Vortrag über Gedenkstätte eskalierte

Wolfenbüttel  Referent Helmut Kramer erhob schwere Vorwürfe. Die Leiterin weist die Behauptungen zurück.

Zu einem Eklat geriet der Vortrag des ehemaligen Richters am Oberlandesgericht Braunschweig, Dr. Helmut Kramer, im Rathaussaal. Sein Thema „Vergessene und verschwiegene Geschichte – Die Geschichte der Gedenkstätte Wolfenbüttel“ entwickelte sich von der Sorge über die Außenwirkung der Einrichtung rasch zu einer Aufzählung angeblich „krassester Versäumnisse und Fehlleistungen“ des langjährigen Gedenkstellenleiters. Dessen Nachfolgerin bezog auf Anfrage unserer Zeitung Stellung zu den Vorwürfen.

Kramer sprach von systematischer Abschottung gegenüber der Öffentlichkeit, von Wagenburgmentalität, von Überforderung und Verschleierung, von Ausgrenzung und Diffamierung von Kritikern. Die rund 80 Zuhörer hörten mit Verwunderung von eigenmächtig festgelegten Arbeitszeiten, Urlauben ohne Antrag, laxen Dienstkontrollen, nachlässiger Dienstauffassung, mangelnder Kompetenz.

Eine weitere Schwachstelle sei die Ausblendung der Täter- zugunsten der Opferbiografien. Dies sei auf „Untergewichtung“ der Täter und ihrer Taten zurückzuführen. Hierzu benötige man mehr als eine normale Historikerausbildung, meinte Kramer.

Schlampig sei auch die Ausgestaltung der Justizopfergräber auf dem städtischen Hauptfriedhof. Zur Gewährung von öffentlichen Pflegegeldern habe die Gedenkstätte den notwendigen Antrag der Stadt beim Land zu zögerlich begleitet.

Misswirtschaft sieht Kramer auch bei der Archivierung. Möglicherweise gäbe es nicht einmal einfachste Aktenführung. Folge sei der vermutliche Verlust von Dokumenten. Besonders empört zeigte sich Kramer über die fehlende Historie zur Gründungsgeschichte der Gedenkstätte.

In der lebhaften Diskussion wurde das Verfahren, einen Abwesenden zu kritisieren, heftig gerügt. Die Redaktion bat die neue Leiterin der Gedenkstätte, Martina Staats um eine Stellungnahme zu den Vorwürfen. Sie zeigte sich entsetzt über Form und Inhalt. Ihr Vorgänger sei ein sachkundiger Leiter mit vielen verdienstvollen Initiativen gewesen wie Einrichtung der Gräberfelder, Exkursionen mit Schülern, Treffen mit Bürgern. Wahrung der Menschenwürde sei ihm immer oberstes Gebot. Deshalb sei ihm der Austausch mit der Öffentlichkeit und Bereitschaft zur Kritik immer wichtig. Die Dienststelle sei zudem durchaus erreichbar. Gespräche mit Überlebenden und Familienangehörigen hätten aber Priorität. Die Arbeitszeiten würden elektronisch erfasst. Täterbiografien lägen an Pultbänken aus, eine Aufarbeitung des Unrechts gerade bei der Justiz sei selbstverständlich. Die Kritik am Gräberzustand falle in die städtische Zuständigkeit. Hier habe die Gedenkstelle zugearbeitet. Sammlungen auf Basis der Überlassung von Dokumenten der Hinterbliebenen gebe es. Über die Einsichtnahme entschieden die Vermächtnisgeber.

Die Verdienste von Helmut Kramer bei der Verhinderung des Abrisses der Gedenkstätte würdigte Staats ausdrücklich. Eine Schautafel in der JVA gebe Einblicke über die historischen Daten. Staats abschließend: Sie schätze ihren Vorgänger als einen tadellosen Kollegen und Fachmann.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder