Kommentar

Putin führt seinen Krieg jetzt auch gegen das eigene Land

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Russland: Festnahmen bei Protesten gegen Teilmobilmachung

Russland- Festnahmen bei Protesten gegen Teilmobilmachung

Bei Demonstrationen gegen die Teilmobilmachung in Russland sind nach Angaben von Aktivisten landesweit mehr als 700 Menschen festgenommen worden. Besonders viele Festnahmen gab es in Moskau und St. Petersburg.

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Bisher kam in Russland kaum offener Widerstand gegen Putins Politik auf. Die Teilmobilisierung könnte das ändern, meint unser Autor.

Erfolg in einem Krieg braucht drei Dinge: erstens eine gut ausgestattete, technisch moderne Armee. Zweitens eine weitsichtige militärische Strategie, die erfahrene Kommandeure auf dem Schlachtfeld umsetzen. Drittens Motivation: Soldaten kämpfen besser, wenn sie in ihrem lebensgefährlichen Einsatz einen Sinn sehen.

Wladimir Putins Armee hat bereits in Teilen kläglich versagt: Jahrzehntealte Panzer rollen durch die Ukraine, die der Gegner mithilfe moderner Drohnen ausschalten kann. Die Ukraine ist personell und bei der Zahl der Waffen zwar weit unterlegen – hat es mit westlicher Hilfe und klugen Militärs aber geschafft, die russische Armee zurückzudrängen.

Nun droht Putin noch die dritte Flanke in seinem Krieg gegen die Ukraine zu verlieren: die Psychologie. Bisher kam in Russland kaum offener Widerstand gegen Putins Politik auf. Mit gleichgeschalteten Massenmedien konnte er den blutigen Angriff auf das Nachbarland als „Spezialoperation“ kaschieren. Die Russinnen und Russen sollten nur seine Sicht auf den Ukraine-Krieg kennen.

Teilmobilisierung: Der Krieg kommt zu den Russinnen und Russen nach Hause

Das ist vorbei. Der Kremlchef muss mehr Soldaten an seine bröckelnde Front bekommen. Jetzt folgt die Teilmobilisierung, die viele nur als Schritt zur Generalmobilmachung sehen. Nun kommt der Krieg zu den Russinnen und Russen nach Hause. Nicht mehr nur Berufssoldaten ziehen in den verlustreichen Kampf, jetzt trifft es Familien, die ihre Väter und Söhne vielleicht zum letzten Mal in den Arm nehmen.

Putin führt seinen Krieg nun auch gegen das eigene Land. Eltern müssen sich von ihren Kindern verabschieden, die als Re­kruten mit Bussen weggefahren werden. Männer wüten gegen Beamte, die ihnen ihren Marschbefehl erklären. Und wer besonders mutig ist, protestiert. In Russland bricht das Kriegschaos aus.

Doch vieles spricht dagegen, dass all das Putin stoppen kann. Die Familien, die trauern und wütend sind, gehen nicht in Massen auf die Straße, um zu demonstrieren. Die Menschen sind nicht politisch organisiert. Viele haben Angst – zu Recht. Denn der Polizeiapparat sperrt rigoros ein, wer sich widersetzt.

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Putin hat ein System aufgebaut, das ihn in dieser Lage stützt. Es gibt keine freien Medien, die Menschen abseits der Metropolen St. Petersburg oder Moskau in großer Zahl erreichen. Den Bürgern fehlt der Zugang zu Informationen darüber, was in der Ukraine wirklich passiert. Sie müssen der Kreml-Propaganda glauben.

Ausschalten der Opposition wird Putin auf dem Schlachtfeld nichts nützen

Es fehlt auch ein unabhängiges Rechtswesen. Zwar gibt es noch immer eine Opposition – aber diese kann ihre Rechte nicht einklagen. Sie kann Demonstrationen nicht genehmigen lassen, weil die Gerichte nach dem Gusto ihres Herrschers urteilen. Ohne demokratische Institutionen fällt ein gewaltloser Umsturz schwer.

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Die Opposition zu Putin wird getragen vor allem von jungen Menschen. Sie vernetzen sich über die sozialen Medien. Sie organisieren Proteste, so gut es geht. Doch ihnen fehlt das Geld, um Putin gefährlich zu werden. Nur mit einer gesicherten Finanzierung ließe sich gegen die Politik des Kreml mobil machen. Und schließlich fehlen der Opposition die Köpfe, die den Kampf gegen das Regime auf der Straße anführen und die Massen mobilisieren können.

Die russische Führung hat in den vergangenen Jahren die wichtigsten Vertreter des Widerstands ausgeschaltet, inhaftiert, ins Exil getrieben oder umbringen lassen. Das hilft Wladimir Putin bei seinem Machterhalt. Auf dem Schlachtfeld in der Ukraine wird es ihm nichts nützen.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.

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