Auch Kinder können einen Anwalt bekommen

Wolfenbüttel  Wenn Eltern vor Gericht ziehen, weil sie sich nicht einigen können, wenn es um ihr Kind geht, kommen Menschen wie Ute Jäde ins Spiel.

Puppen hat Ute Jäde immer dabei, wenn sie mit Kindern spricht.

Puppen hat Ute Jäde immer dabei, wenn sie mit Kindern spricht.

Foto: Christine Pelz

Die 45-Jährige ist so genannter Verfahrensbeistand. Dieser wird vom jeweiligen Familiengericht bestellt, wenn es beispielsweise um den Entzug des Sorgerechts geht.

„Ich sehe mich durchaus als Anwältin des jeweiligen Kindes“, erklärt die studierte Juristin. Seit sechseinhalb Jahren ist sie für die Amtsgerichte Wolfenbüttel, Salzgitter, Peine, Wolfsburg und Braunschweig tätig. Über mangelnde Arbeit, so sagt sie, kann sie sich nicht beklagen.

„Allein in Wolfenbüttel habe ich es im Jahr mit rund 40 Fällen zu tun.“ Allerdings gehöre das hiesige Gericht auch zu jenen, die oft einen Verfahrensbeistand bestellten – selbst wenn es rein rechtlich gar nicht nötig sei. Die Aufgabe von Ute Jäde besteht dann darin, zwischen den Eltern eine möglichst gütliche Einigung herbeizuführen. In 80 Prozent der Fälle, so sagt die dreifache Mutter, gelinge ihr dies auch.

Doch bevor sie überhaupt mit den Eltern ins Gespräch komme, suche sie den Kontakt zu den Kindern. „Egal, wie alt das Kind ist und ob es überhaupt schon sprechen kann, ich schaue es mir in jedem Fall an.“

Dass sich Kinder ihr nicht öffnen, hat Ute Jäde erst zweimal erlebt. „Ansonsten erzählen die Kinder meist, dass sie sehr traurig über den Elternstreit sind, dass sie sich am liebsten verstecken würden, dass sie verzweifelt sind und auch schon versucht hätten, den Streit zu schlichten. Wenn ihnen dies nicht gelungen ist, fühlen sie sich verantwortlich dafür.“

Oft hört sich die 45-Jährige eine Stunde die Sorgen und Nöte der Mädchen und Jungen an, um danach deren Eltern aufzusuchen. Abschließend gibt sie dann einen Bericht mit einem Vergleichsvorschlag zum Gericht.

Kurze Verfahren mit einer Einigung, so sagt sie, seien für alle Seiten am besten: „Die Kinder haben das Gefühl, dass sie ihren Eltern noch wichtig sind. Und die Eltern bleiben in der Verantwortung, wobei es keinen Gewinner und Verlierer gibt.“

Besonders wichtig ist Ute Jäde die Nachhaltigkeit von derlei Vergleichen. So könnten immer auch Auflagen wie die Zuhilfenahme von Angeboten einer Erziehungsberatungsstelle festgeschrieben werden. „Schließlich sind die Probleme mit einem solchen Vergleich ja nicht gelöst – also müssen Maßnahmen für die Gesamtsituation ergriffen werden.“

Dass ihre Tätigkeit ein Zuckerschlecken ist, sagt die Juristin nicht. Aber: „Ich führe ja eine Entspannung für die Kinder herbei und das ist positiv.“ Ganz wichtig dabei sei, die Familien so zu nehmen, wie sie sind. „Da geht es nicht um gut oder schlecht.“ 80 Prozent der Eltern seien zugänglich und würden ihre Tätigkeit als Hilfe erkennen. Der Rest habe die Kinder zwischen den vielen Gerichtsverfahren längst aus dem Blick verloren.

Ihren eigenen Willen, so sagt sie, könnten Kinder erst mit der Pubertät entwickeln. „Vorher äußern sie zwar auch einen Willen, aber da muss man genau schauen, wie der entstanden ist.“

Der Großteil ihrer Arbeit sei sozialpädagogisch geprägt. „Aber ich komme aus einer Großfamilie und habe ja drei Söhne.“ Vor allem aber, glaubt die Freiberuflerin, müsse ein Verfahrensbeistand unbedingt Freude an Kindern haben und sich in deren Lage versetzen können.

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