Hackerangriff: „Bella Ciao“ schallt plötzlich von Minaretten

Izmir.  Nachdem Hacker im türkischen Izmir die Lautsprecher von Moscheen gekapert hatten, tönte ein berühmtes Widerstandslied aus den Boxen.

Von solchen Minaretten aus wurde die Stadt Izmir mit dem Widerstandslied „Bella Ciao“ beschallt.

Von solchen Minaretten aus wurde die Stadt Izmir mit dem Widerstandslied „Bella Ciao“ beschallt.

Foto: Michael Eichhammer/imago-Images

  • Unbekannte Hacker kaperten die Moscheelautersprecher in der türkischen Stadt Izmir
  • Italienisches Partisanenlied „Bella Ciao“ wurde statt des Aufrufs zum Gebet gespielt
  • Die türkische Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Hacker und Nutzer von sozialen Netzwerken

Rebellische Töne schallen von den Minaretten der Millionenstadt Izmir in der Türkei. Hacker haben am vergangenen Mittwoch die Lautsprecheranlagen mehrerer Moscheen in der Metropole übernommen.

Statt des Aufrufs zum Gebet, tönte das Widerstandslied „Bella Ciao“ aus den Boxen über den Dächern der Stadt. Izmir ist die drittgrößte Stadt der Türkei und gilt nicht nur als säkular, sondern auch als Zentrum der Oppositionspartei CHP.

Aufnahmen der Hacker-Aktion verbreiteten sich daraufhin rasant in den sozialen Netzwerken. Über den Kurznachrichtendienst Twitter bestätigte dann auch die türkische Behörde für Religionsangelegenheiten, Diyanet, den Vorfall am Mittwochabend und reichte Beschwerde ein.

Die Staatsanwaltschaft in Izmir hat am vergangenen Donnerstag Ermittlungen aufgenommen. Diese richten sich nicht nur gegen die Hacker, sondern auch gegen die Nutzer und Nutzerinnen in den sozialen Netzwerken, welche die Aufnahmen der Aktion weiter verbreitet hatten.

Türkei: Kritik an der Regierung im Internet ist strafbar

In der Türkei ist es möglich, Internetnutzer und -nutzerinnen wegen vermeintlich regierungsfeindlicher Beiträge zu verfolgen. Häufig wird dabei mit dem Straftatbestand der Verbreitung von „Terrorpropaganda“ oder „Präsidentenbeleidigung“ argumentiert. Laut Sicherheitshinweisen des deutschen Auswärtigen Amtes genügt dazu in manchen Fällen schon das „Liken“ oder Teilen eines fremden Beitrags.

Im Juli 2019 wurde beispielsweise der Deutsche Osman B. auf einem Flughafen in Antalya verhaftet, weil er Bilder des PKK-Anführers Abdullah Öcalan auf Facebook gepostet hatte. Die „Arbeiterpartei Kurdistans“ (PKK) wird in der EU und in der Türkei als Terrororganisation eingestuft.

Türkische Medien sprechen von „widerlicher Attacke“

Nach Informationen des staatlichen türkischen Nachrichtendienstes Anadolu lautet der Vorwurf zu der Hacker-Aktion in Izmir „Verunglimpfung religiöser Werte“. Auch Ömer Celik, Sprecher der Regierungspartei AKP des islamisch-konservativen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, verurteilte den Vorfall. In mehreren staatlichen Medien wurde die Hacker-Aktion als „Skandal“ und „widerliche Attacke“ auf Moscheen bezeichnet.

Wie Anadolu berichtet, sei im Zusammenhang mit dem Hackerangriff am Donnerstagabend eine Frau festgenommen worden.

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Corona: Mehr Zensur dank Pandemie?

Zuletzt hatte die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) der türkischen Regierung im April vorgeworfen die Corona-Krise für eine strengere Kontrolle des Internets auszunutzen.

In einem Gesetzesentwurf zur Bekämpfung der wirtschaftlichen Folgen von Covid-19 sei eine dementsprechende Passage „vergraben“, kritisierte HRW. Ziel sei, Plattformen wie Facebook, Twitter und YouTube der „Kontrolle und Zensur der türkischen Regierung zu unterwerfen“.

Justizminister Abdulhamit Gül hatte erklärt, dass innerhalb eines Monats gegen 737 Menschen ermittelt worden sei, weil diese „manipulative“ Beiträge in den sozialen Medien im Zusammenhang mit dem Coronavirus verbreitet haben sollen.

So hatte Präsident Recep Tayyip Erdogan den Moderator Fatih Portakal angezeigt, weil dieser auf Twitter die Corona-Politik der Regierung kritisiert hatte. Zudem wurden mehrere Journalisten wegen gleich lautender Kommentare verhaftet.

(dpa/jas)

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