Terrorismus

Bundesregierung holt mutmaßliche IS-Frauen aus Syrien zurück

| Lesedauer: 6 Minuten
Rückkehr aus der Terrorherrschaft: Eine verschleierte Frau mit einer Maske betritt aus der Gangway einer Chartermaschine heraus einen abgeschirmten Bereich der Bundespolizei am Flughafen Frankfurt. Sie wurde gemeinsam mit anderen Frauen aus Syrien nach Deutschland geholt.

Rückkehr aus der Terrorherrschaft: Eine verschleierte Frau mit einer Maske betritt aus der Gangway einer Chartermaschine heraus einen abgeschirmten Bereich der Bundespolizei am Flughafen Frankfurt. Sie wurde gemeinsam mit anderen Frauen aus Syrien nach Deutschland geholt.

Foto: Boris Roessler / dpa

Berlin/Hamburg.  Acht Frauen fliegt die Bundesregierung aus Syrien nach Deutschland zurück. Gegen drei wird ermittelt – die Vorwürfe sind schwer.

Die junge Frau aus Bremen hatte es sich eingerichtet im Reich der Terrormiliz „Islamischer Staat“. Ein paar Monate war die Deutsche aus ihrer Heimat weg, im Juni 2014 zog sie gemeinsam mit ihrem Mann in ein Haus in der Nähe der Stadt Tal Abyad, direkt an der Grenze von Syrien zur Türkei.

Das Haus, davon geht die Hamburger Staatsanwaltschaft aus, gehörte einer jesidischen Familie. Mit Waffengewalt hatten die Islamisten sie vertrieben. Es sind die Monate, in denen der Völkermord der IS-Terroristen gegen die Jesiden in Syrien und Irak beginnt. Tausende sterben, werden gefoltert, vergewaltigt.

Lesen Sie auch: Wie gefährlich sind die Rückkehrer aus den IS-Gebieten?

Jetzt ist die Frau aus Bremen in Haft. Die Generalstaatsanwaltschaft wirft ihr vor, Mitglied beim IS gewesen zu sein. Und nicht nur das: Die Deutsche soll mit der Besetzung des Hauses der Jesiden-Familie Kriegsverbrechen gegen das Eigentum begannen haben.

Lesen Sie auch: Die schwierige Jagd der Ermittler auf die IS-Rückkehrer aus Syrien

Eine US-Militärmaschine fliegt die deutschen IS-Frauen aus Syrien aus

Die 33 Jahre alte Bremerin ist nur eine von acht Frauen, die am Mittwochabend in Deutschland am Frankfurter Flughafen landeten. Mit Hilfe einer US-Militärmaschine wurden die IS-Anhängerinnen und die insgesamt 23 Kinder aus den Kurdengebieten in Syrien ausgeflogen. Auf einem US-Stützpunkt nahmen Mitarbeiter des Außenministeriums und des Bundeskriminalamtes die Frauen entgegen, begleiteten sie auf dem Flug nach Deutschland.

Es war eine Geheimaktion, die nach Informationen unserer Redaktion über Monate vorbereitet worden war: die deutschen Behörden standen immer wieder im Austausch mit der kurdischen Regierung im Norden Syriens, sie verhandelten mit den US-Streitkräften über Hilfe, betreuten dann die Frauen und Kinder auf dem Flug auch mit Psychologen und Ärzten.

Lesen Sie auch: Wie sich die Terrormiliz „Islamischer Staat“ neu aufstellt

Vor allem die Kinder will die Bundesregierung aus den teilweise katastrophalen Unterbringungen in den Gefangenencamps der Kurden-Milizen herausholen. Die Bundesregierung geht davon aus das noch etwas mehr als 100 deutsche Männer, Frauen und Kinder in der Region in Flüchtlingscamps und Gefängnissen ausharren. Zuletzt holte die Regierung im Dezember 2020 mehrere Frauen und Kinder zurück aus syrischen Lagern nach Deutschland.

Fachleute warnen unterdessen vor einem Wiedererstarken des IS – nicht nur in Nahost, vor allem aber auch in Teilen Afrikas und in Afghanistan. Durch einen internationalen Militäreinsatz und durch die Truppen der kurdischen Milizen war es gelungen, den IS in Syrien und Irak zurückzudrängen und zu schwächen.

Ermittelt wird auch gegen Solale M. aus Hamburg

Neben der Frau aus Bremen wurden fünf weitere mutmaßliche IS-Terroristinnen sofort verhaftet. Eine von ihnen soll bei der Terrormiliz auch an der Waffe trainiert und bei der „Sittenpolizei“ des IS gearbeitet haben. Unter ihnen auch Solale M., 37 Jahre, aus Hamburg. Der Generalbundesanwalt wirft auch ihr Mitgliedschaft in der Terrorgruppe vor.

Die Frau soll sich nach ihrer Einreise in Syrien 2014 nach Informationen unserer Redaktion vor allem als Hausfrau und Mutter im selbsternannten „IS-Staat“ betätigt haben. Doch dabei blieb es offenbar nicht: M. half laut Strafverfolgern nicht nur ihrem Mann dabei, für den IS zu kämpfen, sondern soll auch die Kinder streng im Sinne der Ideologie der Islamisten erzogen haben, unterbreitete ihnen Propaganda des IS und brachte ihnen sogar Waffengebrauch nahe. Ihr Kind soll sie aus Hamburg mitgenommen haben, als sie zum IS ausreiste – ohne das Wissen des Vaters.

Zwei weitere Frauen klagt die Generalbundesanwaltschaft an

Zwei weitere Frauen klagt der Bundesanwalt an. Auch sie sollen sich aktiv für den „Islamischen Staat“ eingesetzt haben. Für Fachleute in den Sicherheitsbehörden und den Staatsanwaltschaften sind Frauen oftmals ähnlich stark ideologisiert und radikalisiert wie die Männer. Viele würden sogar den Tod ihrer Kinder in Kauf nehmen, um der Terrorgruppe zu dienen, sagt ein Ermittler.

Diese Kinder sind für die Behörden ebenso Opfer der Ideologie wie die Gegner des IS in Syrien und Irak. Das Jugendamt übernimmt die Obhut der Kinder, die aus den Gefangenenlagern mit ihren Müttern nach Deutschland zurückkehren. Auch Pflegefamilien sollen helfen, den jungen Menschen einen neuen Start in Deutschland zu ermöglichen. Dabei müssen die Kinder, je nach Alter, auch aus der Radikalität geholt werden, wenn sie über Jahre mit IS-Propaganda indoktriniert wurden.

Die Täterinnen vor Gericht zu bringen, ist für die Strafverfolgung nicht leicht. Vor allem wenn die Frauen sich an keinen Kampfhandlungen des IS in Syrien und Irak beteiligt haben. Allein ein Leben im „Alltag“ unter der Herrschaft des IS in Syrien oder Irak reiche nicht aus, um einem Menschen Mitgliedschaft in einer Terrorgruppe vorzuwerfen, urteilte der Bundesgerichtshof im Fall von Sibel H. im Jahr 2018.

Zum „IS-Staat“ gehörten Kämpfer, Schatzmeister, Krankenpfleger und Lehrer

Damit die Staatsanwälte Anklage erheben können, benötigen sie Belege für eine aktive Mitgliedschaft, etwa Fotos vom Training an Waffen, Chatverläufe, die zeigen, dass Frauen andere Frauen für den IS angeworben haben, oder Hinweise, dass Frauen in einer der vielen Organisationen im IS, etwa der „Sittenpolizei“ gearbeitet haben.

Die Propaganda des IS war in der Hochphase der Dschihadisten in Syrien und Irak ausgelegt auf den Aufbau eines „Kalifats“, eines Pseudo-Staates mit Behörden und Ministerien, mit einer eigenen Justiz, einer eigenen Währung, mit Steuern und Gehältern. Zu diesem „Staat“ gehörten vor allem Kämpfer, aber auch Geheimdienstler, Schatzmeister, Krankenpfleger und Lehrer.

Auch den Frauen kam in der Ideologie der Islamisten eine Rolle zu: Sie sollen mit ihren „Kämpfern“ Kinder zur Welt bringen, sie in der Ideologie des „Kalifats“ großziehen, den Haushalt führen und ihren „Löwen im Kampf“ so den Rücken stärken. Frauen seien für den „Fortbestand des IS unentbehrlich“, sagt die Bundesanwaltschaft.

Fragen zum Artikel? Mailen Sie uns: redaktion.online-bzv@funkemedien.de

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder