksack und holte ihm die Bücher aus dem Ranzen. Mittlerweile verbindet beide eine tiefe Freundschaft.

„Vor vier Jahren erfüllte Vivian mir dann einen Herzenswunsch“, sagt Nico. Gleich nach ihrer Ausbildung als Gesundheits- und Krankenpflegerin fuhren sie zusammen nach Amsterdam. Mit dabei war auch Saskia, Nicos Verlobte. Auch sie sitzt im Rollstuhl.

Doch die Organisation der Städtereise war anstrengend. „Schon die Hotelbuchung war aufwendig“, berichtet die 26-Jährige. Drei Mal musste sie die Buchungen wieder stornieren. „Hotels können sich als behindertengerecht im Internet ausweisen, auch wenn nur der Eingang für Rollstuhlfahrer geeignet ist“, sagt die Krankenpflegerin. Doch die Zimmer seien dann noch lange nicht für behinderte Menschen eingerichtet. Auch die Ausflüge gestalteten sich schwierig. „Wir konnten nicht das Anne Frank Haus besuchen und nicht ins Hard Rock Café gehen“, erinnert sich die 26-Jährige. Die Treppenstufen zu den Eingängen seien mit Rollstuhl nicht zu überwinden gewesen. Auch die Suche nach einer behindertengerechten Toilette war schwierig. „Wir suchten über eine Stunde in Amsterdam“, berichtet die Schöppenstedterin. Ein Kellner habe ihnen dann geholfen. Er fragte in Restaurants nach und sprach die Polizei an.

Ohne die Schöppenstedterin hätte Nico diese Reise nie antreten können, denn er war während des kompletten Städtetrips auf ihre Hilfe angewiesen. Im Urlaub pflegte sie ihn 24 Stunden lang. Doch trotz der großen Schwierigkeiten ist es Nicos Wunsch, noch einmal weg zufahren. „Am liebsten ans Meer, denn dort kann sich meine Lunge erholen“, sagt Nico. Er erkrankt immer wieder an Lungenentzündungen, weil er nicht abhusten kann. „Ich werde bald Sauerstoff brauchen werde“, sagt Nico.

Doch eine Reise für Menschen mit körperlicher Einschränkung sei sehr teuer. „Der Aufenthalt in Amsterdam hat für drei Personen und drei Übernachtungen rund 1400 Euro gekostet“, sagt der gebürtige Wolfsburger.

Das kann sich Nico nicht leisten, obwohl er arbeiten geht. Er macht eine Ausbildung als Kaufmann im Gesundheitswesen bei der Diakovere. Der 20-Jährige kümmert sich um die Abrechnungen mit Krankenkassen und um den Einkauf für Krankenhäuser.

Dafür steht er jeden Morgen um fünf Uhr auf. Anders lässt sich das mit dem Pflegepersonal nicht regeln. Noch vor einem halben Jahr musste er mit dem Bus neun Stationen fahren, um morgens in eine behindertengerechte Straßenbahn umzusteigen.

„Meine Pflege kostet monatlich rund 4900 Euro, solange ich in einer stationären Unterbringung wohne“, berichtet der 20-Jährige. Das zahlt das Sozialamt. „Das Amt gewährt mir einen Selbstbehalt von monatlich 100 Euro“, so Nico. Mit Kindergeld und Haustaschengeld hat er knapp 400 Euro im Monat zur Verfügung. Davon zahlt Nico Kleidung, Lebensmittel, die Telefonrechnung und das Internet. „Doch allein meine Medikamente kosten bis zu 130 Euro im Monat“, sagt Nico. Für Nico jedoch kein Grund um aufzugeben. Er kämpft weiter, denn er möchte die Zeit, die ihm bleibt, mit Erlebnissen füllen.

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