Konflikt

Ukraine-Krieg: Warum Wladimir Putin die Waffen ausgehen

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Putin am 9. Mai über die "Befreiung des Donbass"

Putin am 9. Mai über die Befreiung des Donbass

Viele Experten fürchteten, dass der 9. Mai 2022 für die Ukraine gefährlich werden könnte. Denn am "Tag des Sieges" feiert Russland den Sieg über Nazi-Deutschland. Eine Generalmobilmachung ordnete Putin in seiner Rede nicht an.

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Brüssel/Berlin.  Geschirrspül-Chips im Panzer, Mangel an Raketen: Der russischen Armee gehen die Waffen aus. Doch Moskau protzt mit einer "Wunderwaffe".

Die russische Offensive in der Ukraine kommt kaum voran, aber wenigstens die Propagandamaschine läuft: Die Armee stehe vor der Einführung einer neuen Wunderwaffe, berichtete der russische Vize-Regierungschef Juri Borisow diese Woche bei einer Konferenz nahe Moskau. Ein Hochleistungs-Laser könne feindliche Drohnen und andere Fluggeräte binnen Sekunden verbrennen und damit sicher in der Luft vernichten. Die Armee solle die Technologie jetzt schnell bekommen, versprach Borisow.

Das Problem: Vom Lasersystem existieren allenfalls einige Prototypen. Bilder bekommt die Öffentlichkeit nicht zu sehen, westliche Militärexperten glauben an einen Bluff. Kein Einzelfall: Viele der angeblichen Hightech-Waffen, mit denen sich Moskau brüstet, stehen im Ukraine-Krieg gar nicht zur Verfügung.

Der neue Kampfpanzer T-14 „Armata“, den der Kreml als revolutionär anpreist und mehrmals bei Militärparaden präsentiert hat, wird noch immer nicht in Serie produziert – bislang hat die Armee erst um die 20 Testfahrzeuge erhalten, versprochen waren mehrere tausend schon für 2020. Auch vom viel gefeierten Panzerfahrzeug „Terminator“, das jetzt erstmals in der Region Luhansk im Einsatz gesichtet wurde, besitzt die Armee nur 20 bis 30 Stück.

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In russischen Panzern Mikrochips aus dem Geschirrspüler

Die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit bei den „Wunderwaffen“ ist für die russischen Streitkräfte inzwischen aber fast das kleinere Problem. Viel gravierender: Inzwischen mangelt es der Armee auch schon an herkömmlicher Standard-Ausrüstung. Russlands Präsident Wladimir Putin gehen die Waffen aus – auch weil die westlichen Sanktionen die russische Rüstungsindustrie empfindlich treffen.

Während die ukrainische Armee täglich umfangreichen Nachschub aus dem Westen erhält, kämpfen die russischen Streitkräfte jetzt auch gegen den Mangel. So fanden ukrainische Militärs in zurückgelassenen russischen Panzern Chips und Halbleiter, die die Soldaten mangels Nachschub aus Haushaltsgeräten montiert hatten. „Die Russen hatten sie aus Geschirrspülern und Kühlschränken entnommen“, fasst die US-Regierung interne Berichte aus Kiew zusammen.

Washington wertet das als Beleg, dass die westlichen Technologie-Sanktionen wirken. Die russische Verteidigungsindustrie habe Schwierigkeiten, benötigte Chips selbst zu produzieren, könne sie aber auch nicht mehr so einfach importieren. Doch gibt es auch seit Jahren Klagen über Korruption in der russischen Armee, die die umfassende Modernisierung der vergangenen Jahre gebremst hat und den Materialmangel verschärfen dürfte: Nach früheren Schätzungen der Militär-Staatsanwaltschaft fließt jeder fünfte Rubel für die Streitkräfte in dunkle Kanäle.

Aus der Ukraine kommen nun Berichte über russische Drohnen, die mit Klebeband notdürftig repariert waren und improvisierte Verschlüsse aus Plastikflaschen-Deckeln trugen. Oder von Kampfflugzeugen, in denen die Piloten als Ersatz für mangelhafte Navigationssysteme primitive GPS-Empfänger aufs Armaturenbrett geklebt hätten.

Russland hat mehr als 2000 Raketen abgefeuert

Große Nachschub-Probleme haben die russischen Streitkräfte nach Angaben von Nato-Militärs beim Raketenarsenal. Der Armee mangele es inzwischen offensichtlich an präzisionsgesteuerten Raketen, und die Industrie habe Probleme, ausreichend neue zu produzieren, heißt es. Grund seien auch hier die westlichen Technologie-Sanktionen. Als Ersatz würden nun einfache, sogenannte „dumme Bomben“ verwendet, die ihre Ziele leicht verfehlten.

Für großes Staunen sorgt unter westlichen Militärbeobachtern auch, dass die russische Marine vom Schwarzen Meer aus besonders teure Anti-Schiff-Raketen auf Land-Ziele in der Ukraine abfeuert; auch dies ein Hinweis auf schwindende Reserven bei anderen Präzisionswaffen, meint der US-Militäranalyst Michael Kofman.

Seit Beginn der Invasion habe Russland über 2000 Raketen auf ukrainische Ziele abgefeuert – eine hohe Zahl und vermutlich mehr, als ursprünglich eingeplant worden sei. In der Nato heißt es, die Strafmaßnahmen gegen Russland würden den Munitionsnachschub behindern. Es werde für die Streitkräfte insbesondere bei elektronischen Komponenten für präzisionsgelenkte Munition schwerer, die Vorräte wieder aufzufüllen. Darunter soll auch die Luftwaffe leiden.

Nach Schätzungen unabhängiger Beobachtungsstellen hat die russische Armee seit Kriegsbeginn rund 700 Panzer verloren, meist mitsamt der Besatzung, die ukrainische Seite spricht sogar von 1200 Fahrzeugen. Panzer sind zwar noch genügend da, allerdings vorwiegend sowjetischer Bauart und damit unzureichend gegen westliche Abwehrwaffen etwa vom Typ Javelin geschützt. Dem neuen russischen Hightech-Panzer T-14 können solche Waffen angeblich nichts anhaben. Dass diese „Wunderwaffe“ über die Testphase nicht hinausgekommen ist, liegt offenbar auch an früheren westlichen Sanktionen im Technologiebereich.

Wegen der hohen Verluste fehlen der Armee nun auch erfahrene Panzersoldaten. Nach Schätzungen des britischen Verteidigungsministeriums hat Russland schon ein Drittel der anfangs eingesetzten Kampftruppen verloren, die Verwundeten eingerechnet. „Die russischen Streitkräfte sind zunehmend eingeschränkt durch zerstörte Fähigkeiten zur Versorgung, anhaltend niedriger Kampfmoral und reduzierter Kampfkraft“, heißt es in einer Analyse des britischen Geheimdienstes.

Die Armee versucht jetzt verstärkt, Freiwillige in einer Art stiller Mobilisierung zu rekrutieren. Wenn das nicht mehr genügt, dürfte Putin doch noch eine allgemeine Mobilmachung anordnen, um zehntausende zusätzlicher Soldaten an die Front schicken zu können. Bis dahin ist die Strategie eine andere: Die russischen Streitkräfte würden sich in den besetzten Gebieten praktisch eingraben, berichtet das ukrainische Verteidigungsministerium. So wollten die Invasoren mit den vorhandenen Kräften auch eine längere Militäroperation durchhalten.

Studie: Russland unterschätzte Auswirkung der Sanktionen auf das Militär

Die Waffenprobleme sind schwieriger zu lösen. „Russlands neueste Waffen sind abhängig von entscheidenden Spezialkomponenten aus dem Ausland“, heißt es in einer Analyse des britischen Königlichen Instituts für Verteidigungsstudien (Rusi). Zwar sei es möglich, einige Komponenten in Russland herzustellen, wenn auch teurer und weniger verlässlich – doch könnten viele Bauteile komplexer Rüstungsgüter nicht ersetzt werden, auch wenn die Industrie nach neuen Bezugsquellen suche.

Die britischen Experten hatten in der Ukraine einen abgestürzten russischen Marschflugkörper untersucht und herausgefunden, dass sechs von sieben Spezialkomponenten der Elektronik aus den USA stammten. Die Kommunikationstechnik einer Iljuschin-Transportmaschine IL-76 enthalte sogar 80 Komponenten, die nicht durch russische Bauteile ersetzt werden könnten, so die Rusi-Studie. Ihr Fazit: Die russische Führung habe die Auswirkung der Sanktionen auf das Militär unterschätzt. Denn Moskau habe geglaubt, der Krieg werde nicht so lange dauern.

Ukraine-Krieg – Hintergründe und Erklärungen zum Konflikt

Dieser Text erschien zuerst auf waz.de.

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