Explosionen

Ukraine: Auf der Krim tobt jetzt ein ganz neuer Krieg

| Lesedauer: 5 Minuten
Selenskyj: "Wir werden die Krim niemals aufgeben"

Selenskyj- Wir werden die Krim niemals aufgeben

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat bekräftigt, dass er die von Russland annektierte Halbinsel Krim als ukrainisch betrachtet. Die Ukraine werde die Krim "niemals aufgeben", sagte er in einer Videobotschaft.

Video: Krise, Krieg, Konflikt, Politik
Beschreibung anzeigen

Berlin.  Explosionen und Attentate erschüttern von Russland besetzte Gebiete in der Ukraine. Was hinter der Attacke auf eine Militärbasis steckt

Manchmal sind schöne Strandbilder Teil der psychologischen Kriegsführung. Das Video des ukrainischen Verteidigungsministeriums fällt in diese Kategorie. Nach den Explosionen auf dem russischen Luftwaffenstützpunkt Saki auf der Krim am Dienstag warnte der Clip vor Ferien-Trips ans Schwarze Meer.

„Unseren geschätzten russischen Gästen raten wir von einem Besuch der ukrainischen Krim ab, es sei denn, sie möchten einen unangenehm heißen Sommerurlaub verbringen“, heißt es in dicken pinkfarbenen Lettern.

„Ihr hattet einige Optionen für diesen Sommer“, geht der Text weiter. Daraufhin werden Bilder von Stränden auf der Palmeninsel vor Dubai, in der Türkei und auf Kuba eingeblendet. „Ihr habt euch für die Krim entschieden, großer Fehler.“

Bilder von dunklen Rauchwolken werden mit dem Ohrwurm „Cruel Summer“ unterlegt

Es folgen Bilder von Feuerbällen und dunklen Rauchwolken nahe dem Militärflughafen sowie von Menschen, die von Stränden flüchten. Musikalisch unterlegt wird der Clip mit dem Ohrwurm „Cruel Summer“ der britischen Girlgroup Bananarama.

Eine vor Sarkasmus und Zynismus triefende Botschaft, die vor allem eines soll: die Russen verunsichern. Die Rechnung schien in mehrerer Hinsicht aufzugehen. Vor der Brücke von , die das russische Festland mit der Krim verbindet, warteten nach den Detonationen offenbar Hunderte oder gar Tausende verängstigte Urlauber und Anwohner auf die Ausreise. Aber auch militärisch waren die Explosionen für Moskau ein Schock. Nach einer Satellitenaufnahme wurden mindestens acht russische Kampfjets zerstört.

Ein Vertreter aus Kiew spricht von einer Waffe aus „ukrainischer Produktion“

Die Regierung in Kiew hüllte sich offiziell in Schweigen. Ein Angehöriger des ukrainischen Militärs sagte hingegen der „New York Times“, dass eine Waffe aus „ausschließlich ukrainischer Produktion“ dahinterstecke. Die Frage ist: Hat Kiew überhaupt derartige Militär-Kapazitäten?

Vom Ort der Detonationen bis zu ukrainisch kontrolliertem Gebiet sind es etwa 300 Kilometer. Die Ukraine verfügt aber bislang offiziell nur über die US-Mehrfachraketenwerfer Himars, die bis zu 80 Kilometer entfernte Ziele treffen können.

Die ukrainische Hrim-2-Rakete hat eine Reichweite von bis zu 500 Kilometern

„Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass der Angriff auf die russische Luftwaffenbasis durch eine ukrainische Hrim-2-Kurzstreckenrakete erfolgte“, sagte Gustav Gressel von der Berliner Denkfabrik European Council on Foreign Relations unserer Redaktion. Die Rakete hat eine Reichweite von bis zu 500 Kilometern und wurde 2003 entwickelt. Ende 2021 soll eine Batterie für Truppenerprobungen bereitgestanden haben.

Ukraine-Krise – Die wichtigsten News zum Krieg

Die Krim ist eigentlich mit S-300- und S-400-Flugabwehrsystemen gut geschützt. Experten spekulieren daher, dass diese eventuell mit Anti-Radar-Raketen vom Typ AGM-88 ausgeschaltet wurden, die dann den Weg für die Kurzstreckenraketen frei machten. Die amerikanische AGM-88 sucht speziell nach Radarsignalen, die von feindlichen Luftabwehreinheiten abgegeben werden, und kann somit Löcher in den Schutzschirm reißen.

„Die Russen haben aufblasbare Flugabwehr-Attrappen aufgestellt“

In den vergangenen Wochen haben die Ukrainer eine große Kampagne gegen russische Flugabwehrsysteme im Süden durchgeführt. „Ich gehe davon aus, dass die Russen einige Radargeräte ausgeschaltet und stattdessen aufblasbare Flugabwehr-Attrappen aufgestellt haben“, betont Gressel.

„Sie hatten die Sorge, dass die Anti-Radar-Raketen der Ukrainer die Radarsignale ihrer echten Flugabwehrsysteme entdecken und diese dann zerstören könnten. Wenn nur wenige Radargeräte eingeschaltet sind, ist die Chance, dass ein Angriff übersehen wird, groß.“

Funktionär der russischen Besatzungsbehörden erschossen

Neben dem heißen Krieg mit Russland betreibt die Ukraine immer mehr einen Guerilla-Krieg. „Parallel zu den Gegenangriffen im Süden wird die ukrainische Widerstandsbewegung stärker. Die Attacken auf Kollaborateure, hochrangige russische Besatzer und militärische Infrastruktur nehmen zu“, sagte András Rácz von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) unserer Redaktion.

Kürzlich wurde ein Funktionär der russischen Besatzungsbehörden in der Region um die südukrainische Stadt Cherson erschossen. Zuvor waren bereits mehrere von Moskau ernannte Funktionäre in den russisch besetzten Gebieten Ziel von Attentaten geworden.

Der Chef der von Russland eingesetzten Militärverwaltung in der Region Cherson, Wolodymyr Saldo, wurde mit Vergiftungserscheinungen nach Moskau ausgeflogen. In der von Russen kontrollierten Stadt Melitopol im Süden ereigneten sich nach ukrainischen Berichten zwei Explosionen.

Seit Tagen wird die Gegend rund um das Atomkraftwerk Saporischschja beschossen, was bei der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) in Wien große Besorgnis auslöst. Russland und die Ukraine machen sich gegenseitig für die Attacken verantwortlich.

Der ukrainische Präsident rief die Bewohner der besetzten Gebiete zum Widerstand auf

Der Guerilla-Krieg wird mittlerweile auch offen von Kiew betrieben. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj rief die Bewohner der besetzten Gebiete zum Widerstand auf. Sie sollten den ukrainischen Streitkräften über sichere Kanäle Informationen zum Feind oder über Kollaborateure übermitteln, sagte Selenskyj in einer Videoansprache.

Bleibt die Frage: Bleibt die Krim-Attacke ein spektakulärer Überraschungscoup, oder war sie der Auftakt für größere Partisanen-Operationen? Für den Sicherheitsexperten Gustav Gressel ist die Sache klar: „Um den Angriff auf die Luftwaffenbasis der Krim zu wiederholen, bräuchten die Ukrainer die Möglichkeit, den russischen Radarbetrieb langfristig zu beobachten. Entweder durch die Tipps der Amerikaner oder durch eigene Systeme.“ Die nächsten Wochen werden Hinweise liefern.

Ukraine-Krieg – Hintergründe und Erklärungen zum Konflikt

Fragen zum Artikel? Mailen Sie uns: redaktion.online-bzv@funkemedien.de