Studierende sollen wissen, was sie tun

Wolfenbüttel  Im Zentrum für erfolgreiches Lehren und Lernen an der Ostfalia entsteht derzeit ein neuer Kursus für Studierende der Elektrotechnik.

Peter Riegler und Gerd Kortemeyer.

Peter Riegler und Gerd Kortemeyer.

Foto: Stephanie Memmert

„Wir planen einen neuen Kursus in der Elektrotechnik mit besonderem Blick auf konzeptionelles Verständnis und Algorithmik“, berichtet Gerd Kortemeyer (45). Er ist schon den ganzen Sommer zu Gast bei Peter Riegler, dem Leiter des Zentrums für erfolgreiches Lehren und Lernen.

Die beiden Professoren an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaft haben die Erfahrung gemacht, das die Studierenden Sachverhalte prima ausrechnen können, aber überhaupt nicht wissen, was sie da machen. Das sei ein weltweites Phänomen.

Bemerkbar mache sich das so: Studierende hätten eine Formel, die sie zum Ausrechnen anwenden könnten, aber was sich dahinter verberge, dass wüssten sie häufig nicht.

Ein Beispiel: Peter Riegler nimmt sein Schlüsselbund und wirft es in die Luft. Die Studierenden könnten nun ausrechnen, wie lange es sich in der Luft befindet und wann es wieder zu Boden fällt. Riegler: „Aber warum ist das so? Welche Kräfte wirken auf das Schlüsselbund ein? Genau das wissen viele Studierende nicht und das wollen wir mit unserem neuen Kursus ändern.“

Viele Studierende hätten Vorstellungen in ihren Köpfen, die den physikalischen Erkenntnissen widersprächen. „Wir wollen den Widerspruch in den Köpfen herauskitzeln. Wir wollen, dass die Studierenden ihre eigenen Fehlkonzepte in ihren Köpfen erkennen und beseitigen“, so Kortemeyer.

Er holt eine Batterie, mehrere Kabel und zwei Birnen aus einem Kästchen. Er bringt die Birnen zum Leuchten und stellt die Frage: „Warum leuchten die Birnen?“ Bei vielen Studierenden gebe es grundlegende Missverständnisse über Strom und Spannung.

Am Ende des Kursus sollen die Studierenden Programme schreiben, die solche Schaltkreise ausrechnen. Kortemeyer: „Da muss man schon alles verstanden haben, um es einem Computer beibringen zu können.“

Getestet wird das erworbene Wissen in einer Klausur. „Viele Professoren finden diesen Test trivial“, sagt Riegler. Sie verträten den Standpunkt, dass dieses Wissen Grundvoraussetzung für das Studium der E-Technik sei. In Amerika aber schafften nur 30 Prozent der Studierenden den Test. Kortemeyer: „Das Ergebnis dieses Tests sollte die Lehrenden dazu veranlassen, ihre Haltung beim Lehren zu ändern.“

Zwei Lehramtsstudierende der Technischen Universität Braunschweig werden den Kursus dokumentieren, evaluieren und publizieren. „Wir erfinden hier das Rad nicht neu, sondern profitieren von den Erkenntnissen mit den amerikanischen Studierenden“, erklärte Riegler, weshalb er Kortemeyer den ganzen Sommer zu Besuch an der Ostfalia hatte.

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