Corona-Pandemie

Astrazeneca: Woher kommt die Angst vor der Impfung?

Lesedauer: 7 Minuten
Zurückhaltung beim Impfen mit Astrazeneca

Zurückhaltung beim Impfen mit Astrazeneca

In Deutschland haben die Impfungen mit dem britischen Vakzin des Anbieters AstraZeneca begonnen. Doch momentan breitet sich Skepsis aus, da der Impfstoff anscheinend stärkere Nebenwirkungen hat, als vorher angenommen. In Niedersachsen melden sich 50% des geimpften Personals nach der ersten Impfung krank. Im Saarland kommt gut die Hälfte aller angemeldeten gar nicht erst zum Impftermin.

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Berlin.  Trotz Impftermin lehnen viele Menschen das Vakzin von Astrazeneca ab. Experten über die Verunsicherung und was beim Abwägen hilft.

Für Christian Prysok war es ein emotionales Auf und Ab. Endlich die Chance, sich impfen zu lassen, als 27-Jähriger ohne Vorerkrankungen, ohne sonstige Priorisierungsgründe: Über ein Sonderkontingent seiner Heimatstadt Kronach konnte er sich für eine Impfung „bewerben“. Der Grund: eine Inzidenz über 350. Der Impfstoff: von Astrazeneca.

„Als ich von dieser Chance gehört habe, habe ich keinen Moment gezögert“, erzählt Prysok. Dann bekam er einen Termin. Zweifel wuchsen. Seine Mutter machte sich Sorgen, wegen der Nebenwirkungen, ebenso eine gute Freundin. Die Bewertung der Ständigen Impfkommission und Zeitungsartikel nährten die Zweifel.

„Ich hatte auch Sorge, mit Astrazeneca ein Geimpfter zweiter Klasse zu sein“, sagt Prysok. Zwischendurch wollte er den Termin bereits wieder absagen, dann las er noch einmal Studien, telefonierte mit dem besten Freund. Der ist gleich alt und überlegte keine Sekunde: „Mach’s!“

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„Als ich dann zur Impfung gefahren bin, hatte ich richtig Bock“, erzählt Prysok. „Endlich ein bisschen Entspannung, etwas mehr Sicherheit!“ Nebenwirkungen hatte er keine. Ein anderer Freund hat sich nach Prysoks positiven Erfahrungen nun auch impfen lassen.

Corona-Impfungen und der Tag danach
Corona-Impfungen und der Tag danach

Corona-Impfung: Vorbilder schaffen Vertrauen

Durch Geschichten wie diese könnten mit Blick auf die Impfung verunsicherte Personen Vertrauen zurückgewinnen, erklärt Daniel Heck. Der Psychologieprofessor forscht an der Universität Marburg zu statistischen Methoden und Entscheidungsfindung.

Und auch Pe­tra Dickmann, Expertin für Risikokommunikation, bestätigt: „Menschen machen gerne das, was ihr Umfeld tut, Menschen, denen sie vertrauen, die sie mögen, die Expertise und Integrität ausstrahlen.“ Statistiken dagegen holten viele laut der Intensivmedizinerin aus Jena emotional schlicht nicht ab.

Hinzu kommt ein weiteres Grundproblem: „Wir Menschen tun uns schwer, Wahrscheinlichkeiten einzuschätzen“, so Heck. Evolutionsbiologisch seien wir nicht dafür gemacht, mit kleinen Zahlen umzugehen. Extrem kleine Wahrscheinlichkeiten würden schlicht überschätzt, erklärt der Psychologe.

Wahrscheinlichkeiten? Die werden auch im Lotto überschätzt

Man müsse sich nur einmal anschauen, wie viele Menschen trotz der geringen Gewinnchancen Lotto spielten – auch wenn die statistische Kosten-Nutzen-Analyse etwas anderes zeige. Ähnlich sei es bei der deren Risiko schwerer Nebenwirkungen gering ist – aktuell zwölf Fälle auf knapp fünf Millionen Geimpfte.

Das Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken, liegt ungleich höher. „Mit dem Fahrrad zu fahren, ist noch mal riskanter, das machen die meisten aber einfach trotzdem“, erklärt Heck. „Hier haben wir Vorbilder, das Risiko ist nicht präsent.“

Von den Personen, die sich in Deutschland impfen lassen möchten, würden laut einer Umfrage des Hamburg Center for Health Economics nur zwei Prozent explizit Astrazeneca wählen, die Hälfte der Befragten würde einen anderen Corona-Impfstoff bevorzugen. In Hessen wurden in einigen Regionen teils bis zu 50 Prozent der Astrazeneca-Impftermine nicht wahrgenommen.

Wer Angst hat, kann nicht frei entscheiden

Angstforscher Gerald Hüther kann die Verunsicherung nachvollziehen. „Menschen, die so verängstigt sind, wie die meisten unserer Mitbürger gegenwärtig, können überhaupt keine freie Entscheidung mehr treffen“, erklärt er. „Dass sich manche dann an der Frage des besseren Impfstoffes mit Risikoabwägungen abarbeiten, ist deren Bewältigungsstrategie für diese Angst.“

Auch für ihn ist Vertrauen bei der Entscheidungsfindung und Bewältigung der eigenen Angst essenziell. Er betont jedoch das Vertrauen in die eigenen Kompetenzen, das eigene Abwägen. Hüther sorgt, dass Angst das Immunsystem nachweislich schwäche. Mit Blick auf Pandemie und Impfung keine gute Kombination.

Astrazeneca: Viele negative Schlagzeilen verunsichern

Die 70-Jährige Sabine Keck aus Berlin bekam ein Impfangebot für Astrazenca von ihrer Hausärztin. Nach den vielen negativen Schlagzeilen – Unstimmigkeiten bei Lieferung in der EU, Widersprüchliches zur Studienlage, Gehirnvenenthrombosen, Umbenennung – stand für sie jedoch fest: „Damit lasse ich mich bestimmt nicht impfen.“ Die Verunsicherung war zu groß, eine angeborene Blutgerinnungsstörung machte es nicht besser.

Ihre Hausärztin versuchte sie zu beruhigen. Schließlich habe sich Keck auch ohne Bedenken gegen Pneumokokken und Gelbfieber impfen lassen, trotz möglicher Nebenwirkungen. Dass das nicht rational sei, wisse sie, meint die Berlin. „Aber Astrazeneca war für mich wie ein rotes Tuch.“

Mittlerweile hat Keck die erste Impfdosis des Biontech-Vakzins erhalten – und auch hier war sie im Vorfeld sehr nervös. Erst kürzlich hatte sie hier von einem möglichen Zusammenhang mit Herzmuskelentzündungen gelesen.

Bei einer Impfung sind die Risiken präsenter als der Nutzen

Das Problem: Wir lassen uns gesund impfen – als Präventionsmaßnahme. Dadurch seien die Risiken präsenter als der Nutzen, erklärt Entscheidungsforscherin Simone Dohle von der Uni Köln. „Wenn ich bereits krank bin und ein Medikament nehme, um gesund zu werden, blende ich die Nebenwirkungen leichter aus.“ Sich das bewusst zu machen, könne helfen.

Ergänzend gibt Dohle zu bedenken, dass wir uns in einer völlig neuen Situation befinden. Dass Impfstoffe in Massenmedien direkt miteinander verglichen werden, gab es bislang nicht. Sie rät daher zu einem Perspektivwechsel.

„Die WHO hat bislang rund 300 Impfstoff-Projekte zu Covid-19 dokumentiert“, so Dohle. Nur vier davon hätten es überhaupt geschafft eine Zulassung in der EU zu bekommen. „Wirksamkeit und Sicherheit sind hier also sehr gut“, meint Dohle.

Corona-Pandemie: „Impfen ist Gemeinschaftsaufgabe“

Dass Menschen wie Sabine Keck eine Impfung mit Astrazeneca ablehnen, kann die Psychologin zwar nachvollziehen. „Diese Selbstbestimmung in der Medizin ist extrem wichtig.“ Sie appelliert aber an die Solidarität der über 60-Jährigen, für die der Impfstoff von Astrazeneca in Deutschland explizit freigegeben ist.

Astrazeneca: Für diese Personen gilt der Warnhinweis
Astrazeneca: Für diese Personen gilt der Warnhinweis

„Impfen ist gerade eine Gemeinschaftsaufgabe“, mahnt Dohle. „Jeder Ältere, der eine Impfung mit Astrazeneca ablehnt und ein anderes Mittel bekommt, nimmt damit einem Jüngeren die Chance, sich frühzeitig impfen zu lassen.“

Die angehende Lehrerin Laura Vetter ist 25 Jahre alt und in Bayern, das Astrazeneca mittlerweile für alle freigegeben hat, zur Impfung registriert: „Mich impfen zu lassen, steht für mich nicht zur Debatte – wegen der Herdenimmunität.“

Ob Astrazeneca, Biontech oder Moderna ist ihr egal. „An sich ist ja eine mRNA-Impfung eher das neue Unbekannte, und auf mögliche Hirnvenenthrombosen ist man mittlerweile sensibilisiert.“ Im Zweifel gehe man einfach zum Arzt, und verhindere so Schlimmeres, meint Vetter.

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