Real soll als Ganzes verkauft werden

Düsseldorf.  Handelsexperte Hurth hält die offensive Strategie der Metro für einen „Hilferuf“.

Der Real-Markt an der Hamburger Straße in Braunschweig.

Der Real-Markt an der Hamburger Straße in Braunschweig.

Foto: Florian Kleinschmidt/BestPixels.de

Der Handelsriese Metro will seine Supermarkt-Tochter Real möglichst im Gesamtpaket bis zum kommenden Frühjahr verkaufen. Metro-Chef Olaf Koch erteilte einer Zerschlagung am Freitag eine klare Absage. Die Kette solle unter einem neuen Eigner ihren Weg in die Zukunft fortsetzen, ein Verkauf nur der wertvollen Immobilien komme nicht in Frage, betonte er in einer Telefonkonferenz. Zugleich zeigte sich Koch optimistisch, dass die Trennung gelingen wird: Es gebe Interesse an der mit Umsatzrückgängen kämpfenden Kette. Deutsche Konkurrenten wie Rewe oder Edeka werden laut Insidern aber nicht zuschlagen, das Kartellamt dürfte dem einen Riegel vorschieben.

Erst am Donnerstagabend gab der Handelskonzern Metro bekannt, sich von der Warenhauskette trennen zu wollen. Der Einzelhandelsexperte Joachim Hurth von der Ostfalia-Hochschule hält die offensive Kommunikation über die Verkaufsabsichten für „fast einen Hilferuf“. „Es ist zumindest ungewöhnlich“, sagt der Professor für Handelsbetriebslehre. Um einen Verkauf des langjährigen Sorgenkinds Real hatte es immer wieder Spekulationen gegeben. Binnen sechs bis acht Monaten soll Real nun einen neuen Eigentümer finden. Mit dem Einstieg des tschechischen Milliardärs Daniel Kretinsky bei Metro habe die Entscheidung zum Verkauf nichts zu tun, unterstrich Koch.

Für den Metro-Chef, der wegen der Kursentwicklung der Metro-Aktie bei Investoren zuletzt immer stärker in der Kritik stand, könnte eine erfolgreiche Real-Veräußerung ein Befreiungsschlag werden. Er will Metro auf das Großhandelsgeschäft konzentrieren – dazu hatte Koch in der Vergangenheit unter anderem schon die Kaufhof-Warenhäuser verkauft und sich von den Elektronikhändlern Media Markt und Saturn getrennt, die nun zur Holding Ceconomy gehören.

Koch warb für die Einzelhandelskette: Real verfüge in Deutschland über ein Netz aus 282 Märkten – davon 10 in unserer Region – , ein rasch wachsendes Online-Geschäft und ein attraktives Immobilienportfolio von 65 Standorten. „Wir wissen, dass es Interesse für Real gibt." Metro sei bereits in der Vergangenheit auf die Kette angesprochen worden. Ostfalia-Professor Hurth sagt: „Wahrscheinlich ist der Verkauf an eine ausländische Handelskette; aber auch der Einstieg von Finanzinvestoren ist möglich.“ Der US-amerikanische Einzelhandelskonzern Walmart habe Ende der 1990er Jahre die deutschen Ketten Interspar und Wertkauf gekauft, sei aber 2000 aus dem deutschen Markt wieder ausgestiegen. Die Märkte damals seien an Real gegangen. „Ausländer holen sich im deutschen Markt oft eine blutige Nase. Hierzulande ist die Konkurrenz zu den Discountern groß, die Preise niedrig, man verdient nicht viel“, sagt Hurth. Den Einstieg von dem US-amerikanischen Handelsriesen Amazon hält Hurth ebenfalls nicht für ausgeschlossen. Der Online-Händler habe die amerikanische Kette Whole Foods gekauft. Auch Bernstein-Analysten brachten den Namen ins Gespräch. Amazon wollte sich dazu nicht äußern, und Koch hielt sich bei der Nennung von Interessenten bedeckt.

Der Metro-Chef hatte in den vergangenen Jahren bei Real einen Umbau in Angriff genommen. In Braunschweig eröffnet im Oktober nach Krefeld die bundesweit erst zweite Markthalle der Kette. „Real hat zwei Markthallen, das ist knapp über Null“, kommentiert das Hurth. Dieses Imageprojekt habe keine Durchschlagskraft. Real übernimmt Teile des Konzepts in 19 weiteren Standorten. In den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2017/18 machte Real ein Umsatzminus von 1,5 Prozent auf 5,4 Milliarden Euro. Im dritten Quartal schrumpften die Erlöse sogar um 7,2 Prozent.

Die Gewerkschaft Verdi übte heftige Kritik an den Plänen von Metro. Es reiche nicht, „die Braut auf Kosten der Beschäftigten zum Verkauf aufzuhübschen“. Die Betroffenen bräuchten sichere Arbeitsplätze und „keine Dumpinglöhne“. Real ist in diesem Jahr aus dem Flächentarifvertrag mit der Gewerkschaft Verdi ausgestiegen, neue Mitarbeiter fallen nun unter ein neues, billigeres Tarifmodell.

„Erst haben die Beschäftigten auf Lohn verzichtet, um das Unternehmen zu retten, dann hat das Unternehmen den bis dahin gültigen Tarifvertrag geschreddert, und nun soll Real verkauft werden. Wir erwarten, dass die Metro AG wenigstens jetzt Verantwortung für die 32 000 Beschäftigten übernimmt“, erklärte Stefanie Nutzenberger, Mitglied des Bundesvorstands von Verdi.

Verdi-Sekretär Eberhard Buschbom-Helmke vom Bezirksverband Südost-Niedersachsen forderte, dass keine „Filetierung“ der Kette stattfinde. Bei einer Zerschlagung drohe die Schließung von schlechter laufenden Filialen und damit der Abbau von Arbeitsplätzen.

An der Börse sorgte die Nachricht für einen Aufschwung der Metro-Aktien. Sie zählten mit einem Plus von bis zu drei Prozent zu den größten M-Dax-Gewinnern.

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