Zeitzeugen-Serie Salzgitter: Von Fliegern im Krieg

Salzgitter-Bad.   Friedrich Piskulla erinnert sich an seine ersten Flugstunden – und das plötzliche Ende seines Kurses.

Flugzeuge und Piloten auf dem Schäferstuhl.

Flugzeuge und Piloten auf dem Schäferstuhl.

Foto: Stadtarchiv Salzgitter

Es war im Herbst 1944, nach dem Attentat auf Hitler. Der Krieg wütete stärker als je zuvor. Schon als 12-jähriger habe ich mich entschieden, einmal Pilot zu werden – und zwar Jagdflieger bei der Luftwaffe. Man kam meinem Wunsch entgegen und ermöglichte es mir, an einem vierwöchigen Lehrgang in der Segelfliegerschule Salzgitter-Bad teilzunehmen.

Der Lehrgang fand während der Sommerferien statt. Am „Schäferstuhl“ wurde ich – einer von 120 jungen, zukünftigen Jagdfliegern aus ganz Deutschland – in der Flugschule Salzgitter von unseren Ausbildern begrüßt. Ziel unserer Ausbildung war, die „A 1“-Stufe der Segelfliegerschulung zu erreichen. Die Krönung unser Ausbildung sollte der erste selbstständige „Flug“ im Segler sein. Da wird man im Flieger an einem Abhang von einer Startmannschaft an einem Gummiseil, 2 mal 3 Mann ziehend, durch Spannung des Seils abgeschleudert. Bis dahin war es aber ein weiter Weg.

Wir lernten am Segelflieger, was das Höhen- und was das Seitenleitwerk für eine Bedeutung hat. Erst später ist mir klar geworden, dass wir eigentlich da schon für die Motorfliegerei geschult wurden. Auffällig viele Stunden verbrachten wir mit dem echten Jagdflugzeug. Man wollte uns schon damals auf die echte Jagdfliegerei anlernen.

So vergingen die Tage mit Theorie, Sport und Problemen, die im fünften Kriegsjahr alltäglich waren. Fast jede Nacht war Fliegeralarm, auch am Tage war es nicht ruhig. Eines Morgens durfte ich bei schönem Wetter beweisen, was ich gelernt hatte: Mein erster Flug auf dem Segelflieger fand statt. Ich erinnere mich noch an die Befehle, die ich zu geben hatte. Sie lauteten: „Startmannschaft – fertig!!!“, tönte es. „Haltemannschaft – fertig !!!“, tönte es. Anziehen, laufen, los!!! Ich schwirrte ab. Ich machte meinen ersten Flug vom Hügel etwa 300 Meter ins Tal zur Landung. Ich wäre gerne noch weitergeflogen, aber der Vogel senkte sich und ich landete. Der Spaß dauerte nur 30 Sekunden. Nach mir flogen noch drei weitere Jungen.

Das war für alle ein schöner, aufregender Tag und zwei Drittel der Zeit war vergangen. Dann kam der Morgen, der alles abrupt beendete. Am Morgenappell trat unser Chefausbilder vor die ganze Kompanie und sagte mit erregter Stimme: „Kameraden, mit sofortiger Wirkung ist unser Lehrgang beendet. Der totale Krieg ist auch für uns eine Verpflichtung. Wir alle fahren nach Hause und stellen all unsere Kräfte für den Endsieg zur Verfügung.“ Das hatte sicher etwas mit dem Attentat auf Hitler zu tun. Aber keiner sagte darüber ein Wort. Angeblich hatte die Vorsehung Hitler das Attentat am 20. Juli 1944 überleben lassen, aber geistlich-religiöse Worte wurden zu der Zeit öfters zweckentfremdet. Das Wort Vorsehung hatte ich damals nicht verstanden, aber es hatte eine geschichtliche Bedeutung. Am Abend sagt mein Vater zu mir: „Du wirst kein Jagdflieger mehr – auch das ist Vorsehung.“ Er meinte damit das nahe Ende des Zweiten Weltkrieges.

Doch der Krieg war noch nicht zu Ende. Die Deutschen mussten noch bis zum bitteren Ende diesen Wahnsinn ertragen. Ich empfinde noch heute das vom ganzen Herzen als solchen: Wahnsinn.

Meine Mutter sagte nur: „Gut, dass du wieder in deinem eigenen Bett unter unserm Dach schläfst.“ Trotzdem sollte ich noch einige Kriegs- und Nachkriegsgeschichten erleben.

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