Corona: Bringt der Teil-Lockdown in Deutschland etwas?

Berlin.  Seit rund zwei Wochen befindet sich Deutschland wegen der Corona-Pandemie im Teil-Lockdown – doch wirken die Maßnahmen überhaupt?

Zweite Corona-Welle schlägt mit voller Wucht ein

Aus vielen Ländern werden neue Rekordwerte bei den Coronavirus-Neuinfektionen gemeldet, etwa in den USA, Deutschland und Frankreich. Für die WHO ist Europa inzwischen das Epizentrum der Pandemie. from WHO Europe director, Hans Kluge

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  • Deutschland befindet sich seit dem 2. November und bis mindestens Ende des Monats im Teil-Lockdown
  • Ziel ist es, die Kurve der Corona-Neuinfektionen abzuflachen
  • Zwar sind die Zahlen der Neuinfektionen binnen eines Tages etwas gesunken, allerdings bewegen sie sich seit Wochen im fünfstelligen Bereich
  • Bringen die Maßnahmen also wirklich etwas?

Am vergangenen Freitag verzeichneten Behörden einen Rekordwert an Corona-Neuinfektionen in Deutschland – mehr als 23.500 positiv getestete Menschen kamen binnen 24 Stunden hinzu. In den darauffolgenden Tagen sanken die Zahlen zwar, am Montag waren es sogar „nur“ knapp über 11.000. Trotzdem bewegen sich die Zahlen seit Wochen im fünfstelligen Bereich.

Und so fragen sich viele Bürgerinnen und Bürger: Greifen die Maßnahmen des aktuellen Teil-Lockdowns richtig? Laut RKI habe sich die Zunahme der Infektionen „zuletzt abgeflacht“ und die Geschwindigkeit des Zuwachses bereits vor dem Wochenende verlangsamt. Auch sei die 7-Tage-Inzidenz in den vergangen Tagen nicht mehr so schnell gestiegen wie noch Anfang November.

Infektionszahlen sinken: Bürgerinnen und Bürger verhalten sich vorsichtiger

Bis sich die Wirkung der Maßnahmen, die seit 2. November gelten, zeigen, dauert es nach Angaben des RKI zwei bis drei Wochen. In den nächsten Tagen sollte sich also zeigen, ob die Maßnahmen tatsächlich zu einer Abflachung der Infektionskurve kommt. Abgesehen vom Teil-Lockdown kann die aktuelle Entwicklung aber auch andere Gründe haben.

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Daten des Corona-Monitors des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) haben beispielsweise bereits gezeigt, dass sich Befragte auch vor Inkrafttreten des erneuten Lockdowns wieder vorsichtiger verhalten hätten. Darüber hinaus könnte der verlangsamte Zuwachs der Infektionen auch dadurch mitverursacht sein, dass die Laborkapazitäten langsam ausgeschöpft sind, wie Uta Rexroth, Leiterin des RKI-Lagezentrums, gegenüber der Deutschen Presse-Agentur sagte. Lesen Sie hier: Virologe fordert bei Illner Alternative zu Corona-Shutdown

Wirkung des Teil-Lockdowns schwächer als berechnet

Tatsächlich fällt die Wirkung des Teil-Lockdowns zunächst schwächer aus als berechnet. Das bestätigte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach dieser Redaktion. „Neben den Schulen ist eine zu geringe Beschränkung privater Kontakte eine wahrscheinliche Ursache.“ Die Neuinfektionen seien noch immer viel zu hoch, weshalb der Politiker keinen Anlass für Lockerung sehe.

Derweil bestätigen Untersuchungen aber auch die enorme Bedeutung von Restaurants, Cafés, Bars, Hotels und Fitnessräumen für die Ausbreitung des Coronavirus. „Wenn wir diese Orte wieder öffnen wie vor dem Shutdown, sind wir in kürzester Zeit wieder dort, wo wir waren: im exponentiellen Wachstum“, so Lauterbach.

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Infektiologe bremst Hoffnung auf Lockerung der Beschränkungen

Der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie, Bernd Salzberger, bremste die Hoffnung auf ein baldiges Ende der geltenden Kontaktbeschränkungen und Wiedereröffnung von Restaurants und Co ebenfalls.

„Wir werden im Dezember kein normales Leben haben. Das kann nicht sein und wäre nicht vernünftig“, sagte Salzberger unserer Redaktion. Dennoch prophezeite der Corona-Experte: „Es wird besser. Jetzt gibt es eine Impfung, das ist der große Durchbruch.“ Lesen Sie hier:

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Am Montag berieten Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten über die seit rund zwei Wochen geltenden Einschränkungen. Sie sollen mindestens den ganzen November über aufrecht erhalten bleiben.

Zunächst hatten sich Bund und Länder darauf verständigt, für die nächsten Tage erst einmal keine weiteren Verbote und verbindlichen Beschränkungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie zu erlassen. Auch die Schulen sollen weiter geöffnet bleiben.

Merkel und die Ministerpräsidenten forderten die Bürgerinnen und Bürger allerdings dringend dazu auf, ihre privaten Kontakte noch einmal deutlich zu reduzieren. Am 25. November soll es zudem weitere Beratungen und – wenn die Zahl der Infizierten und schwer Erkrankten bis dahin nicht stark gesunken ist – womöglich auch weitere rechtlich bindende Einschränkungen geben. Lesen Sie hier: Corona-Gipfel: Keine neuen Beschlüsse – Entscheidung vertagt

Zahl der Patienten auf Intensiv-Stationen steigt weiter exponentiell

Auch wenn die Meldezahlen nicht mehr so schnell steigen, gibt es weiter viele Infizierte in Deutschland und die Zahl der Patienten auf Intensivstationen steigt weiterhin exponentiell. Dort wurden nach RKI-Angaben am Montag 3436 Covid-19-Patienten behandelt, 56 Prozent davon wurden beatmet. Die Zahl kann sich nach Einschätzung von Experten noch mehr als verdoppeln.

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Man wisse, dass etwa zwei Prozent der Neuinfizierten in zehn bis zwölf Tagen auf Intensivstationen behandelt werden müssen, hatte Gernot Marx, Intensivmediziner am Uniklinikum Aachen, am Freitag im Radiosender WDR5 gesagt. Diese Patienten lägen auch sehr lange – zwei bis vier Wochen – in den Kliniken. „Das heißt, wir werden in der Intensivmedizin noch weit über den Dezember damit zu tun haben.“

(elik/dpa)

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