Bundesamt-Chef: „Atomendlager kann Standortvorteil werden“

Berlin.  Der Chef des Bundesamts für kerntechnische Entsorgungssicherheit, Wolfram König, über den Klimawandel, Gorleben und die Endlagersuche.

Das atomare Zwischenlager im niedersächsischen Gorleben: Wird hier auch das Endlager für hoch radioaktiven Abfall in Betrieb genommen?

Das atomare Zwischenlager im niedersächsischen Gorleben: Wird hier auch das Endlager für hoch radioaktiven Abfall in Betrieb genommen?

Foto: dpa Picture-Alliance / Sina Schuldt / picture alliance/dpa

Er steuert die größte Suche der Republik, und auf die Entscheidung warten Millionen Menschen: In welchem Bundesland, in welchem Landkreis wird das Endlager für hochradioaktiven Abfall gebaut? Wolfram König, Präsident des Bundesamts für kerntechnische Entsorgungssicherheit, spricht eine deutliche Warnung aus.

Die Klimakrise hat die Debatte um die Atomkraft neu entfacht. Steigt Deutschland zu früh aus der Kernenergie aus?

Wolfram König: Nein. Es sind die richtigen Schlussfolgerungen getroffen worden nach den Erfahrungen von Tschernobyl und Fukushima. Die Atomkraft wirft zentrale Sicherheitsfragen auf. Es werden Hochrisikostoffe eingesetzt und erzeugt, die das Leben massiv beeinträchtigen können. Vergessen wird häufig die Tatsache, dass die Stoffe Basis für eine nukleare Bewaffnung sein können. In Deutschland hat es über Jahrzehnte einen gesellschaftlichen Großkonflikt gegeben über die Nutzung der Atomenergie, den wir mit dem Ausstieg befrieden.

Ende Dezember geht das Kernkraftwerk im badischen Philippsburg vom Netz, zwei Jahre später soll in Deutschland gar kein Atomstrom mehr produziert werden. Was bedeutet das für die Sicherheit der Energieversorgung?

Wolfram König: Zunächst einmal bringt es einen Sicherheitsgewinn, wenn weniger Atomkraftwerke am Netz sind. Die Herausforderung wird sein, die Versorgungssicherheit bei gleichzeitigem Ausstieg aus der Kohleverstromung zu gewährleisten. Der Ausbau der regenerativen Energien und der Leitungsnetze muss massiv vorangetrieben werden. Die Bundesnetzagentur hat aber Zugriff auf Reserve-Kraftwerke, die sicherstellen, dass es nicht zu Engpässen kommt.

Wie lange wird es dauern, bis das Endlager für hochradioaktiven Abfall in Betrieb geht?

Wolfram König: Ein Endlager für die großen Mengen von schwach- und mittelradioaktiven Abfällen soll 2027 in Salzgitter – Schacht Konrad – fertiggestellt sein. Die große Herausforderung besteht in der sicheren Entsorgung des hochradioaktiven Abfalls, der besondere Gefahrenpotentiale aufweist und derzeit insbesondere in Zwischenlagern in sogenannten Castor-Behälter aufbewahrt wird. Das gesetzlich festgelegte Ziel ist, bis 2031 einen dauerhaft sicheren Ort in tiefen geologischen Gesteinsschichten für ein Endlager zu finden. Er muss die Sicherheit bieten, dass diese Stoffe für einen unendlich langen Zeitraum nicht in die Biosphäre gelangen. Nach diesem Zeitplan kann man 2050 mit dem Betriebsbeginn rechnen.

Bleiben die Zwischenlager – etwa in Gorleben, Ahaus und Lubmin – so lange sicher?

Wolfram König: Es gibt insgesamt 16 Zwischenlager für hochradioaktive Abfälle in Deutschland, die Sicherheit ist derzeit gewährleistet durch die Betreiber und die Atomaufsicht der Länder. 2036 laufen allerdings die ersten Betriebsgenehmigungen aus. Dann müssen die Betreiber in einem Genehmigungsverfahren die Sicherheitsnachweise neu vorlegen. Zwischenlager können jedenfalls keinesfalls auf Dauer ein Endlager in tiefen stabilen Gesteinsschichten ersetzen.

Läuft es am Ende doch auf den ursprünglich geplanten Standort im niedersächsischen Gorleben hinaus?

Wolfram König: Gorleben wird behandelt wie alle anderen Regionen auch. Wir haben eine weiße Deutschlandkarte vor uns. Keine Fläche wird besser oder schlechter gestellt. Das Endlager kann überall entstehen, wo die Geologie die Sicherheit gewährleisten kann. In Frage kommen die Gesteinsarten Salz, Ton und Kristallin, beispielsweise Granit. Das erste Zwischenergebnis erwarten wir im nächsten Jahr: Der Bund hat ein Unternehmen damit beauftragt, eine Eingrenzung der möglicherweise geeigneten Flächen vorzunehmen.

Soll Deutschland auch Atommüll aus anderen Ländern lagern?

Wolfram König: Nein. Es geht um ein Endlager für Abfälle, die ausschließlich in Deutschland angefallen sind. Genauso verbietet es sich, die eigenen nuklearen Abfälle ins Ausland zu exportieren.

Können Bundesländer auch Nein sagen? Die bayerische Landesregierung hat in ihren Koalitionsvertrag geschrieben, dass es im Freistaat kein Endlager geben wird.

Wolfram König: Die Endlagersuche darf nicht von Einzelinteressen geleitet sein. Bayern hat diesem Verfahren zugestimmt, und die bayerischen Behörden liefern nach meinem Kenntnisstand auch Unterlagen, die das mit der Suche beauftragte Unternehmen abgefragt hat. Die Suche steuert der Bund, und keiner der Verantwortlichen darf sich von politisch motivierten Äußerungen aus den Ländern beeindrucken lassen. Bayern tut sich keinen Gefallen, wenn es sich von vornherein gegen ein Endlager sperrt. Bekanntermaßen hat der Freistaat hochradioaktive Abfälle maßgeblich mitproduziert. Und insbesondere die bayrischen Gemeinden an den Zwischenlagern drängen darauf, zügig ein Endlager zu finden.

Könnte der Bundesrat das Endlager stoppen?

Wolfram König: Die Verantwortung liegt beim Bund. Dort allein ist über das Endlager zu entscheiden – auf Basis der wissenschaftsbasierten Empfehlungen und unter Beteiligung der Öffentlichkeit. Länder, Kommunen und auch die Bürgerinnen und Bürger können mitgestalten, etwa im Rahmen von Regionalkonferenzen und anderen Gremien und Versammlungen – aber am Ende treffen die Abgeordneten des Bundestages unter Wahrung des Gemeinwohls die Entscheidung.

Und am Ende landet das Ganze vor dem Bundesverwaltungsgericht.

Wolfram König: Klagemöglichkeiten sind vorgesehen, und Klagen wird es bestimmt geben. Wichtig ist die Nachvollziehbarkeit der Entscheidung. Weder das Bundesland noch die Region mit dem sichersten Standort darf sich als Verlierer fühlen. Sie müssen die Solidarität aller bekommen. In Schweden und Finnland ist das gelungen. Warum sollen wir es nicht auch in Deutschland schaffen?

Reicht Solidarität?

Wolfram König: Es muss klar sein, dass der Standort die größtmögliche Sicherheit bietet. Und es muss auch massive Unterstützung zur regionalen Entwicklung geben. Das Endlager kann so sogar zum Standortvorteil werden, zum Beispiel durch Investitionen und die Ansiedlung von neuen Forschungseinrichtungen.

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Wie teuer wird das Endlager?

Wolfram König: Für die Zwischenlagerung und den Bau eines Endlagers für hochradioaktive Abfälle haben die Energieversorgungsunternehmen rund 24 Milliarden Euro in einen Fonds eingezahlt. Damit haben sich die Konzerne aus der Verantwortung herausgekauft. Ob diese 24 Milliarden plus Verzinsung ausreichen, kann man heute nicht beantworten. Alles, was darüber hinausgehen würde, muss aus Steuermitteln bestritten werden. Deshalb sollte es im Interesse aller sein, das Verfahren zügig voranzubringen.

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