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Doc Caro: #allemalneschichtmachen statt #allesdichtmachen

Lesedauer: 14 Minuten
Corona: Heftige Debatte um #allesdichtmachen Aktion

Corona: Heftige Debatte um #allesdichtmachen Aktion

Die Satire-Aktion #allesdichtmachen gegen die Corona-Politik erhitzt die Gemüter. Mit der Aktion kritisieren Schauspieler die Corona-Politik und ernten Empörung. Mehr dazu im Video.

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Berlin.  Für die Aktion #allesdichtmachen ernten Beteiligte viel Kritik und sogar Morddrohungen. Notärztin Doc Caro stellt eine klare Forderung.

  • Nach der umstrittenen Aktion #allesdichtmachen von zahlreichen Schauspielerinnen und Schauspielern löschen einige Beteiligte ihre Videos
  • Notärztin und Bloggerin Doc Caro ärgert sich über die Aktion und fordert Beteiligte auf, eine Schicht auf der Intensivstation zu machen
  • Jan Josef Liefers distanziert sich zwar von Verschwörungstheoretikern und Corona-Leugern – bereut sein Video aber nicht

Die Satire-Aktion #allesdichtmachen gegen die Corona-Politik erhitzt die Gemüter weiter. Den teilnehmenden Schauspielerinnen und Schauspielern schlägt massive Empörung entgegen – Begeisterung für die ironisch gemeinten Videos gibt es vor allem am rechten Rand. Viele Kritiker werfen den Schauspielern auch vor, rechtspopulistische Narrative zu bedienen.

#allesdichtmachen: Morddrohungen gegen Meret Becker

Die beteiligte Schauspielerin Meret Becker soll zuletzt sogar Morddrohungen erhalten, berichtet die "Bild"-Zeitung. Ihr Bruder Ben Becker sagte im Interview: "Meine Schwester ist am Boden zerstört. Sie sitzt weinend zu Hause."

Vor allem aus dem Gesundheitswesen hagelt es Kritik - wenn auch konstruktiver als im Fall Meret Beckers. Nun äußerte sich die als Doc Caro bekannte Essener Notärztin und Bloggerin Carola Holzner. Sie rief die an der Aktion beteiligten Künstler auf, mal für eine Schicht im Rettungsdienst oder auf einer Intensivstation mitzuarbeiten.

Doc Caro kritisiert Schauspieler und fordert: #allemalneschichtmachen

„Ihr habt eine Grenze überschritten“, sagte Holzner, Leitende Oberärztin am Universitätsklinikum Essen, zur Aktion #allesdichtmachen am Samstagabend in einem Instagram-Video. „Und zwar eine Schmerzgrenze all jener, die seit über einem Jahr alles tun.“

Gleichzeitig rief Holzner Kolleginnen und Kollegen auf, es ihr gleichzutun: "Ihr habt eure Stimme erhoben. Jetzt erheben wir unsere, denn #wirsindmehr!" Zahlreiche Menschen teilten den Post, das Video wurde an einem Tag mehr als eine Million Mal aufgerufen. #allemalneschichtmachen trendete am Wochenende auf Twitter und verbreitete sich vor allem unter Beschäftigten aus dem Gesundheitswesen rasant.

An der Künstleraktion #allesdichtmachen hatten insgesamt rund 50 Künstlerinnen und Künstler - darunter Ulrich Tukur, Jan Josef Liefers, Ulrike Folkerts und Richy Müller - am Donnerstagabend bei Instagram und YouTube gleichzeitig ironisch-satirische Clips mit persönlichen Statements zur Coronapolitik der Bundesregierung veröffentlicht. Auch interessant: Asthmaspray soll vor schwerem Covid-Verlauf schützen

Ulrike Folkerts allesdichtmachen

#allesdichtmachen: Das sind die bekanntesten Gesichter:

  • Ulrich Tukur
  • Jan Josef Liefers
  • Heike Makatsch
  • Felix Klare
  • Martin Brambach
  • Meret Becker
  • Richy Müller
  • Kostja Ullmann
  • Wotan Wilke Möhring
  • Nadja Uhl
  • Ulrike Folkerts

Die Hashtags #allesdichtmachen, #niewiederaufmachen und #lockdownfürimmer wurden binnen kurzer Zeit zu den am meisten verwendeten bei Twitter in Deutschland. Mehr zum Thema: Corona: 5000 Intensivpatienten: Für andere Patienten wird es eng

Ulrich Tukur bei #allesdichtmachen: "Schließen Sie auch die Supermärkte!"

In den ironisch zugespitzten Videos machen sich die Schauspieler über Politik und Medien in der Corona-Pandemie lustig. "Schließen Sie ausnahmslos jede menschliche Wirkungsstätte und jeden Handelsplatz", fordert etwa Tukur die Bundesregierung auf. "Nicht nur Theater, Cafés, Schulen, Fabriken, Buchhandlungen, Knopfläden nein, auch alle Lebensmittelläden, Wochenmärkte und vor allem auch all die Supermärkte."

Richy Müller atmet in seinem Clip abwechselnd in zwei Tüten und kommentiert ironisch: "Wenn jeder die Zwei-Tüten-Atmung benutzen würde, hätten wir schon längst keinen Lockdown mehr. Also bleiben Sie gesund und unterstützen Sie die Corona-Maßnahmen. Ich geh jetzt mal Luft holen." Auch interessant: Covid-19: Wie wirksam ist das Grippemittel Avigan?

Mittlerweile ziehen immer mehr Teilnehmer der Aktion Konsequenzen: Die Videos von vielen Schauspielern waren bereits am Samstag auf der Website der Kampagne nicht mehr verfügbar. Zu ihnen zählten die Clips von Heike Makatsch, Meret Becker, Ken Duken und Kostja Ullmann. Schauspielerin Ulrike Folkerts erklärte auf Instagram, ihre Teilnahme an der Aktion sei "ein Fehler" gewesen. Die als Diskussionsbeitrag gedachten Videos seien "vielleicht falsch zu verstehen" gewesen. Auch Richy Müller entschuldigte sich für sein Video.

#allesdichtmachen: Jan Josef Liefers verteidigt sein Video

"Tatort"-Star Jan Josef Liefers verteidigt seinen Beitrag weiterhin vehement. Auf Twitter schrieb er am Freitag, er setze sich kritisch mit den Entscheidungen der Regierung auseinander, "besonders wegen der in Kauf genommenen Verluste in Kultur und Kunst und der Veranstaltungsbranche", so Liefers. Es handle sich bei dem Video um einen "ironischen Kommentar über Prioritäten von Medien".

Pro und Contra zur Aktion: #allesdichtmachen: Eine plumpe oder richtige Aktion?

Der AfD stehe er ferner als jeder anderen Partei im Bundestag, schrieb der 56-Jährige. Dasselbe gelte auch für Corona-Leugner und Verschwörungstheoretiker. Er stehe aber auf Seiten der "Verängstigten, der Verstörten und Eingeschüchterten, der Verstummten, den Hin- und Hergerissenen".

Am Freitagabend wurde Liefers sowohl in der "Aktuellen Stunde" des WDR, als auch in der Radio Bremen-Talkshow "3nach9" interviewt. Hier erklärte er, dass für ihn in der Corona-Krise nicht mehr ersichtlich sei, wie Entscheidungen zustande kämen. "Mir fehlt im Moment die Transparenz. Wie kommt eine Bundesregierung nach so vielen im Grunde halben, Viertel, ganzen, Dreiviertel-Lockdowns auf die Idee, es immer wieder zu machen?" Daher rühre seine Kritik.

Jan Josef Liefers kritisiert Presse scharf

Liefers hatte sich in seinem Clip mit ironischem Unterton "bei allen Medien unseres Landes" bedankt, "die seit über einem Jahr unermüdlich verantwortungsvoll und mit klarer Haltung dafür sorgen, dass der Alarm genau da bleibt, wo er hingehört, nämlich ganz, ganz oben". Lesen Sie auch: Bundes-Notbremse: Wie geht es für die Schulen weiter?

Moderatorin und Schauspielerin Heike Makatsch hatte ebenfalls bei der Aktion mitgemacht. Doch nach heftiger Kritik zog sie ihren Beitrag bereits am Freitagmorgen wieder zurück.

"Ich distanziere mich klar und eindeutig von rechtem Gedankengut und rechten Ideologien. Schon immer. Ohne Frage", schrieb die 49-Jährige auf ihrem Instagram-Account. Dass auf der Website der Aktion unter den zahlreichen Beiträgen als letzter Punkt "Übrigens: #FCKNZS" steht, also "Fuck Nazis", hatte die Unterstützer aus der rechten Szene und von den sogenannten Querdenkern nicht abgehalten, die Aktion zu bejubeln.

Schauspieler kritisieren #allesdichtmachen

Zahlreiche prominente Schauspieler mischten sich via Instagram in die Diskussion ein. Elyas M'Barek schrieb: "Mit Zynismus ist doch keinem geholfen." Jeder wolle zur Normalität zurückkehren, und das werde auch passieren. Hans-Jochen Wagner nannte die Aktion peinlich. Er verstehe sie nicht, schrieb der Schauspieler, der an Liefers gerichtet fragte: "Das kann doch nicht Dein Ernst sein?" Christian Ulmen fühlte sich sogar an den rechten Verschwörungserzähler Ken Jebsen erinnert: Dieser "hätte es nicht schöner sagen können".

Nora Tschirner warf den Machern der Clips Handeln aus Langeweile und Zynismus vor. Sie wandte sich bei Instagram persönlich an Jan Josef Liefers. "Lieber Jan-Josef, Du weißt, ich schätze dich sehr", eröffnet sie ihre Replik auf Liefers' Profil. Sie unterschreibe viel von den Inhalten, um die es den Machern "wahrscheinlich (hoffentlich!)" gehe. Es brauche allerdings mehr Besonnenheit und Achtsamkeit, schrieb Tschirner - anstatt mit dem "brandgefährlichen Stilmittel von Zynismus und Sarkasmus zu jonglieren". Tschirner kritisierte: "Als Schauspieler beschäftigt ihr Euch tagtäglich mit dem Stilmittel Sprache in all ihren Facetten. Und ihr müsstet wissen, wie sie wirkt."

Kritik an #allesdichtmachen aus der eigenen Branche

Schauspieler Marcus Mittermeier kommentierte: "Niemand hat mich gefragt, ob ich bei #allesdichtmachen mitmachen will. Gott sei Dank!" Der Pianist Igor Levit twitterte: Die stumpfste Waffe gegen die Pandemie sei "schlechter, bornierter Schrumpfsarkasmus, der letztendlich bloß fader Zynismus ist, der niemandem hilft. Nur spaltet." Lesen Sie hier: Wohin Corona-Geimpfte ohne Quarantäne reisen können

Medienjournalist Stefan Niggemeier vom Onlinemagazin uebermedien.de schrieb von "ekliger Ironie" und einem "Dammbruch", der zugleich der "größte Erfolg der Querdenkerszene bisher" sei. Der Grünen-EU-Abgeordnete Erik Marquardt kritisierte, er finde die Aktion schlecht und "sehe sie als Ausdruck einer zunehmenden Resignation von eigentlich Vernünftigen."

In vielen Beiträgen wurde auch kritisiert, dass viele der auftretenden Schauspielerinnen und Schauspieler sich in der Pandemie in einer privilegierten Position befänden. Nicht nur durch ihr Vermögen und den Promi-Status, sondern auch, weil Drehs weiterhin möglich sind. Im Gegensatz zu vielen anderen Menschen könnten sie ihren Beruf ja weiter ausüben.

Böhmermann empfiehlt Charité-Doku

Satiriker Jan Böhmermann hielt der Aktion bei Twitter entgegen, das einzige Video, das man sich ansehen solle, "wenn man Probleme mit Corona-Eindämmungsmaßnahmen hat", sei die ARD-Doku aus der Berliner Charité mit den Titel "Station 43 – Sterben". Dazu stellte er den Hashtag #allenichtganzdicht und einen weinenden Smiley.

Kurios: Die Adresse www.allesdichtmachen.com führt zu der besagten Dokumentation. Wer sich die Domain gesichert und die Doku dort hinterlegt hat, ist nicht bekannt. Die Original-Domain der Internetaktion #allesdichtmachen endet auf .de.

Beifall und Rückendeckung aus politischen Lagern

Die Schauspieler erhielten für ihre Aktion auch Rückendeckung – und zwar aus unterschiedlichen politischen Lagern. Der grüne Bundestagsabgeordnete Dieter Janecek betonte, er verstehe die Beiträge als Satire und Kritik an der Corona-Diskurskultur. Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki (FDP) nahm die Schauspieler in Schutz. Man könne über Aktion trefflich streiten, "aber immer mit Respekt". Es müsse möglich sein, die Corona-Politik zu kritisieren, "ohne als ein Querdenker oder Menschenfeind abqualifiziert zu werden".

Beifall gab es auch vom früheren Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, der die Aktion auf Twitter "großartig" nannte. Der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit sprach von einem "Meisterwerk", das "uns sehr nachdenklich machen" sollte. Die AfD-Bundestagsabgeordnete Joana Cotar twitterte: "Das ist intelligenter Protest." Sie feiere Jan Josef Liefers. Cotar gilt als mögliche Spitzenkandidatin der AfD für die Bundestagswahl. Ähnlich äußerte sich auch Jörg Meuthen und Alexander Gauland, beides führende Politiker der rechten Partei.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bot den teilnehmenden Künstlerinnen und Künstlern das Gespräch an. "Dass es Kritik und Fragen gibt an den Maßnahmen und den Hintergründen, das finde ich nicht nur normal, das finde ich in einer freiheitlichen Demokratie wünschenswert." Dass es wehtute, den gewählten Beruf über Monate hinweg nicht ausüben zu können, das könne er gut verstehen. Zugleich sei die Pandemie etwas, das sich alle nicht ausgesucht hätten.

#allesdichtmachen: Wer steckt dahinter?

Hinter der Aktion #allesdichtmachen steckt der Münchner Unternehmer Bernd K. Wunder mit seiner Produktionsfirma "Wunder am Werk". Wunder verharmloste das Coronavirus bereits im Mai 2020 und setzte es mit einer Grippe gleich. Wunder sah es damals nicht ein, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Dies belegt ein Blick in Wunders öffentlich einsehbaren Instagram-Account. Dort machte er sich auch mit einem wuscheligen Hund vorm Gesicht über selbstgenähte Masken lustig.

Bei Instagram beschwerte er sich auch über den SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach, der in der Talkshow von Markus Lanz vor Superspreader-Events in Kinos warnte. "Jetzt ist er auch noch Kino-Fachmann", schrieb Wunder ironisch. "Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Klappe halten."

Hollywood-Presse berichtet über Aktion #allesdichtmachen

Die Presse in Hollywood griff die Aktion der deutschen Schauspielerinnen und Schauspieler auf. "Rechte Politiker jubeln über den Angriff der Schauspieler auf die Corona-Maßnahmen", titelte der "Hollywood Reporter". Das Magazin weist darauf hin, dass zahlreiche der Teilnehmenden auch international Erfolge gefeiert hätten – Ulrich Tukur etwa mit "Das Leben der Anderen", Volker Bruch mit "Babylon Berlin" und Heike Makatsch mit "Tatsächlich Liebe".

Die Kunst- und Kulturszene leidet seit mehr als einem Jahr schwer unter den Corona-Maßnahmen. Laut dem Bundesverband Schauspiel (BFFS) etwa haben viele der Schauspielerinnen und Schauspieler in Deutschland seit März 2020 kaum Einkommen. Dem Verband zufolge leben zwei Drittel bis drei Viertel aller Schauspielerinnen und Schauspieler von Gastverpflichtungen an Theatern, die aktuell nicht oder kaum arbeiten können. In Deutschland gibt es insgesamt etwa 15.000 bis 20.000 Schauspieler.

Schauspielverband zeigt Verständnis für die Aktion

Der Verband äußerte sich am Freitag mit einem Statement zu der Internetaktion: "Wir sind allen Menschen zutiefst dankbar, die in den Krankenhäusern, Pflegestationen, Altenheimen, Schulen und Kitas sich der Seuche in aufopfernder Weise entgegenstellen."

Pauschal verurteilen wollte der Verband die Aktion von Liefers & Co. allerdings nicht. Manche Kolleginnen und Kollegen unterstützten die Aktion, andere seien dagegen. Wie viele andere im Land hätten Schauspieler Existenzängste. "Wir haben Angst, selbst schwer zu erkranken, andere zu infizieren. Hinzu kommt die Angst, unsere Jobs zu verlieren, bei uns die Angst, nicht mehr besetzt zu werden, nie mehr fürs Publikum spielen zu dürfen, unsere Altersvorsorge, unsere Lebensgrundlage und unsere Hoffnung zu verlieren."

Es gehe in einer Demokratie darum, um den besten Weg aus der weltweiten Pandemie zu ringen, teilte der Verband mit - ein Seitenhieb auf die Kritiker, die die Ironie und den Tonfall der Videobeiträge unangebracht finden.

(fmg/mit dpa)

Lesen Sie hier: Warum im Juni die Impfpriorisierung aufgehoben wird

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