Infektiologe: „Werden im Dezember kein normales Leben haben“

Berlin.  Infektiologe Bernd Salzberger blickt positiv auf 2021. Dennoch glaubt er, dass Weihnachten in der Pandemie zum Problem werden könnte.

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Die Deutschen müssen sich nach den Worten von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf weitere Monate mit Corona-Beschränkungen einstellen: "Der vor uns liegende Winter wird uns allen noch viel abverlangen", sagte Merkel am Samstag in ihrem wöchentlichen Video-Podcast.

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Er ist einer der Männer und Frauen, die seit dieser Pandemie die Bezeichnung Corona-Experten tragen: Bernd Salzberger beschäftigt sich als Infektiologe und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie beruflich mit Erregern wie Viren und Bakterien. Ein Gespräch über die kräftezehrende Arbeit von Intensivpflegern, Weihnachten als Virenschleuder und eine Rückkehr zur Normalität.

Herr Salzberger, der erste Blick nach dem Aufwachen: Geht der bei Ihnen auf die Infektionszahlen?

Bernd Salzberger: In den vergangenen Tagen habe ich zuerst auf die Nachrichten aus den USA geguckt, dann auf die Zahlen.

Und, wie ernst ist die Lage?

Salzberger: Die Inzidenz steigt weiter an, aber langsamer. Es ist ein Zeichen dafür, dass sich der Anstieg abbremst. Auch, dass R unter der magischen 1 liegt, ist gut. Die nicht so gute Nachricht: Bei den über 80-Jährigen sieht man die Bremse noch nicht. Prozentual gibt es dort den steilsten Anstieg der Zahlen und das sind auch die Menschen, die die schwersten Krankheitsverläufe haben.

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Ein wichtiger Indikator für den Ernst der Lage ist die Situation auf den Intensivstationen. Hat Deutschland das im Griff?

Salzberger: Ich rechne damit, dass wir dort ein weiteres Problem bekommen werden – auch wenn die Infektionszahlen nicht mehr so stark steigen oder sogar fallen. Im Frühjahr war die Zahl der Fälle schon deutlich im Rückgang, und dann hat uns erst die Spitze der Intensivpatienten getroffen, weil es zehn bis 14 Tage dauern kann, bis ein Infizierter auf die Intensivstation kommt.

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Bereitet Ihnen das Sorgen?

Salzberger: Es ist nichts Neues, wenn ich sage: Das Problem sind nicht so sehr die Intensiv- und Beatmungsbetten , sondern die Personalkapazitäten. Eine knappe Besetzung kann man ein bisschen strecken. Aber macht man das zu sehr, reißt die Decke. Und bei Covid kommt hinzu, dass wir diese Menschen relativ lange auf der Intensivstation haben. Unser längster Patient aus dem Frühjahr war über fünf Monate lang da. Das sammelt sich dann nach und nach an: Die ersten Patienten sind noch nicht weg, dann kommen schon die nächsten und nächsten.

Hätte man besser darauf vorbereitet sein können? Dass der Herbst kommen würde, war absehbar.

Salzberger: So schnell kann man kein Personal qualifizieren. Intensivpfleger durchlaufen eine dreijährige Pflegeausbildung und eine Spezialausbildung für mindestens zwölf Monate. Pflege auf der Intensivstation ist Präzisions- und Schwerstarbeit. Zum Beispiel sind viele schwere Covid-19-Fälle übergewichtig. Man muss einen 120-Kilo-Menschen, der einen Beatmungsschlauch im Hals und viele andere Schläuche am Körper hat, so umdrehen, dass keiner dieser Schläuche abknickt oder herausgerissen wird. Man muss sich mit den komplizierten Geräten auskennen. Wenn ein junger Assistenzarzt auf die Station kommt, tut er gut daran, sich anzugucken, was die Pfleger machen.

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Sie leiten die Infektiologie an der Uniklinik Regensburg, behandeln schwere Covid-19-Fälle. Was haben Sie aus dem Frühjahr gelernt?

Salzberger: Wir wissen heute einiges mehr: die Bauchlagerung der Patienten, die richtige Beatmung, der Einsatz von Steroiden wie Dexamethason. Wir haben die internen Abläufe verbessert. Im Frühjahr haben wir noch Videos gedreht, wie man sich am besten die Schutzkleidung anzieht. Aber das sind kleine Schritte bei der Behandlung. Das sind keine Durchbrüche wie bei der Einführung von Antibiotika. Damals hat sich die Prognose von schweren Lungenentzündungen auf einmal dramatisch gedreht. Soweit sind wir bei Covid-19 noch lange nicht.

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Viele fragen sich: Welchen bleibenden Effekt soll es haben, jetzt auf Kontakte zu verzichten und sich zusammenzureißen? Wie soll es nach dem November weitergehen? Haben Sie eine Antwort?

Salzberger: Keine zufriedenstellende. Sie sprechen etwas Schwieriges an: Weihnachten. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass die Feiertage ein Kick-Starter für die Influenza-Ausbreitung war. Die Leute reisen durch das ganze Bundesgebiet, mischen sich überall, man trifft in der Kneipe seine alten Klassenkameraden. Wenn wir Pech haben, könnte das mit Corona ähnlich sein. Wir werden im Dezember kein normales Leben haben. Das kann nicht sein und wäre nicht vernünftig.

Psychologisch eine Herausforderung. Warum sollte ich mich jetzt zusammenreißen, wenn es danach auch nicht besser wird?

Salzberger: Es wird besser. Jetzt gibt es eine Impfung, das ist der große Durchbruch.

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Sind die Zwischenergebnisse von Biontech und Pfizer zu ihrem Impfstoff wirklich schon der große Durchbruch?

Salzberger: Die Daten sind ausgesprochen gut. Natürlich wissen wir noch nicht, wie gut die Impfung in allen Altersgruppen ist. Dazu ist es zu früh, denn es sind vorläufige Ergebnisse. Aber man muss eines ganz klar sagen: Diese Ergebnisse zeigen uns, dass wir diese Infektion durch Impfungen verhüten können. Ein halbes Jahr nach der Entdeckung dieses Virus haben wir eine wirksame und bis jetzt auch sichere Vakzine. Vergleichen Sie das mal mit HIV.

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Ich würde unterstellen, dass das Bemühen bei HIV ein anderes war als in dieser globalen Pandemie.

Salzberger: Ok, das ist ein anderer Aspekt. Aber wir haben uns bei HIV auch Mühe gegeben, eine Impfung zu finden. Das hat einfach nicht funktioniert. Und in diesem Fall funktioniert es und das heißt: Wir werden im nächsten Jahr unser normales Leben wiederfinden.

Eigentlich wollte ich Sie fragen, was in zehn Jahren sein wird.

Salzberger: Irgendwann wird Sars-CoV-2 vermutlich eines der Erkältungscoronaviren sein. Das ist eigentlich die normale Entwicklung von solchen Viren. Da gibt es zwei gute Beispiele: H1N1-Viren, die 1918 zum ersten Mal so wahnsinnig ausgebrochen sind und allein in Deutschland 700.000 Menschen getötet haben.

Die Spanische Grippe, die weltweit 50 Millionen Tote gekostet hat.

Salzberger: Genau. Wir haben heute noch H1N1-Viren. Die können lästig sein, aber eine globale Angst davor sehe ich nicht. Außerdem ist möglicherweise die weltweite Epidemie von 1889 bis 1892 eine Corona-Epidemie gewesen. Mit einem anderen Corona-Virus. Davon gehen viele Wissenschaftler heute aus. Dieses Virus, egal ob es ein Influenzavirus oder ein Coronavirus war, hat damals ein paar Jahre stark gewütet und dann war der Schrecken vorbei. Das Virus hat sich angepasst.

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