Corona-Fall in Ischgl verschwiegen? Ermittlungen eingeleitet

Berlin.  Die Staatsanwaltschaft in Tirol leitet Ermittlungen gegen einen Gastronomen ein. Er soll einen Coronavirus-Fall nicht gemeldet haben.

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Der österreichische Skiort Ischgl gilt als einer der größten Infektionsherde der Coronavirus-Pandemie. Das Robert-Koch-Institut (RKI) stufte das Bundesland Tirol schon früh als internationales Risikogebiet ein. Doch wie ist es dazu gekommen, dass der beliebte Winterurlaubsort Ischgl zu einem der am stärksten vom Coronavirus betroffenen Gebiete wurde?

Die Staatsanwaltschaft Innsbruck hat nun ein Ermittlungsverfahren gegen einen Gastronomiebetreiber aus Ischgl eingeleitet – wegen des Verdachts der fahrlässigen Gefährdung von Menschen durch übertragbare Krankheiten. Das teilte die Behörde am Dienstag mit. Der Mann soll Ende Februar einen positiven Test einer Mitarbeiterin nicht den Gesundheitsbehörden gemeldet haben.

Das Land Tirol hatte der Staatsanwaltschaft eine Anfrage des ZDF mit dem entsprechenden Verdacht weitergeleitet. „Es ist unbekannt, um welchen Betrieb es sich dabei handeln soll und ob tatsächlich Meldepflichten verletzt wurden“, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Daher werde nun ermittelt.

Coronavirus-Gefahr unterschätzt? Scharfe Kritik am Land Tirol

Das Land Tirol und die Tourismusbranche vor Ort waren in den vergangenen Tagen scharf kritisiert worden, weil der Skitourismus mit seinen Après-Ski-Partys die internationale Ausbreitung des Coronavirus verstärkt haben könnte. Vor allem Ischgl geriet diesbezüglich ins Visier. Dort war der Barkeeper einer beliebten Après-Ski-Bar am 7. März positiv auf Sars-CoV-2 getestet worden.

Dem Land Tirol wird vorgeworfen, den Skibetrieb nicht schnell genug gestoppt zu haben. In der zweiten Märzwoche, als mehrere Länder schon vor einer Reise nach Tirol gewarnt hatten und Island das Bundesland sogar zum Risikogebiet erklärt hatte, weil mehrere Ischgl-Urlauber positiv auf Sars-CoV-2 getestet worden waren, wiesen die Behörden noch alle Bedenken zurück. Die Skigebiete fuhren ohne Einschränkungen mit dem Betrieb fort.

Am 13. März erklärte das RKI Tirol schließlich zum Risikogebiet. Als am selben Tag über Ischgl und weitere Orte eine Quarantäne verhängt wurde, kam es zudem zu chaotischen Zuständen bei der fluchtartigen Abreise zahlreicher internationaler Gäste. Auch dafür hagelte es Kritik. Erst am 15. März fand die Skisaison dann ihr vorzeitiges Ende.

Corona-Krise: Tiroler Regierung will Expertenkommission einrichten

Um welchen Betrieb es sich bei den Ermittlungen handelt und ob tatsächlich Meldepflichten verletzt wurden, sei unklar, erklärte die Staatsanwaltschaft laut der österreichischen Nachrichtenagentur APA. Sie habe deshalb das Landeskriminalamt mit den Ermittlungen beauftragt. Ein Verstoß gegen eine Meldepflicht könnte strafrechtlich relevant sein, „wenn der Verstoß geeignet war, eine Ansteckungsgefahr herbeizuführen“, hieß es.

Bis Ermittlungsergebnisse vorlägen, könne jedoch noch etwas Zeit vergehen. Ermittlungen vor Ort gestalteten sich aufgrund der Corona-Krise „etwas schwierig“, sagte Staatsanwaltschaftssprecher Hansjörg Mayr der APA.

Die Tiroler Landesregierung aus ÖVP und Grünen kündigte nach Angaben der APA an, dass sie den weiteren Parteien im Landtag die Einrichtung einer unabhängigen Expertenkommission vorschlagen werde. So sollten die im Raum stehenden Fragen und Vorwürfe transparent aufgearbeitet werden, sagte demnach der Tiroler ÖVP-Fraktionschef Jakob Wolf.

In den vergangenen Tagen hatte Landeschef Günther Platter (ÖVP) betont, dass seine Regierung und die Behörden „das Menschenmögliche getan“ hätten, um die Bevölkerung zu schützen. Er räumte aber ein, dass alle Beteiligten in einer solchen Krise auch stets dazulernen würden.

Coronavirus: Knapp 4800 Infektionsfälle in Österreich

In Österreich gibt es laut der Johns Hopkins Universität fast 4800 bestätigte Coronavirus-Infektionsfälle, 25 Menschen starben. Bundeskanzler Sebastian Kurz kündigte am Dienstag an, die Kapazitäten für Corona-Tests auf 15.000 pro Tag steigern zu wollen.

Zugleich dämpfte der konservative ÖVP-Politiker die Hoffnungen auf ein baldiges Ende der Pandemie. „Wir werden nach Ostern in einer Phase sein, die der heutigen mehr ähnelt als dem Normalzustand“, sagte Kurz laut APA bei einer Pressekonferenz in Wien.

Über eine mögliche Beibehaltung der Ausgangsbeschränkungen und sonstigen Maßnahmen wie Schulschließungen werde die Regierung erst Ende der Woche entscheiden. Ziel sei es grundsätzlich, die Maßnahmen ab 14. April schrittweise wieder zurückzunehmen. „Die Betonung liegt auf Ziel und auf schrittweise“, unterstrich Kurz. (mbr/dpa/afp)

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