Volkswagen stoppt Pläne für neues Auto-Werk in der Türkei

Wolfsburg.  VW: Grund der Absage ist die sinkende Nachfrage nach der Corona-Krise. Experte Bratzel: „Die Türkei wird jetzt noch kritischer beäugt werden.“

Der VW-Konzern stoppt die Pläne für den Bau eines neuen Werks in der Türkei. "Hintergrund ist der durch die Corona-Krise erfolgte Einbruch der globalen Automobilnachfrage", erklärte das Unternehmen in Wolfsburg.

Der VW-Konzern stoppt die Pläne für den Bau eines neuen Werks in der Türkei. "Hintergrund ist der durch die Corona-Krise erfolgte Einbruch der globalen Automobilnachfrage", erklärte das Unternehmen in Wolfsburg.

Foto: Sebastian Gollnow / dpa

Nachdem vor allem unter politischen Vorzeichen rüber das geplante VW-Werk in der Türkei diskutiert wurde, setzt nun eine wirtschaftliche Entscheidung dem Projekt ein Ende: Der Wolfsburger Konzern stoppt seine Pläne für den Bau eines Werks bei Izmir. „Hintergrund ist der durch die Corona-Krise erfolgte Einbruch der globalen Automobilnachfrage“, erklärte das Unternehmen am Mittwoch in Wolfsburg. Die Fabrik in der Stadt Manisa war bereits so gut wie beschlossen, hatte aber zuletzt auf Eis gelegen.

Nach ersten Verzögerungen hatte VW zunächst bis zum Jahreswechsel 2019/2020 eine Entscheidung treffen wollen. Mehrfach hatte es geheißen, man sei in „finalen“ Gesprächen. Das Unternehmen hat bereits eine türkische Tochtergesellschaft mit umgerechnet rund 164 Millionen US-Dollar Startkapital gegründet. Wie es mit ihr weitergeht, müsse noch entschieden werden, sagte Konzernsprecher Christoph Ludewig unserer Zeitung.

Kritik wegen Menschenrechtslage in der Türkei

Geplant war ursprünglich, 4000 Arbeitsplätze in der Westtürkei zu schaffen. Volkswagen hatte sich aber zurückhaltender gezeigt, nachdem Kritik an der türkischen Politik in Nordsyrien sowie an der Menschenrechtslage in dem Land laut geworden war. „Aufgrund der Corona-Krise sind die Märkte stark zurückgegangen“, sagte Ludewig nun. „Der Aufbau zusätzlicher Kapazitäten macht deswegen aus heutiger Sicht keinen Sinn mehr.“

Auto-Experte Bratzel: Entscheidung war absehbar

Mit dem neuen Werk sollte, so die Planung vor Corona, vor allem in Osteuropa künftiges Wachstum bedient werden. Nach Einschätzung des Autoexperten Prof. Stefan Bratzel war die jetzige VW-Entscheidung „am Ende absehbar“. Bereits vor der Krise habe es Überkapazitäten gegeben. „Ich gehe davon aus, dass wir in Europa langfristig die Schließung von drei bis fünf großen Auto-Werken erleben werden.“

Für die Türkei erwartet Bratzel, das Land werde nun von potenziellen Investoren „noch kritischer beäugt“ als vorher. Auch wenn letztlich wirtschaftliche Gründe den Ausschlag gegeben hätten, spielten politische Erwägungen bei Standortfragen auch immer eine Rolle. „Andere werden sich jetzt schwerer tun“, so Bratzel. Vor dem Hintergrund von Erdogans autoritärer Politik würden sich Investoren fragen: „Was ist mein moralisch-ethischer Standard?“

Europapolitiker hofft für Auslastung der Werke in der EU

Als „nachvollziehbar“ bezeichnete Bernd Lange (SPD) den Schritt von VW. „Kapazitätsausweitungen sind in dieser Situation schlicht nicht angesagt.“ Der Vorsitzende des Handelsausschusses im Europäischen Parlament äußerte die Hoffnung, dass der Ausstieg aus dem Türkei-Projekt sich positiv auf die Auslastung der VW-Werke innerhalb der EU auswirke.

Großes Bedauern bei der Türkisch-Deutschen IHK

Die Türkisch-Deutsche Industrie- und Handelskammer reagierte mit großem Bedauern auf die Absage. Nach Einschätzung ihres Sprechers Fidel Aksoy hat die Entscheidung einzig mit den geschrumpften benötigten Kapazitäten zu tun. „Davon, dass der Schritt von VW eine Signalwirkung hat, gehen wir nicht aus.“ Die Türkei, so Aksoy, habe viele Vorzüge: etwa tüchtige junge Arbeitskräfte und „umfassende Anreiz- und Fördersysteme“.

Gerade letztere sieht Bernd Lange kritisch. Im Rahmen der Zollunion mit der EU hat sich die Türkei verpflichtet, die gleichen Regeln für staatliche Subventionen anzuwenden wie die EU. „Das Problem“, so Lange: „Die Türkei hat sich nie daran gehalten.“ Jüngst habe die EU ein Dumpingverfahren gegen die Türkei eingeleitet, weil diese – bedingt durch ihre zunehmende Wirtschaftskrise – Stahl zu hochsubventionierten Niedrigpreisen verkaufe. „Das ist völlig inakzeptabel.“

Vor der Pandemie hatte der VW-Konzern geplant, in dem türkischen Werk die Modelle VW Passat und Skoda Superb zu bauen. Bis zu 300.000 Autos sollten jährlich vom Band rollen. Jetzt sollen die Fahrzeuge – beide Modelle sind Verbrenner – in den bestehenden Werken gefertigt werden. In welchen, sei noch unklar, so Ludewig.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder