Florian Silbereisen trauert um Michael Gwisdek

Berlin.  Der Berliner Schauspieler und Regisseur Michael Gwisdek ist mit 78 Jahren gestorben. Wer ihm zusah, wusste, dass er das Leben kannte.

Das ist Michael Gwisdek

Der berühmte deutsche Schauspieler und Regisseur Michael Gwisdek ist am 22.09.2020 gestorben. Er war tätig in Theater, Film und Fernsehen und erhielt etliche Auszeichnungen.

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  • Der Berliner Schauspieler und Regisseur Michael Gwisdek ist im Alter von 78 Jahren gestorben
  • Mit Filmen wie „Good Bye, Lenin!“, „Boxhagener Platz“, „Nachtgestalten“ und „Oh Boy“ war er ein Publikumsliebling
  • Die Glaubwürdigkeit seiner Figuren war nicht nur gut erlerntes Handwerk, sie kam aus eigener Anschauung
  • Zahlreiche Weggefährten und Kollegen trauern um den Schauspieler. Dazu gehört auch Florian Silbereisen

Schauspieler Michael Gwisdek ist am Dienstag nach kurzer, schwerer Krankheit gestorben. Er wurde 78 Jahre alt.

Schlagersänger und Schauspieler Florian Silbereisen, der zusammen mit Gwisdek für „Das Traumschiff“ vor der Kamera stand, nahm in einem Instagram-Post Abschied: „Michael Gwisdek hat Joko und mich an unserem allerersten Drehtag auf dem Traumschiff ganz lieb empfangen. Wir saßen an jedem Abend stundenlang zusammen“, schreibt er. Und: „Ich werde ihn nie vergessen! Er war wirklich ein ganz lieber Kerl!“

Michael Gwisdek Welche Rollen ihm den Ruhm sicherten

Einen seiner schönsten Auftritte hatte Michael Gwisdek in Andreas Dresens Episodenfilm „Nachtgestalten“, der 1998 in die Kinos kam. Er spielt darin einen leitenden Angestellten namens Peschke, der am Flughafen im Auftrag seines Chefs einen japanischen Gast abholen will, diesen aber verpasst. Als er plötzlich seine Geldbörse nicht mehr findet, verdächtigt er den gerade gelandeten angolanischen Flüchtlingsjungen Feliz des Diebstahls, findet die Brieftasche aber auf einem Tresen wieder.

Vom schlechten Gewissen geplagt, driftet Peschke mit Feliz nun durch die Berliner Nacht, um ihn zu seinem Ziel zu bringen, hilflos in einem Gemisch aus Berlinerisch, Englisch und Spanisch um Verständigung bemüht. Wie Gwisdek durch die Panzerplatten eines Geschäftsmannes Liebenswürdigkeit, Selbstironie und Witz hindurchscheinen ließ, war ebenso herzerwärmend wie schön.

Das galt für viele seiner Charaktere mit all ihren knurrigen Verschrobenheiten: Gwisdek verstand es stets überzeugend, für sie zu werben und das Fremdeln des Zuschauers in Mitgefühl zu verwandeln, ob es nun der etwas verlorene Schuldirektor Klapprath in Wolfgang Beckers „Good bye, Lenin!“ (2003) war oder der geheimnisvolle, angetrunkene Zufallsbekannte an der Bar in Jan-Ole Gersters „Oh Boy“ (2012). Es waren Rollen wie diese, die Gwisdek auch in späten Jahren seinen Ruhm sicherten – und von diesem hatte er sein ganzes Leben lang geträumt.

Michael Gwisdek kannte die Nöte der einfachen Angestellten

Im Interview erzählte Gwisdek noch im vergangenen Jahr davon, wie er als junger Mensch – die Grenze zwischen Ost und West war noch offen – vor dem Berliner Zoo Palast stand. „Da lief ,Die glorreichen Sieben’ mit Horst Buchholz, und da hing ein großes Plakat mit seinem Namen über dem Eingang. Lola, Silberner Bär – kannst du alles vergessen. Ich bin Schauspieler geworden, weil ich meinen Namen auch einmal da sehen wollte.“ Sein Drang, Filme zu machen, sei unbezähmbar gewesen, fügte er hinzu: „Ich hätte auch das Telefonbuch verfilmt.“

Michael Gwisdek besuchte die staatliche Schauspielschule Berlin

Die Glaubwürdigkeit seiner Figuren war nicht nur gut erlerntes Handwerk, sie kam aus eigener Anschauung. Bevor Gwisdek, geboren 1942 als Sohn eines Gastwirtepaars im Berliner Stadtteil Weißensee, von 1965 an an der Staatlichen Schauspielschule Berlin studieren konnte (zweimal war er zuvor abgewiesen worden), hatte er eine Art Crashkurs im Arbeitsleben absolviert.

Nach einer Ausbildung zum Dekorateur war er zunächst Plakatmaler, dann Vertreter für gastronomische Automaten, er arbeitete am Bierausschank seiner Eltern und leitete einen Jugendclub – er kannte die Nöte der einfachen Angestellten, das Strampeln in Hierarchien, die Gier nach dem nächsten kleinen Zwischenerfolg nur zu gut und übersetzte sie schauspielerisch mal in große Verrenkungen, mal in unnachahmlich verzetteltes Sprachfindungstheater, mal in kaum wahrnehmbare, kleine Tics.

Gwisdek war 15 Jahre lang mit der Schauspielerin Corinna Harfouch verheiratet

Dass er dabei auch das klassische Fach nicht vernachlässigte, bewies er in seinen zehn Jahren an der Volksbühne Berlin, wo er vor allem in Shakespeare-Inszenierungen Erfolge feierte, als Horatio in „Hamlet“ (1977), als Bleichenwang in „Was ihr wollt“ (1981). Parallel dazu stand er in zahlreichen Defa-Produktionen vor der Kamera, von der Kritik gepriesen vor allem als ehemaliger Profiboxer Henry Wolters in Ulrich Weiß’ Defa-Produktion „Olle Henry“ (1983).

Michael Gwisdek, seit 1984 mit der Schauspielerin Corinna Harfouch verheiratet (von der er sich 1999 trennte und mit der er zwei Söhne hat, Johannes und den auch als Schauspieler arbeitenden Robert), hatte sich den ersehnten Ruhm schon erarbeitet, bevor die Mauer fiel – und konnte relativ bruchlos an frühere Erfolge anknüpfen, auch als Filmregisseur.

Als solcher hatte er mit dem „Treffen in Travers“ bereits 1988 debütiert, seine Frau Corinna Harfouch spielte die weibliche Hauptrolle – ein historischer Kostümfilm, der das Schicksal politisch Verfolgter in den Blick nahm, eine in der Spätphase der DDR leicht dechiffrierbare Parabel auf gegenwärtige Zustände. Gwisdek hatte nie das Bedürfnis, jemandem nach dem Mund zu reden – und sprach auch offen aus, wenn ihm Filme missfielen, selbst wenn er mitspielte.

Michael Gwisdek gab vielen ein Gesicht, die sonst gerne übersehen werden

Er war in seiner Arbeit auch ein Botschafter der mit der Wiedervereinigung verbundenen Probleme – und gab mit seinen Figuren vielen ein Gesicht, die sonst gerne übersehen werden. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) würdigte ihn als einen jener Künstler, „die in beiden Teilen unserer Stadt und über unser Land hinaus geachtet und geschätzt sind“ – er wird aber eher als Charakterkopf in Erinnerung bleiben, als einer, der auch mal schimpfte und pöbelte, Temperament hatte, am Leben litt, es veralberte und liebte.

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