Qualität ist da, die Hierarchie fehlt bei den Freien Turnern

Braunschweig.  Beim Fußball-Oberligisten ist die Rollenfindung noch nicht abgeschlossen. Statt in der oberen Tabellenhälfte sind die Braunschweiger Schlusslicht.

Turners Marcel Schreyer (links), hier im vergangenen Jahr gegen Northeim, ist stets ein kämpferisches Vorbild. Wegen privater Verpflichtungen kann der 27-Jährige aber derzeit nur eingeschränkt dabei sein.

Turners Marcel Schreyer (links), hier im vergangenen Jahr gegen Northeim, ist stets ein kämpferisches Vorbild. Wegen privater Verpflichtungen kann der 27-Jährige aber derzeit nur eingeschränkt dabei sein.

Foto: Peter Sierigk

Sieben Spiele, noch kein Sieg, Schlusslicht. Den Start in die Fußball-Oberliga hatten sich bei den Freien Turnern alle ganz anders vorgestellt. Am Sonntag beim Vorletzten Arminia Hannover ist die Mannschaft in der Pflicht zu siegen, wenn es noch mit der ursprünglich anvisierten oberen Tabellenhälfte klappen soll – schließlich steht bereits die vorletzte Partie der Hinrunde in einer coronabedingten Kurz-Saison bevor.

Eigentlich schien während der Vorbereitung alles gut zu sein bei den Freien Turnern. Der neue Kader war augenscheinlich gut besetzt, alle zogen mit. Sicher, es herrschte eine Zeit lang etwas Unruhe, weil Chefcoach Kosta Rodrigues mehr als nur ein Kandidat für den Co-Trainer-Posten bei Eintracht Braunschweigs Zweitliga-Team war. Doch irgendwann war auch das Thema geklärt: Rodrigues blieb, ihm zur Seite steht nach wie vor Co-Trainer Stefan Riedel.

Die Qualität der Spieler stimmt

An der Qualität der Spieler gibt es nichts zu zweifeln. Erfahrene Akteure wie Marcel Schreyer, Marvin Fricke, Hendrik Neumann oder Rick Kaupert haben in der Vergangenheit oft genug bewiesen, dass sie dem Niveau gewachsen sind – Ex-Profi Damir Vrancic sowieso. Jüngere Spieler wie Justin Bollonia oder Benedikt Chandra haben schon auf dem gleichen Level gespielt.

Auch Niklas Neudorf gehört dem Kader schon seit Jahren an. Der 23-Jährige spielte zuletzt auf der Zehnerposition statt als zentrale Spitze, was eines zeigt: Die optimale Formation hat Trainer Kosta Rodrigues noch nicht gefunden.

Mangelnde Effektivität vor dem Tor

„Wir ziehen zu wenig Ertrag aus unseren Offensivszenen“, spricht Neudorf einen wichtigen Punkt an. Die mangelnde Effektivität vor dem gegnerischen Tor muss sich die Mannschaft ankreiden lassen – auch wenn Neuzugang Maurice Franke bereits dreimal traf. Der 19-Jährige ist zweifellos ein Gewinn für das Team, wenngleich Angreifer nicht nur an Treffern gemessen werden dürfen.

Neudorf meint, dass ein Sieg viele Probleme lösen würde. Auch Kapitän Marcel Schreyer glaubt an die positive Kraft eines Erfolgserlebnisses. „Im Moment diskutieren wir viel über die Situation und durchdenken ständig alles. Man muss dabei nur aufpassen, dass man sich nicht zu sehr verrückt macht“, sagt er. Aber: Manchmal hilft es auch einfach auf dem Platz alles zu geben.

Schreyer fehlt mit seiner Ausstrahlung

Und gerade da fehlt derzeit ein Spieler wie er. Das Problem: Schreyer trainiert bedingt durch einen Hausbau nur eingeschränkt und ist nach Jobwechsel und zurückliegender Verletzung etwas hinten dran. Einen wie ihn würde Rodrigues wohl gerne spielen lassen – doch wenn der regelmäßig trainierende Konkurrent so nur auf der Bank sitzt, würde das Unruhe schaffen.

Überhaupt scheint es in Struktur und Hierarchie der Mannschaft noch nicht zu passen. „Fakt ist, dass erfahrene Spieler den Ton angeben müssen“, deutet Rodrigues ein Problem an. Bedeutet: Die Rollenfindung, die eigentlich schon mit der Vorbereitung abgeschlossen sein sollte, ist bei den Turnern noch in vollem Gang.

Talente, die schwer zu bändigen sind

Das scheint auch an ambitionierten Ansprüchen aufseiten der Talente zu liegen. Allein unter den sieben aus der eigenen U19 zum Kader gestoßenen Spielern sehen sich einige offenbar nicht nur als lernbereite Ergänzungsspieler. Überhaupt galt die U19 der abgelaufenen Saison als charakterlich schwer zu händelnde Truppe.

Rodrigues will in dieser Woche noch einige Gespräche führen. Nicht draufhauen und Druck erzeugen, lautet sein Motto, sondern den konstruktiven Dialog führen. Auch er scheint mit einigen charakterlichen Eigenarten zu kämpfen zu haben. „Ich kann autoritärer und lockerer sein. Aber wenn es Richtung Spiel geht, gebe immer ich den Ton an“, stellt er klar.

Schlüsselspiel in Hannover

Und so wird sich zügig einiges einruckeln müssen bei den Freien Turnern, bevor es zu spät ist. Das Ergebnis könnte sich im Idealfall schon in Hannover zeigen – im Resultat oder vielleicht auch in der Tatsache, dass nach Abpfiff die jungen Wilden Ballnetz und Eisbox in die Kabine tragen und nicht die Führungsspieler.

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