Daniel Reiche: „Ich hätte auch die Trikots getragen“

Wolfsburg  Daniel Reiche spielte in der Meistersaison des VfL Wolfsburg 20 Minuten. Jetzt will er mit Viktoria Köln in die 3. Liga aufsteigen.

Daniel Reiche im Trikot des VfL Wolfsburg II.

Daniel Reiche im Trikot des VfL Wolfsburg II.

Foto: imago sportfotodienst

Ohne Nachspielzeit dauert eine Bundesliga-Saison genau 3060 Minuten. Nicht einmal ein Prozent Spielzeit davon bekam Daniel Reiche in der Meistersaison des VfL Wolfsburg 2008/2009. Und doch ist der heute 31 Jahre alte Innenverteidiger ein VfL-Meister. Am 13. September 2008 wurde er von Trainer Felix Magath 20 Minuten vor Schluss in die Partie bei Hertha BSC eingewechselt. Es sollten bis jetzt die einzigen 20 Bundesliga-Minuten Reiches bleiben. Heute spielt er beim West-Regionalligisten Viktoria Köln und träumt vom Aufstieg in die 3. Liga. Im Interview mit Leonard Hartmann sagt er: „Ich bin mit mir total im Reinen.“

Wo hängt Ihre Meister-Medaille, Daniel Reiche?

Die befindet sich in meinem Elternhaus in Grasleben. Dort habe ich auch noch mein erstes VfL-Trikot, dann meine Fußballschuhe vom DFB-Pokalfinale, das ich mit dem MSV Duisburg gespielt habe. Ein paar greifbare Dinge, damit ich nicht nur Erinnerungen an diese besonderen Partien habe.

Was ist von Ihrem ersten Bundesliga-Spiel hängengeblieben?

Das war einmalig, ein super Erlebnis. Ich wurde in Berlin beim Stand von 1:1 für Christian Gentner eingewechselt. Das war 20 Minuten vor dem Ende, die Partie ist dann 2:2 ausgegangen. Ich stand mit Grafite, Zvjezdan Misimovic, Andrea Barzagli und Co. auf dem Bundesliga-Rasen, auf der anderen Seite spielten Raffael, Marko Pantelic und Arne Friedrich. Die Erinnerungen daran bleiben, die wird mir keiner mehr nehmen können.

Sie waren damals 20 Jahre alt. Hatten Sie das Gefühl, jetzt geht Ihre Bundesliga-Karriere so richtig los?

Ich hätte mir natürlich gewünscht, dass es für mich so weitergeht und dass noch mehr Spiele dazukommen. Aber ich habe nie groß geträumt, sondern war eher Realist und konnte mich und mein Potenzial immer ganz gut einschätzen. Mir war bewusst, dass mehr Spielzeit, mehr Geduld und ein bisschen mehr Glück dazugehört, um sich in der Bundesliga zu etablieren. Man muss einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Das war für mich in diesem Moment der Fall – aber leider nicht noch mal.

Wie war Ihre Rolle damals definiert?

Ich bin zwischen der U23 und der Profimannschaft hin- und hergependelt, stand in der Bundesliga ein paar Mal im Kader, habe aber vornehmlich in der Regionalliga gespielt. In beiden Teams habe ich mich super wohlgefühlt. Bei den Profis haben vor allem Marcel Schäfer und Christian Gentner dafür gesorgt, dass man sich als junger Spieler gut eingewöhnt. Geile Typen. Auch mit Ashkan Dejagah und Diego Benaglio bin ich super klargekommen, Edin Dzeko, Zvjezdan Misimovic und Grafite waren locker drauf. Das ganze Team war top. Aber es ist häufig so, dass die Stimmung gut ist, wenn es sportlich läuft.

Wie haben Sie dann die Meisterschaft konkret erlebt?

Wir hatten mit der U23 vorab noch ein Spiel in Babelsberg, daher sind Patrick Platins und ich ein wenig später zur Meisterfeier gestoßen. Aber es war absolut krass, was in Wolfsburg los war. Da kam in mir eine Zufriedenheit auf: Geil, dabei gewesen zu sein – auch wenn mein Beitrag nicht der größte war. Die Schale mal in der Hand zu halten, war ein krasses Gefühl.

Zwei Jahre nach der Meisterschaft hatten Sie wieder die Chance auf einen Titel. Sie standen 2011 als Stammspieler des MSV Duisburg im DFB-Pokalfinale gegen Schalke 04. Welcher Moment als Sportler war in der Retrospektive größer für Sie?

Das ist schwer zu vergleichen. Beim MSV war ich ein viel wichtigerer Faktor, weil ich häufig gespielt habe. Im Finale haben wir dann richtig auf den Sack gekriegt, auch ich habe nicht meine beste Leistung abgerufen, das hat mich lange geärgert. Nach einer oder zwei Wochen hat dann aber der Stolz überwogen, mit dem MSV dabei gewesen zu sein. Diese Phase hat mich als Mensch und als Sportler sehr weitergebracht, an solchen Erfahrungen wächst man. Beim VfL hatte ich dagegen keinen großen Anteil am Titel. Allerdings war es mein Jugendverein, bei dem ich sieben Jahre gespielt habe. Wenn man mir vorab gesagt hätte, dass der VfL Meister werden kann, wäre es mir herzlich egal gewesen, ob ich gespielt hätte oder nicht. Ich hätte auch die Trikots getragen (lacht).

Welche Geschichte über Felix Magath erzählen Sie, wenn Sie von Freunden zum damaligen VfL-Trainer befragt werden?

Ich war damals mit der Profimannschaft im Sommer-Trainingslager am Wörthersee in Österreich, und die Einheiten waren so intensiv, dass ich mich ohne mich festzuhalten nicht mehr auf die Toilette setzen konnte (lacht). So einen Muskelkater hatte ich. Nach den Tagen dort hat Magath mir gesagt: Daniel, du hast es super gemacht, aber wir fliegen jetzt weiter ins zweite Trainingslager, und du fährst zurück nach Wolfsburg zur U23. Nach der Nachricht habe ich mir erst mal einen großen Eisbecher aufs Hotelzimmer bestellt (lacht). Ich wollte etwas Verbotenes tun.

Sie sind dann 2010 vom VfL zum MSV Duisburg und 2012 zu Babelsberg 03 gewechselt. Heute spielen Sie bei Viktoria Köln. Wie bewerten Sie Ihren Karriereverlauf?

Natürlich hätte ich mir mehr Spiele in der 1. und 2. Bundesliga gewünscht. Dafür habe ich schließlich hingearbeitet. Aber ich bin mit mir total im Reinen. Ich kann in den Spiegel schauen und sagen, dass ich bei jeder Station mein Bestes gegeben und alles versucht habe. Ich denke, ich habe das Maximum herausgeholt. Außerdem habe ich mich überall wohlgefühlt und Freunde gefunden. Das waren schon extrem coole Jahre.

Mit Viktoria verfolgen Sie noch ein großes Ziel.

Ja, wir sind derzeit mit drei Punkten Vorsprung Tabellenführer der Regionalliga West und dürfen in dieser Saison ohne Relegation aufsteigen. Ich hoffe, dass das bis zum Schluss so bleibt und dass ich mich mit dem Aufstieg aus Köln verabschieden kann. Wir haben so viel Qualität im Team, dass wir es schaffen müssen.

Und wie geht es dann für Sie weiter? Ihr Vertrag läuft aus.

Wir ziehen im Sommer zurück nach Grasleben in mein Elternhaus. Meine sportlichen Ziele liegen dann eventuell nicht mehr in der Regionalliga, aber aufhören will ich eigentlich noch nicht. Ich bin in dieser Frage aber relativ entspannt, habe noch nicht großartig herumtelefoniert, ob mich ein Verein haben möchte. So viele höherklassige Teams gibt es ja in der Umgebung nicht. Das ist kein Vergleich zum Kölner Umland. Mir ist wichtig, dass die Bedingungen gut sind. Und wenn der VfL fragt, würde ich natürlich wieder voll angreifen (lacht).

Wie geht es beruflich weiter für Sie?

Ich habe während der Karriere eine Fortbildung zum zertifizierten Betriebswirt gemacht. Darauf will ich dann aufbauen, am liebsten im kaufmännischen Bereich mit sportlichem Bezug.

Wie ist Ihr Draht heute zum VfL?

Ich habe mir vorgenommen, vorbeizuschauen, wenn ich zurück in der Heimat bin. Ich hatte in den vergangenen Jahren Kontakt zu Pablo Thiam, Julian Klamt und Marcel Schäfer. Ich finde, Marcel ist der richtige Mann für die Position als Sportdirektor. Er bringt eine hohe Identifikation mit, hat in seiner Zeit in den USA viele Blicke über den Tellerrand hinaus bekommen und natürlich auch als Spieler seine Erfahrungen gesammelt, die dem VfL jetzt zugutekommen. Ich habe den Klub auch nach meinem Abgang immer weiter als Fan verfolgt. Schön, dass es jetzt wieder besser läuft.

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