"Diese Woche"-Podcast: Trump und die Besserwisser

Braunschweig  Chefredakteur Armin Maus spricht über die US-Wahl, Demokratie, Ähnlichkeiten zu Fußballspielen und über unangebrachte intellektuelle Hochnäsigkeit.

Donald Trump: Der Präsident zweifelt die Stimmenauszählung an - hat aber bisher keine Beweise vorgelegt.

Donald Trump: Der Präsident zweifelt die Stimmenauszählung an - hat aber bisher keine Beweise vorgelegt.

Fußballspiele können frustrierend sein. Mindestens 90 Minuten rennt man gegen die gegnerische Elf an, glänzt durch Kampfgeist und feine Ballbehandlung, kann vielleicht sogar übermächtige Ballbesitzverhältnisse vorweisen – und geht dann doch ohne Lorbeer vom Platz. Am Ende zählen ja nur die Tore.

Sportsmänner und -frauen wissen damit umzugehen. Der österreichische Dauer-Meister Red Bull Salzburg zum Beispiel kassierte im Champions-League-Spiel gegen den FC Bayern München in den letzten 20 Minuten vier Gegentore und verlor trotz sehr ansprechender Leistung mit 2:6. Aber rannte der amerikanische Trainer beim Stande von 2:2 auf den Platz , brüllte „Abbrechen!, Abbrechen!“ und verklagte die UEFA? Natürlich nicht. Jesse Marsch freute sich lieber an der Leistung seines Teams in den ersten 70 Minuten. Er weiß, dass ein Spiel nur funktioniert, wenn es Regeln hat, an die sich alle halten. Das hat sicher fast nichts damit zu tun, dass er in Wisconsin geboren ist, wo sie Joe Biden gewählt haben und auch nicht dazu neigen, bewaffnet vor der Wahlbehörde Aufstellung zu nehmen.

Der Präsident wütet auf Twitter

Diesen Sportsgeist suchen wir bei Donald Trump vergebens. Was der 45. Präsident der Vereinigten Staaten seit Schließung der Wahllokale aufführt, stößt jeden Demokraten ab. Selbst die Trump-Sympathisanten am rechten Rand des politischen Spektrums in Deutschland sind irritiert. Mir ist im Augenblick aber viel zu viel und viel zu pauschal die Rede von einer Krise „der“ amerikanischen Demokratie, davon, dass Europa „seinen wichtigsten Verbündeten verliert“.

Natürlich: Donald Trump hat einen weiteren Beweis geliefert, dass er nicht nur keinen Anstand besitzt, sondern gar nicht weiß, was das ist. Sein Versuch, eine mögliche Wahlniederlage systematischem Wahlbetrug der Demokraten zuzuordnen, markiert einen Tiefpunkt. Wüsste man nicht, dass es ihm blutiger Ernst ist, könnte man denken, die Macher der skurril-grotesken „Hangover“-Trilogie hätten im vierten Teil statt Mike Tyson Donald Trump als Stargast ans Set gebeten. Der Präsident wütet in Mikrofone und in seinen Twitter-Account, legt aber keine Beweise vor. Nach Aussage der unabhängigen Wahlbeobachter der OSZE gibt es keine Anzeichen für Wahlmanipulation. US-Gerichte haben Trumps Klagen abgewiesen.

Keine intellektuelle Hochnäsigkeit

Unstrittig ist, dass Amerikas politisches System Probleme hat. Sie sind in unserer Zeitung so ausführlich diskutiert worden, dass ich nur zwei herausgreifen möchte: Ein großer Teil der Menschen im ursprünglichsten, ländlichen Teil Amerikas hat das Vertrauen in die demokratischen Institutionen verloren. Sie haben zu oft die Erfahrung gemacht, dass ihre Nöte in Washington nicht ernst genug genommen wurden. Und weil es an politischen Köpfen fehlt, die diesen Bruch überwinden könnten oder wollten, hat ein manipulativer Charakter wie Donald Trump das höchste Staatsamt erreicht. Ein Bilderstürmer als Bischof. Trump tat unter systematischer Vermeidung der guten Sitten, was er seinen Wählern versprochen hatte, deshalb sind sie mit ihm zufrieden. Das ist durchaus kein Ausdruck von Idiotie. Und es gibt neben Trumps das liberale Amerika, es gibt den Rechtsstaat, der einen Staatsstreich von oben niemals zulassen würde.

Wir sollten Amerika nicht mit intellektueller Hochnäsigkeit begegnen. Manchmal spricht man bei uns bis in höchst informierte Kreise über „die Amerikaner“, als seien sie sämtlich grenzdebile Burgerbuden-Figuren, von denen man sich fernhalten müsse, um nicht den Geruch von altem Bratfett sowie deren politischen Schwachsinn anzunehmen. Das ist genauso falsch, als würde man den Stand der Demokratie in Thüringen auf Björn Höcke reduzieren.

Kampf um ein möglichst intensives transatlantisches Verhältnis

Dass zutiefst unseriöse, radikale Menschen demokratische Macht erlangen, mag man beklagen. Produktiver ist es, den Gründen nachzuforschen, warum erwachsene Wähler sich solchen Charakteren zuwenden – und dafür zu sorgen, dass sich Demokratie der Beseitigung dieser Gründe widmet. Das ist ausdrücklich nicht nur ein Thema der Vereinigten Staaten. Wir verdanken es der Corona-Krise, dass sich deutsche Politik den wesentlichen Themen zugewandt hat und sich nicht länger in Lieblingsprojekten erschöpft, die für die meisten Wählerinnen und Wähler bestenfalls nicht so wichtig und in vielen Fällen tief irritierend waren.

Zu den großen Themen würde auch der Kampf um ein möglichst intensives transatlantisches Verhältnis gehören. Wer glaubt, Europa oder gar Deutschland alleine bräuchte die Partnerschaft mit den USA nicht, der sollte Tabellen zur wirtschaftlichen, demographischen und militärischen Entwicklung rund um den Globus lesen.

Ein wenig Trump ist auch im Verhalten Europas

Der erste Schritt wäre Verzicht auf Selbstgerechtigkeit. Wir jammern viel zu häufig über Trumps Zumutungen. Nur ganz allmählich sickert in unsere Diskussionen ein, dass dieser Pöbelpräsident in vieler Hinsicht die Meinung auch solcher Landleute trifft, die ihn niemals wählen würden. Das meistzitierte Beispiel ist die Sicherheitspolitik. Europas Weigerung, mehr eigene Verantwortung zu übernehmen, ist in den USA niemandem mehr vermittelbar. Es interessiert dort auch niemanden, wie viel das mit dem Einstimmigkeitsprinzip zu tun hat, das einen Kurswechsel auch dann verhindert, wenn sich nur der allerkleinste Partner verweigert. Die leistungsfähigeren EU-Mitgliedsländer tun schließlich auch auf nationaler Ebene viel zu wenig. Amerika fühlt sich ausgenutzt – hier trägt die Verallgemeinerung ausnahmsweise – und will endlich unser ernsthaftes Bemühen sehen.

Ein wenig Trump ist auch im Verhalten Europas, obwohl man auf unserem Kontinent weniger droht und fast gar nicht pöbelt. Seidig-elegant delegieren wir das Flüchtlingsproblem nach Nordafrika, in die Türkei und an die Ägäis, die Verteidigungsanstrengungen an die USA – und sprechen dann salbungsvoll über europäische Werte.

Fußball und Politik sind nicht dasselbe. Aber es gibt Ähnlichkeiten. Wer nicht fair spielt, muss langfristig mit Niederlagen rechnen.

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