Union-Torwart Luthe vor Schalke-Spiel: "Es geht nicht um Instagram-Follower"

Berlin/Essen.   Andreas Luthe spricht im Interview über das Spiel gegen Schalke 04, den Konkurrenzkampf mit Loris Karius und sein Engagement für Profi-Kollegen.

Andreas Luthe im Trikot von Union Berlin.

Andreas Luthe im Trikot von Union Berlin.

Foto: firo

Der gebürtige Velberter Andreas Luthe kehrt an diesem Sonntag ins Ruhrgebiet zurück. Mit Union Berlin trifft er auf den kriselnden FC Schalke 04. "Ich will auf Schalke gewinnen", sagt der 33-Jährige selbstbewusst. Doch, ob der Torwart gegen Königsblau überhaupt zwischen den Pfosten stehen wird, ist noch offen. Denn auch Neuverpflichtung Loris Karius hat den Anspruch, die Nummer eins bei den Köpenickern zu werden.

Im Interview spricht Luthe über die Transfer des einstigen Liverpool-Stars, die Liebe zu seinem Ex-Klub VfL Bochum und sein Engagement in der Spielergewerkschaft VDV und der neuen "Taskforce Zukunft Profifußball".

Herr Luthe, wie definieren Sie Heimat?

Andreas Luthe: Heimat ist für mich der Ort, an dem ich mich am wohlsten fühle. Eine Definition ist nicht einfach. Durch den Fußball bin ich viel rumgekommen, habe vier Jahre in Bayern gelebt, jetzt in Berlin. Trotzdem sollte man nie vergessen, wo man herkommt – und meine fußballerische Heimat ist der VfL Bochum.

Was bedeutet Ihnen der VfL noch heute?

Der Profifußball wird neu verhandelt - mit Spielern und FansLuthe: Den VfL werde ich nicht mehr los. Als kleiner Junge bin ich schon mit meinem Vater ins Ruhrstadion gegangen, später war ich dann selbst Profi und durfte dort auf dem Rasen stehen. Die Verbundenheit zum VfL wird für immer bleiben.

Was macht Bochum und das Ruhrgebiet besonders?

Luthe: Die Menschen. Man muss mit der offenen und direkten Art der Leute klarkommen, aber ich mag es sehr. Ich bin mit dieser Ruhrpott-Kultur aufgewachsen.

An diesem Sonntag werden Sie für das Bundesligaspiel gegen Schalke 04 ins Ruhrgebiet zurückkehren. Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf diese Partie?

Luthe: Ich will auf Schalke gewinnen. Die Schalker hatten zum Saisonstart Probleme, sind durch den Trainerwechsel aber nicht mehr so leicht ausrechenbar. Nach unserem starken Spiel gegen Mainz fehlt es uns allerdings nicht an Selbstvertrauen.

Sind Sie mit Union also Favorit auf Schalke?

Luthe: (lacht) Naja, Schalke ist eine mehr als ordentliche Bundesligamannschaft. Wenn sie es schaffen, ihre PS auf die Straße zu bringen, sind sie ein sauschwerer Gegner. Natürlich haben sie in den vergangenen Monaten nicht gut gespielt, aber im Heimspiel werden sie den Turnaround unbedingt schaffen wollen. Unterschätzen sollten die Schalker uns aber nicht. Denn es ist ein Spiel, das uns liegt. Der Druck liegt nicht bei uns.

Sie kennen Schalkes Trainer Manuel Baum aus gemeinsamen Zeiten beim FC Augsburg. Kann er mit Königsblau die Wende schaffen?

Luthe: Ich halte ihn für einen hervorragenden Trainer. Wenn ihm der Kader vertraut und aktiv versucht, seine Vorgaben umzusetzen, dann wird Schalke wieder erfolgreich sein. Entscheidend wird sein, ob sich wirklich jeder voll darauf einlässt, denn Manuel Baum verlangt sehr viel von jedem Einzelnen.

Schalke lebt von Tradition und den Fans – genau wie Ihr aktueller Klub Union Berlin. Was macht Union besonders?

Luthe: Der Verein steht für gewisse Werte, die für die Verantwortlichen wirklich unumstößlich sind. Das mag in manchen Diskussionen auf Gegenwind stoßen, aber der Klub verbiegt sich nicht. Hier sind die Leute ehrlich, gerade heraus. Mir gefällt diese Konsequenz, weil es ähnlich läuft, wie im Ruhrgebiet. Unsere Fans tun wirklich alles für ihren Verein – das ist im heutigen Profifußball eine absolute Seltenheit und richtig cool. Die Verbindung zwischen Klub und Fans ist besonders.

Sie sind in Berlin als Nummer eins in die Saison gegangen, haben zuletzt allerdings einen prominenten Konkurrenten um den Stammplatz im Tor hinzubekommen. Mit welchen Gefühlen haben Sie den Transfer von Loris Karius verfolgt?

Luthe: Ich wusste schon vor Saisonstart, dass ein weiterer Torwart kommen wird. Dass es ausgerechnet Loris wird, damit habe ich nicht gerechnet. Es ist schon verrückt, wie sehr sich die Medien auf ihn konzentrieren. Aber er muss damit klarkommen, für mich spielt das keine Rolle. Ich sehe ihn nur als Kollegen und schätze ihn als Sportler. Er ist ein guter Torwart, mit dem man sicher viel Spaß und Erfolg haben kann.

Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein, die Nummer eins zu bleiben?

Luthe: Gut, weil wir ordentlich in die Saison gestartet sind und ich gute Spiele gemacht habe. Ich mache mir wenig Gedanken, weil ich zufrieden mit meinen Leistungen bin und weiß, was ich im Training zeige.

Beweisen die Transfers von Karius und auch Max Kruse, dass Union Berlin in der Bundesliga das Potenzial hat, mehr zu sein als ein Abstiegskandidat?

Luthe: Für mich sind sie Fußballprofis, die bislang eine ordentliche Karriere hatten. Klar ist aber auch, dass Max und Loris medial intensiver begleitet werden als der Rest unseres Kaders. Doch diese Aufmerksamkeit wird unser Management nicht zu den Transfers bewegt haben. Es geht nicht um Instagram-Follower, sondern um sportliche Qualität – und Qualität haben beide. Das steht außer Frage.

Sie engagieren sich unter anderem im Spielerrat des VDV und der neuen „Taskforce Zukunft Profifußball“. Warum haben Sie es sich zur Aufgabe gemacht, für sich selbst und andere Profi-Kollegen einzustehen?

Luthe: Seit ich mit einem Freund die Hilfs-Organisation „In Safe Hands“ gegründet habe, befasse ich mich intensiv mit sozialem Engagement. Das lässt sich auch auf den Sport übertragen. Es gibt einige Dinge, die wir im Fußball angehen können und es ist ein starkes Zeichen, dass DFL-Geschäftsführer Christian Seifert die Taskforce ins Leben gerufen hat. Es ist einmalig, mit so vielen Experten aus verschiedenen Bereichen an einen Tisch zu kommen. Vertreter aus der Wirtschaft, dem sozialen Sektor und der Politik sind dabei. Das sind Sichtweisen, die im Fußball zuletzt wenig berücksichtigt worden sind. Mein erstes Meeting ist am Montag und ich gehe da ganz offen ran. Ich habe keine konkreten Ziele, will nichts durchboxen. Es ist einfach wichtig, dass Spieler und deren Sichtweisen dort vertreten sind. Schließlich sind wir die Protagonisten, die jede Woche den Rasen umpflügen.

Wie kam es dazu, dass Sie zu einem der Wortführer des deutschen Profifußballs geworden sind?

Luthe: Es war ein Prozess. Ich stehe durch verschiedene Rollen schon länger mit Christian Seifert und der DFL im Kontakt. Bei der Besetzung der Taskforce ging es darum, jemanden zu finden, der die nötige Zeit und Erfahrung mitbringt, die Thematiken auch vor- und nachzubereiten. Durch die Arbeit bei „In Safe Hands“ und mein Studium bin ich in diesen Bereichen gut aufgestellt. Es ist wichtig, dass auch wir Profis brauchbare Ideen und Meetings vorbereiten, denn aus der Taskforce soll etwas entstehen. Es sind keine Treffen, bei denen jeder nur seine Zeit absitzt.

Sind Profis in den vergangenen Jahren zu wenig in Entscheidungen der Verbände und Ligen einbezogen worden?

Luthe: Da gibt es Luft nach oben. Die DFL hat in den vergangenen Monaten allerdings gemerkt, wie nützlich ist es, uns einzubinden. Seit Beginn der Corona-Krise sind wir in regelmäßigem Austausch mit DFL und DFB. Diese Gespräche helfen beiden Seiten. Der Spielerseite bringen sie Verständnis für Entscheidungen, die getroffen werden müssen. Die DFL erhält einen Eindruck, was für Auswirkungen bestimmte Entscheidungen auf Aktive haben. Wir haben in den vergangenen Jahren einiges verschlafen, aber die Taskforce kann ein Startschuss für viele gute Dinge werden.

Welche Dinge sollen konkret verbessert werden?

Luthe: Die Punkte, die in der Taskforce besprochen werden sollen, stehen bereits fest. Zunächst geht es um die wirtschaftliche Stabilität der Bundesligaklubs, den Wettbewerb, die Förderung des Frauenfußballs und eine soziale Komponente, die der Fußball auch erfüllen muss. In kontroversen Diskussionen soll erarbeitet werden, ob der Status Quo in diesen Bereichen wirklich schon alles ist, was getan werden kann.

Und Sie glauben, es kann noch mehr getan werden.

Luthe: Es kann und muss mehr getan werden. Durch welche Maßnahmen muss man sehen. Aber fest steht: Stillstand ist Rückschritt. Nun fangen wir langsam an, über solche Themen zu sprechen. Das ist ein Fortschritt und ich bin sicher, dass wir Ergebnisse sehen werden.

Auch über Ethik-Richtlinien soll in der Taskforce gesprochen werden.

Luthe: Richtig, es geht darum, inwiefern der Markt entscheidend ist und ab welchem Punkt auch ethische Dinge berücksichtigt werden müssen. Hier muss eine gesunde Balance gefunden werden, ohne dabei im europäischen Vergleich ins Hintertreffen zu geraten. Das ist entscheidend. Um hier konkret werden zu können, ist aber zunächst wichtig, einen Status Quo festzustellen und aufzuzeigen, wo der Fußball krankt, wo die Probleme liegen. Erst dann kann besprochen werden, wie man dem entgegensteuern kann. Die Taskforce tagt mehrfach bis Ende des Jahres und ich hoffe auch hier auf Lösungsansätze.

Sie sind jetzt 33 Jahre alt. Glauben Sie, dass sich solche Veränderungen noch während Ihrer aktiven Karriere bemerkbar machen?

Luthe: (lacht) Wir sprechen hier von einem Prozess. Der Anspruch, den Fußball zu verbessern, muss immer da sein. Christian Seifert hat eine Vision vom deutschen Fußball und ist gewillt, ihn immer besser zu machen. Es wird niemals den einen Tag geben, an dem die Öffentlichkeit sagt: „Jetzt läuft alles sensationell.“

Wissen Sie schon, wie es nach Ihrer aktiven Laufbahn weitergeht?

Luthe: Genau weiß ich es nicht. So lange es geht, will ich weiter Fußball spielen. Fest steht nur, dass ich mein Studium der Wirtschaftspsychologie beenden möchte. Auch, ob es mich zurück ins Ruhrgebiet zieht, ist noch offen.

Reizt Sie eine Rückkehr zum VfL Bochum?

Luthe: (lacht) Der VfL ist mein Verein, aber im Tor bestens besetzt. Manuel Riemann hat gerade erst verlängert. Und ich bin noch bis 2022 an Union gebunden. Erst dann werde ich entscheiden, was der nächste Schritt sein wird.

Sie verfolgen den VfL nach wie vor. Glauben Sie, in dieser Saison könnte es zum Bundesliga-Aufstieg reichen?

Luthe: Der Verein macht einen runden Eindruck. Unter Trainer Thomas Reis ist die Mannschaft in den vergangenen Monaten zusammen gewachsen und hat gute Spiele gezeigt. In der 2. Bundesliga gibt es immer wieder Teams, die überraschend oben reinrutschen. Der VfL könnte eine solches sein. Ob es am Ende wirklich zum Aufstieg reicht, weiß ich nicht. Die zweite Liga ist zu verrückt. Ich bin allerdings überzeugt, dass der VfL das Potenzial hat, in den kommenden Jahren aufzusteigen. Ich drücke die Daumen.

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