Baumann: „Kriegsverrat ist für mich eine Friedenstat“

Wolfenbüttel  Der 93-jährige Ludwig Baumann ist Friedensaktivist und der letzte lebende Wehrmachtsdeserteur.

Ludwig Baumann (93) ist Friedensaktivist und Buchautor. Er wurde 1942 wegen Fahnenflucht zum Tode verurteilt und begnadigt.

Ludwig Baumann (93) ist Friedensaktivist und Buchautor. Er wurde 1942 wegen Fahnenflucht zum Tode verurteilt und begnadigt.

Foto: Lisa Bertram

Zehn Monate lang hat Ludwig Baumann gedacht, sie kommen ihn holen, um ihn zu töten. Er saß im Gefängnis, war zum Tode verurteilt. Der Grund: Fahnenflucht. Das war 1942. Noch heute ist der 93-Jähriger Friedensaktivist und nach Wolfenbüttel gekommen, um während der Sonderausstellung „Was damals Recht war“, seine Geschichte zu erzählen. Mit Redakteurin Lisa Bertram sprach der gebürtige Hamburger über die Zeit im Gefängnis, seinen Kampf für die Anerkennung der Deserteure und das Trauma, das ihn bis heute verfolgt.

Herr Baumann, was haben Sie im Juni 1942 erlebt?

„Wir galten weiterhin als feige Kameradenschweine, Vaterlandsverräter. Drecksäcke.“
Ludwig Baumann (93), Bundesverband Opfer der NS-Militärjustiz

Ich war in Bordeaux mit der Kriegsmarine. Wir haben Waffen gestohlen und sind abgehauen. Aber Grenzsoldaten haben uns gefunden und obwohl wir sie hätten töten können, haben wir uns ergeben und sind ins Gefängnis gekommen. Wir wurden zum Tode verurteilt wegen Fahnenflucht.

Warum haben Sie desertiert?

Ich wollte kein Soldat sein. In Bordeaux waren wir oft im Kino und sahen die Siegesmeldungen in der Wochenschau. Aber auch Bilder von den Kesselschlachten in Russland. Wir wussten, bei der Kälte würden die Menschen dort erfrieren. Wir wollten da nicht mitmachen. Wir wollten leben und keine Kriegsverbrechen begehen.

Sie saßen zehn Monate in der Todeszelle, bevor Sie erfuhren, dass Ihre Strafe längst in 12 Jahre Zuchthaus umgewandelt worden war. Sie waren im KZ, und wurden mit einem Strafbataillon an die Ostfront geschickt. Als Deserteur wurden Sie nach Kriegsende verprügelt und beleidigt und kämpfen seitdem dafür, dass Deserteure rehabilitiert werden.

Nach Kriegsende haben wir gehofft, dass unser Handeln anerkannt würde, aber wir galten weiterhin als feige Kameradenschweine, Vaterlandsverräter. Drecksäcke. Wir wurden bespuckt und verprügelt. Kriegsverrat ist für mich eine Friedenstat. Soldaten wurden immer missbraucht, um Dinge zu zerstören.

Wie haben Sie Ihre Geschichte verarbeitet?

Ich habe es verdrängt und vertrunken. Erst als meine Frau starb und ich die Kinder allein großziehen musste, habe ich aufgehört und bin Friedensaktivist geworden. Jetzt im Alter holt mich alles ein. Ich bin traumatisiert und depressiv.

64 Jahre nach Kriegsende haben Sie Ihr Ziel erreicht: Die Rehabilitierung der Deserteure. Die Urteile wegen Kriegsverrat wurden aufgehoben.

INFORMATIONEN

Ludwig Baumann ist Mitgründer des Bundesverbands Opfer der Militärjustiz und erwirkte durch seine unerbittliches Engagement, dass die Urteile wegen Desertion und Kriegsverrat aufgehoben wurden.

In seinem Buch „Niemals gegen das Gewissen“ hat er seine Geschichte aufgeschrieben.

„Militär und Justiz im Nationalsozialismus. Praxis und Erinnerung“ heißt die nächste Podiumsdiskussionen zur Sonderausstellung „Was damals Recht war“ am Donnerstag, 2. Juli, ab 19 Uhr in der Kommisse.

90 Prozent der Politiker waren gegen die Rehabilitierung. Besonders Politiker der CDU haben argumentiert, dass wir nicht rehabilitiert werden können, weil wir damit die Moral der Bundeswehr begraben. Manchmal braucht es einen langen Atem – aber es hat sich gelohnt. Ich habe mich dafür eingesetzt, dass den Deserteuren die Würde wiedergegeben wird. Ohne Würde kann niemand leben. Aber es ist alles fließend und kann wieder vergessen werden.

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