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Ukraine-Krieg: So tickt Russlands Präsident Wladimir Putin

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Wladimir Putin: Was den russischen Präsidenten antreibt

Wladimir Putin: Was den russischen Präsidenten antreibt

Ein Nato-Beitritt der Ukraine, ein Affront für Russland? Für Staatschef Wladimir Putin ist das unzweifelhaft so. Schließlich betrachtet der 69-Jährige alle früheren Sowjetrepubliken als Hinterhof Russlands und den Zerfall der Sowjetunion als größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts. A LONG PROFILE OF VLADIMIR PUTIN

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Berlin/Moskau.  Er ist der unangefochtene Machthaber Russlands: Waldimir Putin. Mit dem Ukraine-Krieg schockte er die Welt. Wie tickt der Präsident?

  • Wladimir Putin gehört zu den bekanntesten Politikern der Welt – und doch ist nicht viel über den russischen Präsidenten bekannt
  • Seit 1999 ist er an der Macht und regiert das größte Land der Welt
  • Was sind die Ziele von Putin? Was treibt ihn an? So tickt Russlands Machthaber

Jeder glaubt, ihn zu kennen. Sofort tauchen die Bilder auf, wie Wladimir Putin durch goldene Türen schreitet, mit nacktem Oberkörper Lachse fischt – oder wie er breitbeinig in seinem Sessel sitzt und feixend zuschaut, als sein Labrador Koni 2007 an der verängstigten Angela Merkel herumschnüffelt. Die damalige Bundeskanzlerin, das wusste der russische Präsident ganz genau, fürchtet sich vor großen Hunden.

Doch wer ist Wladimir Putin wirklich? Wer ist der Mann, der in Europa Weltkriegsängste schürt? Wie tickt der Politiker, der angeblich ganz allein im Kreml die Entscheidung über Krieg oder Frieden fällt? Nicht nur in der Ukraine.

Ganz offensichtlich hat er eine Vorliebe für Schnapszahlen: In 22 Jahren hat er ein autokratisches System errichtet, am 22. Februar 2022 ließ er sein Scheinparlament, die Staatsduma, die Anerkennung der selbst ernannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk als unabhängige Staaten bestätigen. Soldaten sollten dort – so wörtlich – für die „Aufrechterhaltung des Friedens“ sorgen. Einige Jahre zuvor, am 8. August 2008, hatte er den Krieg gegen Georgien um Abchasien und Südossetien losgetreten.

Wladimier Putin setzt sich als starker Mann in Szene

Wladimir Putin ist ein knallharter Machtmensch. Man hat seine scharfzüngigen Antworten im Ohr: Die USA seien mit der Nato an Russland herangerückt: „Sie müssen uns Garantien geben. Und zwar jetzt, sofort.“ So stellt er im Dezember eine westliche Journalistin in den Senkel, die es wagt, nach Garantien für die Eigenständigkeit der Ukraine zu fragen.

Im Oktober wird Putin 70 Jahre alt. Man sieht es ihm nicht an. Das mag an den Eisbädern liegen, die er im Winter gerne nimmt und sich dabei publikumswirksam ablichten lässt. Oder am Botox. Über angebliche Schönheitsoperationen des Kremlchefs kursieren seit Jahren Gerüchte.

Sicher ist, dass sich Putin immer wieder als starker Mann in Szene setzen lässt – sei es bei der Tigerjagd am Amur oder hoch zu Ross. In Russland kommt so etwas an. Aber klar ist auch: Um seine Stärke zu demonstrieren, braucht Putin die Bilder nicht. In Moskau und dem ganzen riesigen Reich wissen sie längst, wie weit der Arm des Präsidenten reicht. Putin-Gegner landen im Gefängnis. Tote säumen seinen Weg.

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Alexei Nawalny überlebte den Giftanschlag nur knapp

Die legendäre Reporterin Anna Politkowskaja und der populäre Oppositionspolitiker Boris Nemzow wurden beide erschossen. Sie sind nur zwei Beispiele aus den Jahren 2006 und 2015. 2020 traf es Alexei , den aktuell prominentesten Kremlkritiker, der einen Giftanschlag nur knapp überlebte und nun in einem Straflager einsitzt. In all diesen Fällen führt keine Spur direkt zu Putin.

US-Präsident Biden ist dennoch davon überzeugt, dass sein russischer Kollege „ein Killer“ ist. Aber natürlich ist es möglich, dass die Vollstrecker stets auf eigene Faust handeln. In vorauseilendem Gehorsam.

Andererseits hat Putin in Russland eine „Vertikale der Macht“ geschaffen. Alles beginnt oben, im Kreml, und von dort wird nach unten durchregiert. Er wirkt isoliert, hat einen Club der Ja-Sager um sich versammelt, und selbst die hält er offensichtlich auf Abstand. Meterlang war der Tisch, an dem er sich und zwei seiner Minister fürs Fernsehen inszenierte, um der Welt Anfang Februar mitzuteilen, dass es „immer eine Chance“ für Diplomatie gebe.

Dem 14-jährigen Mitschüler brach Wladimir Putin ein Bein

Die zentralen ausführenden Organe sind die Geheimdienste FSB (Inland) und GRU (Ausland). Deren Spitzen gehören zu Putins engstem Beraterkreis, zu jenen Männern, die sie in Russland die „Silowiki“ nennen: die Starken. Im Westen würde man von den Falken sprechen, in Abgrenzung von den friedliebenden Tauben, die es im Kreml aber nicht gibt. Oder nicht mehr gibt.

Denn Putin hat eine Geschichte, die man nicht vom Ende her verstehen kann. Da ist die ärmliche Kindheit im Leningrad der Nachkriegszeit. Der junge Wladimir prügelt sich viel in den Hinterhöfen, wo das Recht des Stärkeren gilt.

Weil er klein ist, lernt er Judo und kämpft mit Köpfchen. Putin erzählt gern, welche Weisheit er aus seiner Kindheit und Jugend mitgenommen hat: „Wenn der Kampf unvermeidbar ist, musst du als Erster zuschlagen.“ Als er 14 Jahre alt ist, bricht er einem Mitschüler das Bein. Seine Lehrerin Vera Gurewitsch erzählt später, was Putin dazu sagte: Manche verstünden nur „die Sprache der Gewalt“.

Die Ratte ging zum Gegenangriff über: Geschichten aus Putins Kindheit

Auch die Geschichte mit der Ratte gehört in dieses Repertoire. Putin jagte das Tier als Kind durch das Treppenhaus. Urplötzlich ging die Ratte zum Gegenangriff über und versuchte, ihm ins Gesicht zu springen. Er lernt daraus: „Treib keinen in die Enge!“

Das war nicht immer so. Putins großes Vorbild ist der Vater, der im Krieg als Agent hinter der Feindeslinie deutsche Stellungen sabotierte. Folgerichtig führt Putins Weg in die Kaderschmieden des KGB. Er ist für Auslandsspionage zuständig und kommt 1985 in die DDR nach Dresden, wo er mit seiner Familie und seinem Hund lebt. Er fühlt sich wohl, spricht fließend deutsch. Diese Jahre gehörten zu den schönsten in seinem Leben, sagt er später rückblickend. In Dresden erlebt er den Fall der Mauer.

Doch dann bricht 1991 auch die Sowjetunion zusammen. Als Präsident spricht er später von der „größten geopolitischen Katastrophe des 20. Jahrhunderts“. Der Satz ist inzwischen weltberühmt. Weniger bekannt ist die Begründung. Millionen Russen, erklärt Putin, hätten sich von heute auf morgen „im Ausland“ wiedergefunden und damit in einem völlig fremden Leben. Das lässt erahnen, wie es Putin persönlich in den 90er Jahren erging. Nichts ist damals mehr, wie es gestern noch war. Auf der Suche nach neuem Halt schließt er sich dem Petersburger Reformbürgermeister Anatoli Sobtschak an. Später schafft er es nach Moskau, wo er zum Chef des Geheimdienstes FSB aufsteigt. Er gehört also schon zu den Silowiki, als er Präsident wird.

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Putin streckte 2001 die Hand gen Westen aus

Dennoch: Damals ist keineswegs ausgemacht, wohin Putins Reise geht. 2001 hält er im Bundestag eine Rede, in der er die Hand weit Richtung Westen ausstreckt. „Wir sehen die europäische Integration mit Hoffnung“, sagt er und verspricht, niemand werde Russland je wieder in die Vergangenheit zurückführen: „Das Hauptziel ist die Garantie der demokratischen Rechte und der Freiheit.“

In der Realität geschieht aber das Gegenteil. Anfangs ist noch von der „gelenkten Demokratie“ die Rede, die Stabilität sichern soll. Doch dann sterben die ersten Kritiker. Und 2012, als Putin nach einer Rochade im Präsidentenamt mit seinem Vertrauten Dmitri Medwedew in den Kreml zurückkehrt, lässt er Proteste blutig niederschlagen.

Obama bezeichnete Russland als Regionalmacht

Ist an all dem der Westen schuld, der die Nato immer weiter nach Osten ausdehnt und zuletzt auch einen Beitritt der Ukraine nicht mehr ausschließt? Regelmäßig wirft Putin westlichen Politikern vor, sie wollten Russland zerteilen, den russischen Bären als Trophäe „ausgestopft“ an die Wand hängen. Als US-Präsident Barack Obama Russland zur Regionalmacht herunterstuft, muss Putin das als Demütigung empfunden haben.

Ob Putin von Furcht getrieben ist, von einem ungebändigten Machtwillen oder von beidem, darüber lässt sich viel spekulieren. Sicher ist vor allem eines: Putin setzt während seiner 22 Jahre an der Spitze Russlands stets alles daran, Stärke zu zeigen und nie Schwäche. Ohne Ausnahme. Als in Kiew 2014 die proeuropäischen eskalieren, lässt er sich zunächst zwar auf einen Kompromiss ein. Doch als die Aufständischen den kremltreuen Präsidenten Wiktor Janukowitsch aus dem Land treiben, ist Putin vorbereitet – und lässt die Krim annektieren.

Putins Sicherheitsbedürfnis in der Pandemie ist groß

Es gibt viele solcher Beispiele. Wie die Türkei 2015 einen russischen Kampfjet abschießt und Putin das Land daraufhin mit Sanktionen überzieht, bis sich der sonst so stolze Präsident Recep Tayyip Erdogan persönlich entschuldigt. Oder wie Putin bei Gesprächen auf Gipfelebene regelmäßig zu spät kommt. Seine Devise lautet: Nie der Erste sein, nie Schwäche zeigen. Immer die anderen warten lassen, immer Stärke demonstrieren. Ob das alte KGB-Schule ist oder Putins Psyche entspringt, lässt sich nicht entscheiden. In der Ukraine-Krise sollte niemand vom Oberbefehlshaber der russischen Armee ein Entgegenkommen erwarten, das als Schwäche interpretiert werden könnte.

Sein Privatleben hält er unter Verschluss. Er ist geschieden, hat mindestens zwei Töchter und hält sich gern in Sotschi auf, wo es milder ist als in Moskau.

Im Kreml hat er viele Bilder von sich aufhängen lassen, aber ein Foto von seiner Impfung mit dem vaterländischen Sputnik-V-Vakzin gibt es nicht – dafür Gerüchte, Putin fürchte sich vor der Impfspritze. Angeblich, um sich nicht mit dem Coronavirus anzustecken, war der Tisch im Kreml, an den er sich mit Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron und dann später mit Bundeskanzler Olaf Scholz setzte, sechs Meter lang. Putins Sicherheitsbedürfnis scheint auch in der Pandemie sehr groß zu sein.

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