Hartnäckig nach Beweisen graben: Der Fall Maddie führt ins Tiefe

Hannover.  Die Polizei hat einen weiteren Schritt im Fall „Maddie“ getan. Die Spurensuche führte sie am Dienstag in ein Kleingartengebiet bei Hannover.

Ein kleiner Bagger steht hinter einer Polizeiabsperrung. Polizeibeamte haben am Dienstag auch mit schwerem Räumgerät eine Kleingartenparzelle bei Hannover durchsucht.

Ein kleiner Bagger steht hinter einer Polizeiabsperrung. Polizeibeamte haben am Dienstag auch mit schwerem Räumgerät eine Kleingartenparzelle bei Hannover durchsucht.

Foto: Hauke-Christian Dittrich / AFP

Ein riesiges Feld vermittelt ländliche Idylle, eine Kleingartenanlage liegt am Rand des Ackers in der Sonne. Doch auf der andere Seite der B 441, zum Stichkanal Linden hin, versperren lange Sichtschutzgitter den Blick auf einige Gartenparzellen. Dass dort nicht das Grünflächenamt im Einsatz ist, zeigen die am Straßenrand geparkten Polizeiwagen. Wie die Staatsanwaltschaft Braunschweig am Dienstag erklärte, stehen die Aktivitäten im Zusammenhang mit dem Fall Maddie McCann.

Kleidungsstücke, Datensticks – die Polizisten können auf dem Gelände vieles finden

„Was ist denn hier los?“, fragt ein Anwohner, als er mit seinem Mountainbike vorbeikommt. TV- und Fototeams sind da, dazu die Polizisten. Wer am Mittag einen kurzen Blick auf das Gelände erhascht, sieht einen kleinen Bagger, ein farbiges kleines Zelt und auch mal Ermittler, die sich im Kreis miteinander besprechen.

Was genau vor sich geht an der Straße zwischen Hannover-Ahlem und Seelze-Letter, erzählt niemand. Die Polizisten sind schweigsam. Doch es heißt, dass die fragliche Parzelle auf der Suche nach Spuren und möglichen Beweismitteln gerodet worden sei, dass Sand gesiebt wurde und Erde mit Schaufeln und Harken bearbeitet. Das Gelände scheint etwas hügeliger und deutlich ungepflegter als die Parzelle rechts daneben. Es gibt vieles, dass sich in so einem Fall suchen lässt: Kleidungsstücke und Datensticks zum Beispiel, ganz zu schweigen von wesentlich Größerem.

Welchen Bezug der Verdächtige, der derzeit in Kiel in Haft sitzt, zu dem Gelände hat, sagt offiziell niemand. „Der hat ja hier gewohnt“, sagt eine Passantin der dpa. Ein anderer Ortskundiger spricht von einem „Schrauber“, der das Gelände genutzt habe. Das könnte auf den 43-Jährigen passen. Dass auch Experten des Bundeskriminalamts an den Ermittlungen beteiligt sind, will die Staatsanwaltschaft Braunschweig nicht bestätigen. Sie gibt sich äußerst verschlossen. Das BKA ermittelt aber seit langem im Fall Maddie gegen den Mann.

Die Prozessberichterstattung gegen den 43-Jährigen finden Sie hier:

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Früh am Morgen waren die Ermittler gekommen, und wie eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Braunschweig sagt, soll es - zumindest nach den ursprünglichen Planungen - am Mittwoch weitergehen. Ein Spürhund soll ebenfalls zum Einsatz gekommen sein. „Das kann man sich nicht vorstellen“, sagt der Mann auf dem Fahrrad, Jacke, T-Shirt, lange Halskette, als er das Stichwort Maddie hört. Der Mann erzählt von einer TV-Reportage, die er zu dem Fall gesehen hat, über Ermittlungsfehler. „Da kriegt man so einen Hals“, sagt er. Es geht um die Vorladung des Verdächtigen zu einer Zeugenaussage bei der Polizei in Braunschweig. „Jetzt ist also Letter im Spiel“, sagt er irritiert. Das Landgericht Braunschweig hatte den 43-Jährigen Ende 2019 wegen schwerer Vergewaltigung unter Einbeziehung früherer Strafen zu sieben Jahren Haft verurteilt. Er hatte danach 2005 in Praia da Luz eine damals 72-jährige Amerikanerin vergewaltigt. Es ist der Ort, an dem auch Maddie verschwand. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Der Deutsche ist auch wegen sexuellen Kindesmissbrauchs vorbestraft. Seinen letzten deutschen Wohnsitz hatte er in Braunschweig.

Die Ermittler gehen zurzeit auch dem Verdacht nach, dass der Mann in weitere Verbrechen verwickelt sein könnte

Es sind zumeist Radfahrer, die an dem abgezäunten Gelände vorbeikommen. Einige steigen ab, bleiben stehen und schauen, doch außer Polizeifahrzeugen ist nur bei genauem Hinschauen ein wenig Bewegung auf dem Gelände zu sehen. Lastwagen fahren am Nachmittag mehrfach Strauchschnitt von dem Gelände ab. Auch Spurensicherer in weißen Anzügen werden gesichtet. Dass Spuren des 43-Jährigen in den Raum Hannover führen, ist schon länger bekannt. Wie in anderen Mordfällen, nicht nur in Deutschland, wird der Mann mittlerweile auch in Hannover mit besonders brutalen Verbrechen in Verbindung gebracht. Man hofft schließlich immer noch, sie klären zu können. Zur Jahreswende 2009/2010 etwa wurde, laut Berichten nur wenige hundert Meter von der damaligen Stammkneipe des Mannes in Hannover-Linden entfernt, eine 24-Jährige getötet und zerstückelt. Der damalige Leiter der Mordkommission sagte der „Neuen Presse“, einiges im Täterprofil habe auf den Mann gepasst, anderes nicht. Ein Speicheltest gab demnach aber keinen Treffer, und Freunde hatten den Mann entlastet. Ein Zeuge soll sich damals an die Polizei gewandt haben. Der Maddie-Verdächtige soll ärmlich auf einem Werkstattgelände im Lindener Hafen gelebt haben. Seit 2007 soll er in Hannover gewohnt haben. Beim Amtsgericht Hannover wurde er jedenfalls mehrfach aktenkundig. Es gab laut Staatsanwaltschaft Hannover Geldstrafen wegen Urkundenfälschung und später wegen gemeinschaftlichen Diebstahls.

Doch um solche Taten geht es längst nicht mehr. Im Fall der einer in Sachsen-Anhalt verschwundenen 5-Jährigen war der Mann ebenfalls ins Visier geraten. Dort soll er auf einem verfallenen Fabrikgelände gelebt haben. 2016 waren dort Datenträger mit härtester Kinderpornografie und Mädchenkleidung gefunden worden. Wie es heißt, wollte die Polizei an diesem Mittwoch auf dem Gelände in Hannover eine Begehung mit Journalisten machen, doch das habe die Staatsanwaltschaft nicht gewollt.

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