Eintracht-Amateure: Ins deutsche Finale für 100 Mark Prämie

Braunschweig.  Blau-gelbe Momente: Die Braunschweiger Zweitvertretung durfte 1969/70 zwar nicht aufsteigen, aber um die Meisterschaft kämpfen.

Eintrachts deutsche Vizemeister 1969/70: (hinten von links) Betreuer Gerhard Hensel, Gerd Bittner, Günter Hillebrecht, Fred Voß, Manfred Voitel, Bernd Viedge, Rainer Slodczyk, Wilfried Wipke, Eberhard Haun, Trainer Hans-Georg Vogel, (unten) Michael Bartkiewicz, Klaus Schubert, Wolfgang Dettmer, Rolf Appel, Wlado Dimitrijevic, Dieter Schlaf. Es fehlen auf dem Foto: Rainer Koschare und Dirk Johannsen.

Eintrachts deutsche Vizemeister 1969/70: (hinten von links) Betreuer Gerhard Hensel, Gerd Bittner, Günter Hillebrecht, Fred Voß, Manfred Voitel, Bernd Viedge, Rainer Slodczyk, Wilfried Wipke, Eberhard Haun, Trainer Hans-Georg Vogel, (unten) Michael Bartkiewicz, Klaus Schubert, Wolfgang Dettmer, Rolf Appel, Wlado Dimitrijevic, Dieter Schlaf. Es fehlen auf dem Foto: Rainer Koschare und Dirk Johannsen.

Foto: Privat

Drei Jahre nach dem Gewinn der deutschen Fußball-Meisterschaft hat nicht viel gefehlt, und Eintracht hätte den zweiten Titel feiern können. Gemeint sind aber nicht die Profis, sondern die Amateure der Blau-Gelben, die vor 50 Jahren im Finale der Deutschen-Amateurmeisterschaft standen, sich aber dem SC Jülich 1910 mit 0:3 Toren beugen mussten. Das Amateurteam konnte sich in der Saison 1969/70 immerhin deutscher Vizemeister nennen.

Keiner der ehemaligen Akteure hat diesen Erfolg bis heute vergessen, alljährlich treffen sich die Spieler, um in Erinnerungen zu schwelgen. Zuletzt 2019, und keiner konnte ahnen, dass die für dieses Jahr geplante Jubiläumsfeier im Juli dem Coronavirus zum Opfer fallen würde.

Wlado Dimitrijevic, der damals beste Torschütze der Amateure, bedauert die aktuellen Umstände: „Wir hatten uns alle auf ein Wiedersehen gefreut, und einiges geplant. Zudem gibt’s immer jede Menge Anekdoten aus alten Zeiten zu erzählen.“

Da hatte der Amateur-Fußball allerdings auch noch einen anderen Stellenwert. Mit der Einführung des Vertragsspielerstatus 1950 hob der Deutsche Fußballbund den Wettbewerb um die deutsche Amateurmeisterschaft aus der Taufe. Qualifiziert waren die jeweiligen Meister der Landesverbände. Gespielt wurde im K.-o.--System mit Hin-und Rückspiel. Der Wettbewerb war in seinen Hochzeiten außerordentlich populär. Als allererster Amateur-Meister konnte sich Bremen 1860 eintragen.

Die Braunschweiger Mannschaft von Trainer Hans-Georg „Hanne“ Vogel feierte in der Saison 1969/70 überlegen die Meisterschaft in der damaligen Landesliga. Aufsteigen in die Regionalliga konnte man als Zweitvertretung nicht. Dafür aber bahnte sich eine Überraschung an, weder Verantwortliche noch Spieler konnten zu dem Zeitpunkt wissen, welches Ereignis ihnen noch bevorstehen sollte.

„Plötzlich kam die Mitteilung vom NFV, dass wir das Land Niedersachsen bei den deutschen Amateur-Meisterschaften vertreten sollen. Die Freude darüber war riesig“, erinnert sich Wilfried Wipke, der sich nach einem Beinbruch gerade wieder rechtzeitig zurück meldete: „Ich muss meinem Trainer heute noch hoch anrechnen, dass er zu dem Zeitpunkt mit mir plante“, freut er sich. „Ich war vor meiner Verletzung immer Stammspieler, was er offensichtlich honorierte.“

Erstrunden-Duell in der geteiltenStadt – zum ersten Mal fliegen

Für die jungen Akteure begann das Unternehmen deutsche Meisterschaft am 31. Mai 1970. Als erster Gegner wurde in der Vorrunde mit Alemannia 90 Berlin ein unbekannter Gegner ausgelost. „Die kannte damals keiner, aber wir waren alle gespannt was uns erwartet“, erinnert sich Bernd Viedge, einer der Abwehrgaranten der Amateure. Das Hinspiel fand in Braunschweig im Freie Turner Stadion statt und wurde überraschend deutlich mit 7:2 gewonnen, Dimitrijevic traf allein viermal.

Was sollte jetzt noch passieren, fragte sich die Mannschaft. Doch die Vorfreude auf die Reise zum Rückspiel in die damals noch geteilte Stadt bekam plötzlich einen Haken. „Drei Spieler von uns waren bei der Bundeswehr, eine Fahrt mit dem Bus nach Berlin war also nicht möglich, und hier lassen wollte uns der Trainer auch nicht. So hat der Verein kurzerhand entschieden, den Flieger ab Hannover zu nehmen. Für mich und auch für einige Andere war es schließlich die erste Flugreise im Leben“, schwärmt Wipke.

Angekommen in Berlin war dann Trainer Vogel in seinem Element. Er kannte sich aus, und zeigte seinen Jungs erst einmal die Berliner Sehenswürdigkeiten, bevor die Partie im Poststadion angepfiffen wurde. Wie schon im Hinspiel waren die Berliner aber kein wirklicher Stolperstein, durch Tore von Dimitrijevic, Voitel und Johannsen gab es einen lockeren 3:0-Sieg.

Als wenig später die Amateure von Eintracht Frankfurt als Gegner für das Viertelfinale ausgelost wurden, war allen klar, dass es nicht wieder so einen Spaziergang geben würde. „Im Vorfeld hörten wir, dass einige Spieler bereits ihren Vertrag beim Bundesligateam in der Tasche hatten, da wurde uns schon etwas mulmig“, kann sich Linksaußen Klaus Schubert noch gut erinnern.

Busgemeinschaft mit Hockey-Frauenlässt Trainer schwitzen

m Tag der Abreise staunten die Kicker im Stadion dann nicht schlecht: Mit an Bord waren die Hockeyspielerinnen der Eintracht, die ebenfalls in Frankfurt antreten mussten. „Wahrscheinlich musste der Verein unsere Flugreise irgendwie refinanzieren, deshalb fuhren gleich zwei Teams in einem Bus.“, mutmaßt Viedge. Aber Spaß beiseite. „Die Plätze wurden eindeutig festgelegt, die Damen links, wir rechts, und unser Trainer vorn als Beifahrer“, erzählt er und schmunzelt: „Der war voller Sorge, dass die Sitzordnung während der Tour durcheinander kam. Als die Hockeyspielerinnen dann in Frankfurt ausstiegen, atmete er erst einmal kräftig durch.“

Die sportliche Aufgabe entpuppte sich wie erwartet als schwierig. Dass aber auch diese Hürde gemeistert wurde, war ein Verdienst von Torhüter Rolf Appel, der bei beiden 1:0-Siegen mit großartigen Paraden das Weiterkommen sicherte: „Manchmal musste ich schon Kopf und Kragen riskieren, und auch meine Vorderleute haben mich nicht im Stich gelassen“, sagt er stolz. Im Frankfurter Waldstadion sorgte Rainer Slodczyk für den Siegtreffer, in Braunschweig traf Michael Bartkiewicz.

Jetzt war es nur noch eine Hürde, die die Blau-Gelben vom ersehnten Finale trennte. Und sollte das ausgerechnet der FV Eppelborn sein? Weil der hier unbekannte Verein aus dem Saarland nur über einen Grandplatz verfügte, wurde die Partie in Theley ausgetragen. Vor 1800 Zuschauern schossen Schlaf und zweimal Dimitrijevic einen beruhigten 3:0-Vorsprung für das Rückspiel am 5. Juli heraus.

Kaum einer der Akteure zweifelte damals am Weiterkommen, doch es sollte noch einmal richtig spannend werden. 2500 Zuschauer eine Woche später wieder im Prinzenpark kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Fast mit der identischen Elf aus dem Hinspiel lagen die Vogel-Jungs plötzlich mit 0:3 im Rückstand. Ein weiteres Tor der Gäste, und der Traum vom Endspiel wäre vorbei gewesen. „Uns flatterten ganz schön die Nerven“, beschreibt Dimitrijevic die dramatische Schlussphase: „Erst haut Gert Bittner den Ball an die eigene Querlatte, kurz darauf stehe ich aber zum Glück richtig, und schaffe in der Schlussminute noch das 1:3.“

Bundestrainer Helmut Schönwünschte jedem viel Glück

Der Jubel war natürlich grenzenlos. Nur der Trainer war stocksauer. „Und irgendwie hatte er recht“, gesteht Dimitrijevic. „Denn keiner wollte auf seine warnenden Worte vor der Partie hören. Obwohl wir jetzt als Finalist dastanden, herrschte in der Kabine Totenstille. Zu sehr saß der Schock noch in unseren Gliedern.“

Eine Woche später, am 11. Juli, folgte das Endspiel in Siegen. Der Gegner war der amtierende Meister SC Jülich. Auf Wunsch des Trainers übernachtete das Eintracht-Team etwas außerhalb. „Er wollte uns wie immer unter Kontrolle haben, immerhin genehmigte er für die gesamte Mannschaft nach dem Abendessen noch ein Bier, das sollte wohl zur Beruhigung dienen“, erinnert sich Schubert.

Zum Finale fand sich Prominenz ein, unter anderem der damalige Bundestrainer Helmut Schön, der es sich nicht nehmen ließ, allen Spieler persönlich viel Glück zu wünschen. Mit dabei waren auch die Vorstände des DFB, der Landesverbände, Braunschweigs Oberstadtdirektor Hans-Günther Weber sowie die Vereinspräsidenten. Den Unterschied aber machten die mehr als 8000 Fans aus. 850 Jülicher waren mit einem Sonderzug angereist, dazu viele in Bussen und Autos. Der Musikzug des Vereins sorgte für Stimmung im schwarz-weißen Fahnenmeer.

Allein schon gegen diese akustische und optische Wand hatten Eintrachts junge Spieler anzukämpfen. Auch bei der Vorstellung der Mannschaften wurde deutlich, dass Jülich den Einträchtlern körperlich überlegen war.

Dass die Braunschweiger an diesem Tag von einer Hochform weit entfernt blieben, erleichterte Jülich den letztendlich den klaren 3:0-Sieg. Obwohl Keeper Appel alles versuchte, war er an den Toren machtlos: „Die waren einfach besser, das haben wir auch anerkannt. Für uns gab`s im Finale nichts zu holen.“

Mitleidiges Lächeln für 100 Mark Prämie

Wie fair es damals zuging, zeigt die nette die Geste der Siegermannschaft. Die lud nämlich die unterlegenen Braunschweiger zum kameradschaftlichen Umtrunk in ihr Hotel ein. Wipke und seine Mitspieler folgten gerne: „Das waren nette Jungs, wir hatten noch jede Menge Gesprächsstoff. Als wir denen dann erzählten, dass wir jeder 100 Mark Prämie bekamen, gab es auf Jülicher Seite nur ein mitleidiges Lächeln. Offensichtlich waren die ganz andere Summen gewohnt.“

Anerkennende Worte gab es auch von Oberstadtdirektor Weber, der den Vizemeistertitel für Braunschweig als großen Erfolg wertete, gleichzeitig sollte er als Ansporn für das kommende Jahr dienen. Doch für die Amateure lief es ein Jahr später nicht so gut, gleich in der 1. Runde kam es zur Wiederholung des Vorjahres-Finales. Der SC Jülich war erneut das bessere Team und sicherte sich später auch den Titel.

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