Rechtsextremismus

Warum Online-Plattformen für extreme Rechte lukrativ sind

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Selbsternannte „Querdenker“ und radikale Impfgegner: Sie demonstrieren nicht nur auf der Straße – sie sind vor allem online aktiv.

Selbsternannte „Querdenker“ und radikale Impfgegner: Sie demonstrieren nicht nur auf der Straße – sie sind vor allem online aktiv.

Foto: Stefan Boness/Ipon

Berlin.  Fachleute warnen vor Einnahmen für die rechtsextreme Szene auf Online-Videoplattformen. Ein Think-Tank untersucht mehr als 50 Profile.

Ein paar Wochen nach der verheerenden Flutkatastrophe im Ahrtal sitzt Oliver Janich vor seinem Bildschirm und dreht ein Video. Bei der Flut starben mindestens 180 Menschen in Deutschland, das Wasser zerstörte etliche Häuser und Höfe. Oliver Janich aber findet einiges „äußerst seltsam“ und interessiert sich in dem Video für „Wettermanipulationen“, spekuliert über „CIA-Spionage“ im früheren Regierungsbunker in Ahrweiler. „Dunkle Geheimnisse“ nennt Janich sein Video.

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Der Buchautor ist einer der führenden Figuren der verschwörungsideologischen Szene in Deutschland. Er lebt offenbar seit Jahren auf den Philippinen – und doch postet und verbreitet er rastlos Spekulationen zur „Corona-Lüge“, leugnet den menschengemachten Klimawandel, sieht eine „Neue Weltordnung“ aufziehen.

Facebook hat Janichs Kanal gesperrt, Youtube auch. Die großen Internetkonzerne sind mittlerweile selbst oft Ziel von antisemitischer oder verschwörungsideologischer Propaganda. Der Ideologe erreicht dennoch sein Publikum. Das Video zu „dunklen Geheimnissen“ veröffentlicht Janich auf „Odysee“ – eine von den USA aus betriebene alternative Video-Plattform.

Radikale posten gezielt auf Plattformen wie Odysee, Bitchute, Steam

Es ist eine Strategie der neuen Rechten und Verschwörungsideologen: Sie posten gezielt auf Plattformen wie Odysee, Bitchute, Steam und vor allem auf dem sozialen Netzwerk Telegram, auf denen ihre Kanäle nicht gelöscht oder geblockt werden. Und: Sie verdienen bei Odysee sogar Geld, wie eine Kurzstudie des Think-Tanks Institute for Strategic Dialogue (ISD) Germany jetzt am Beispiel der Firma Odysee zeigt.

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„Auf der Video-Plattform Odysee generieren bereits einzelne Akteur:innen der extremen rechten und verschwörungsideologischen Szene Beträge im vierstelligen Bereich mit ihrer Präsenz in dem sozialen Netzwerk“, sagte die Analystin und Mit-Autorin Paula Matlach. Das seien im Vergleich zu den Einnahmen etwa durch Rechtsrock-Konzerte oder Spenden geringe Beträge. „Und doch erkennt die Szene zunehmend das Potenzial von Video-Plattformen, auf denen sich durch Beiträge Geld verdienen lässt. Es besteht die Gefahr, dass Plattformen wie Odysee zu einer finanziellen Säule von extremen Rechten und Verschwörungsideolog:innen anwachsen“, hob Matlach hervor.

In der Analyse hat ISD Germany die Profile von 53 deutschsprachigen Nutzerinnen und Nutzern der Internet-Plattform Odysee untersucht, die dem extrem rechten und verschwörungsideologischen Milieu zuzuordnen sind. Insgesamt hätten die Profile seit dem Erstellen mehr als 1,6 Millionen sogenannte „LBRY Credits“ erhalten, heißt es in der Studie. Das entspreche einem ungefähren Gesamtverdienst von mehr als 120.000 US-Dollar. Die virtuelle Währung „LBRY Credits“ kann auf Online-Handelsplätzen in Euro oder Dollar umgetauscht werden. Nutzerinnen und Nutzer können für ihre Videos und Beiträge auf der Platzform etwa „Trinkgeld“ und „Prämien“ erhalten.

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Die untersuchten Profile hatten zum Zeitpunkt der Erhebung noch ein Guthaben von umgerechnet gut 3800 US-Dollar. Der Vorteil für die Extremisten: Odysee nutzt Kryto-Währungen als Zahlungsmittel, das mithilfe der sogenannten „Blockchain“-Technologie anonyme Zahlungen möglich macht. Wer das Geld gibt, bleibt also unbekannt.

Nach einem Bericht des US-amerikanischen Bürgerrechtsorganisation Southern Poverty Law Center nutzen Rechtsextreme in den Vereinigten Staaten Kryptowährungen im Umfang von Millionen von Dollar. „In diesem Vergleich wirkt die sechsstellige Dollarsumme, die untersuchte Accounts an LBRY Credits verdient haben, gering“, heißt es in der ISD-Analyse. „Im Hinblick darauf, dass die beiden meistverdienenden Kanäle im Untersuchungszeitraum circa 59.801 US-Dollar erhielten, wird das Verdienstpotential auf der Plattform allerdings auch für die deutschsprachige Szene deutlich.“

Auf der Plattform finden sich Kochvideos, Reisebeiträge – aber auch Ideologen

Es ist nicht so, dass Odysee ein Netzwerk der Rechten ist. Im Gegenteil: Auf der Plattform finden sich vor allem verschiedene Formate wie etwa Kochvideos, Reisebeiträge oder Videos über Computerspiele und vieles mehr. Auf Nachfrage teilte eine Sprecherin der Plattform mit, dass Odysee „unpolitisch“ sei. Weder würden politische Inhalte unterstützt noch verhindert. Die Inhalte müssten aber den jeweiligen nationalen Gesetzen sowie den „Richtlinien“ der Plattform entsprechen, die beispielsweise Verherrlichung von Gewalt sowie Hassrede oder Pornografie verbieten. Odysee blocke gegebenenfalls Inhalte, so die Sprecherin.

Und doch: Die rechtsextreme und verschwörungsideologische Szene nutzt die Plattform und auch andere Alternativen zu den etablierten Anbietern wie YouTube jedoch ebenfalls für ihre Propaganda, wie die ISD-Analyse festhält. Die erfolgreichsten extremistischen Accounts gehören demnach zu Akteurinnen und Akteuren, „die bereits vor ihrer Präsenz auf der Plattform in der Szene angesehen waren“.

Ein gutes Beispiel ist Oliver Janich: Auf de Netzwerk Telegram folgen ihm mittlerweile fast 150.000 Nutzerinnen und Nutzer, seine Beiträge werden zehntausendfach angeklickt. Auf Odysee hat Janich mittlerweile knapp 50.000 Abonnenten. Seine Videos gehen Jahre zurück. Anfangs hatte er für die Beiträge nur ein paar Aufrufe bekommen, mittlerweile sind es oft mehr als 20.000 oder 30.000 Klicks.

Auch der völkisch-nationalistische „Identitäre“ Martin Sellner ist auf Odysee unterwegs – auch er wurde von YouTube und Twitter gesperrt. Auch der Rechtsextremist Ignaz Bearth und das neurechte Medienformat Compact verbreiten ihre Inhalte auf Odysee.

„Die Plattform ist ein Rückzugsort, an dem zudem Geld verdient werden kann“

Generell sei die Anzahl der Interaktionen auf der Plattform noch gering, heißt es in der ISD-Kurzstudie. Dies deute darauf hin, dass viele Odysee noch nicht kennen würden. „Für die extreme Rechte hat Odysee dennoch eine klare Funktion: die Plattform ist ein weitgehend regulierungsfreier Rückzugsort, an dem zudem Geld verdient werden kann.“

Mit einem Aktionsplan will die Bundesregierung „die Finanzaktivitäten rechtsextremistischer Netzwerke aufklären und austrocknen“. Doch Portale wie Odysee oder Bitchute fallen nicht unter das Netzwerkdurchsetzungsgesetz, mit dem sich Plattformen nicht nur zum fristgerechten Löschen rechtswidriger Inhalte verpflichten. Auch weil sie bisher nicht von einer großen Masse genutzt werden. Auch einen Bevollmächtigten in Deutschland etwa für Zustellungen von Bußgeld hat Odysee nicht benannt.

Analystin Matlach fordert von der Politik nicht nur den Fokus auf Konzerte, Spenden-Aktionen oder Versand-Geschäfte, wenn es um die Finanzierung der extremistischen Szene geht. „Der Blick in die digitale Welt und die Möglichkeiten auf Portalen wie Odysee, Geld zu generieren, wachsen. Hier muss die Politik besser hinschauen und Druck auf die Plattform-Betreiber:innen ausüben“, sagte Matlach unserer Redaktion.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.

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