Heinrich prügelt lieber, statt zu quatschen 

Das Theaterstück "Mit eisernem Willen" zeichnet das Bild eines Herrschers nach, der Wolfenbüttel geprägt hat

Lagebesprechung: Herzog Heinrich der Jüngere (Volker Uminski, links) berät sich mit seinem Onkel, Herzog Erich von Calenberg (Hans Jürgen Heinze).    

Lagebesprechung: Herzog Heinrich der Jüngere (Volker Uminski, links) berät sich mit seinem Onkel, Herzog Erich von Calenberg (Hans Jürgen Heinze).    

Foto: Stephan Hespos

WOLFENBÜTTEL. Diplomatie ist seine Sache nicht. Wutschnaubend erregt sich der Herzog über "den Schriftkram der Tintenkleckser". Er wolle lieber "dreinschlagen – nach guter alter Sitte". Armer Heinrich. Das Mittelalter ist passé, die Neuzeit angesagt. Wir schreiben das Jahr 1514. Völlig unvorbereitet steht er an der Spitze des Flickenteppichs Braunschweig-Wolfenbüttel.

Das Interesse an dem angeblich kulturlosen Draufgänger ist groß, der Renaissancesaal im Schloss restlos ausverkauft. Unter der Regie von Angelika Uminski-Schmidt hat der Kulturstadtverein ein Historien-Spektakel inszenieren lassen, das vor allem das politische Wirken Heinrichs des Jüngeren – herrlich aufbrausend: Volker Uminski – in den Mittelpunkt stellt.

Heinrich profiliert sich mit seiner kaisertreuen Politik schnell als heftiger Gegner der Reformation. Und wird darob von Martin Luther als "Hans Worst" verspottet. Die Zuschauer begleiten den Schürzenjäger schließlich in die Schlacht von Sievershausen, in der er seine beiden Söhne, die ihm die Geliebte Eva von Trott (souverän: Sabine Leonhard) geschenkt hat, verliert.

Sie ist es auch, die die einzelnen Szenen der Aufführung zusammenhält. Das Stück lebt derweil von der Kraft der Dialoge, von alten Gewändern und Überraschungen wie Video-Projektionen. Die Darsteller, sämtlich aus Wolfenbüttel kommend, agieren bis auf wenige Ausnahmen auf hohem Niveau. Insbesondere der Schachzug, den Fortgang der Geschichte von zwei tratschenden Dienerinnen (wunderbar: Désirée Paul und Hilke Flammersberger) zu beschleunigen, geht auf.

Am Ende gibt es viel Applaus, vereinzelt "Bravo!"-Rufe. Die Akteure haben sie sich redlich verdient. Überhaupt kann sich das Gemeinschaftsprojekt sehen lassen: Das abstrakte Bühnenbild, das das zersplitterte Reich symbolisiert, wurde in der Justizvollzugsanstalt gefertigt, der Theaterjugendclub und Statisten des BAC Wolfenbüttel einbezogen.

Doch wo viel Licht ist, da ist eben auch Schatten. Zu ehrfürchtig geht das Ensemble mit der Geschichte um – und versäumt es dabei leider, die Charakter-Entwicklung des Herzogs stärker herauszustellen. Vielleicht hätte man den Stoff auch behutsam modernisieren können.

Dem Wunsch nach Authentizität ordnet Angelika Uminski-Schmidt vieles unter. Vielleicht zu viel. So erklingt an einer Stelle englischsprachige Musik, die wohl von John Dowland stammen muss, der damals am Hofe sehr geschätzt wurde. Nur eben nicht von Heinrich dem Jüngeren. Denn Dowland lebte Jahrzehnte später. Auch geriet die Inszenierung mit drei Stunden (inklusive Pause) eindeutig zu lang. Hier wäre ein stärkerer Fokus aufs Wesentliche wünschenswert gewesen.

Gleichwohl: Die Besucher haben eine sehr gelungene Aufführung erlebt. Schade, dass das Stück nur dieses eine Mal gezeigt wird.

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