Philipp und der VfL Wolfsburg: Liebe auf den dritten Blick

Wolfsburg.  Maximilian Philipp hatte schon zwei Chancen, zum VfL Wolfsburg zu kommen. Nun hat er sie genutzt. Und hofft, das fehlende Puzzleteil zu sein.

Der war fast drin: Maximilian Philipp zielt hier knapp an seinem ersten VfL-Tor vorbei. 

Der war fast drin: Maximilian Philipp zielt hier knapp an seinem ersten VfL-Tor vorbei. 

Foto: Darius Simka / regios24

Mindestens 45, je nach Verkehrslage auch mal 90 Minuten brauchte Maximilian Philipp, um von seiner Wohnung in der Moskauer Innenstadt zum Trainingsgelände Dinamos zu gelangen. Bei dem russischen Spitzenklub stand der 26 Jahre alte Angreifer ein Jahr lang unter Vertrag. Bis die Beziehung zu seinem Trainer brach – und sich der VfL Wolfsburg mal wieder meldete. In der VW-Stadt dauert Philipps Arbeitsweg nun höchstens zehn Minuten. „Das passt“, sagt der für ein Jahr ausgeliehene Angreifer, der beinahe schon viel früher in Wolfsburg gelandet wäre. VfL und Philipp – das ist Liebe auf den dritten Blick.

Stephan Schmidt war zwischen 2009 und 2012 Trainer der Wolfsburger A-Jugend. Und der hätte Philipp, damals großes Talent bei Energie Cottbus, gerne zum VfL geholt. Doch der 18-Jährige wechselte lieber zum SC Freiburg. Eine goldrichtige Entscheidung, denn im Breisgau startete Philipp später richtig durch. Nach 41 Torbeteiligungen in 88 Bundesliga-Spielen legte Borussia Dortmund im Jahr 2017 rund 20 Millionen Euro Ablöse auf den Tisch. Philipps erste BVB-Saison lief mit neun Toren und zwei Vorlagen gut. Doch in der Zeit merkte er, dass ihm die öffentliche Aufmerksamkeit in Dortmund nicht behagte. „Egal, was man machte – alles war irgendwo zu lesen“, sagt er.

Dortmund statt Freiburg

Wer auf dem familiären Freiburg kommt, kann sich im rasanten Pott schon mal verlieren. „Ich bin einfach nicht der Typ, der morgens aufsteht, in den Spiegel blickt und sagt: Ich bin der Beste“, erklärt er. Daher überlegte Philipp: Ist so ein riesiger Verein etwas für mich? Oder fühle ich mich bei einem kleineren familiären Klub wohler? In dieser Zeit kam der VfL zum zweiten Mal auf Philipp zu.

Brekalo blieb: Philipp war raus

Im Sommer 2019 liebäugelte Josip Brekalo - wie eigentlich immer - mit seinem Abschied. Wolfsburgs sportliche Führung bereitete sich auf den Fall vor und nahm Philipp ins Visier. Der Stürmer hätte den Schritt in die VW-Stadt gerne getan. Doch dann bekannte sich Brekalo etwas überraschend zum VfL, Philipps Wechsel war vom Tisch. „Blöd gelaufen“, sagt er. So nahm der Angreifer den weiten Weg nach Russland auf sich.

Guter Start in Moskau

Dinamo Moskau, ein ambitionierter Klub mit großem Geldbeutel, zahlte 20 Millionen Euro und ließ Philipp spielen. Roman Neustädter und Konstantin Rausch, Deutsche mit russischen Wurzeln, nahmen ihn in Moskau unter ihre Fittiche. „Sie haben mir geholfen, mich gefahren und alles übersetzt“, sagt der Angreifer, der sich in der „Weltklasse-Stadt“ Moskau schnell zurechtfand. „Gegenüber von meiner Wohnung war eine riesige Mall mit Restaurants auf zwei Etagen. Da ich kein Chefkoch bin, war das für mich optimal“, sagt er lachend.

Auch sportlich lief‘s lange ordentlich für ihn. Im System von Kirill Aleksandrovich Noviko war Philipp im Angriff gesetzt und erzielte neun Tore in 20 Spielen. Doch der Trainer lieferte Gründe für Kritik. Gegen vermeintlich kleinere Teams hatte sich Dinamo immer wieder sehr schwergetan, das sprach Philipp an. Das erzeugte erste Risse in der Beziehung, die sich vergrößerten, als das Team im September in der 2. Runde der Europa-League-Quali gegen Lokomotive Tiflis rausflog. Philipp wurde dafür von Noviko verantwortlich gemacht. Und spätestens danach war der Weg für einen Wechsel frei: „Wir hatten Differenzen. Aber ein verlorenes Jahr“, sagt Philipp, „war es sicher nicht.“

Auch Stuttgart interessiert

Aus der Bundesliga gab‘s Interesse – unter anderem aus Schwaben. „Ich habe auch über den VfB Stuttgart nachgedacht“, sagt Philipp. Aber auch der VfL meldete sich. „Es hat mich gefreut, dass sie wieder an mich gedacht haben nach der schweren Zeit. Ich dachte mir: Was kann ich hier schon falsch machen?“ Zumal mit Jörg Schmadtke, Marcel Schäfer und Oliver Glasner noch die drei Protagonisten an den wichtigen Hebeln sitzen, die ihn schon vor einem Jahr holen wollten.

„Setzen uns zusammen“

So unterzeichnete Philipp einen Leihvertrag für ein Jahr, der eine Kaufoption (rund 11 Millionen Euro) beinhaltet. „Wenn alles passt, setzen wir uns im neuen Jahr zusammen“, sagt Philipp. Um über eine feste Verpflichtung zu sprechen. Was ist er für ein Spieler? „Ich bin abschlussstark, zielstrebig vor dem Tor und brauche kein Rumgetrickse“, sagt er. Ein schnörkelloser Stürmer. Genau das Puzzleteil, das dem offensiv schwachen VfL noch fehlt? „Ich hoffe es“, sagt er.

„Herzlich willkommen zurück“

In Mönchengladbach feierte Philipp sein kurzes VfL-Debüt als Joker, gegen Bielefeld stand er erstmals in der Wolfsburger Startelf. Nicht nur Sportchef Schmadtke stellte Philipp ein gutes Zeugnis aus. Der 26-Jährige sagt: „In den ersten Minuten habe ich schon gemerkt, dass hier alles schneller und robuster ist“, sagt er. „Ich dachte: Herzlich willkommen zurück in der Bundesliga.“ Doch nach einigen Minuten fand er sich besser rein in die Partie. „Man merkt halt, dass das Selbstvertrauen einen riesigen Unterschied macht.“

Nach dem jähen Ende in Moskau sei er nicht mit der breitesten Brust in der VW-Stadt angereist. „Es wird daher noch Zeit brauchen, bis ich wieder ein richtig gutes Spiel mache.“ Die positiven Ansätze waren gegen Bielefeld in jedem Fall zu erkennen. Philipp kann eine neue Waffe in der Wolfsburger Offensive werden. In seiner Heimatstadt Berlin bei der Hertha soll am Sonntag (18 Uhr) das Premierentor fallen. „Das wäre ein Traum“, sagt Philipp.

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