Sigmar Gabriel – Besser mal laut als immer leisetreten

Hannover.  Ein Vollblutpolitiker, SPD-Vordenker und Kämpfer: Der Niedersachse Sigmar Gabriel wird am Donnerstag 60.

Sigmar Gabriel (SPD) spricht im Juni 2019 im Bundestag in einer Debatte um den Schutz der Demokratie.

Sigmar Gabriel (SPD) spricht im Juni 2019 im Bundestag in einer Debatte um den Schutz der Demokratie.

Foto: Wolfgang Kumm / picture alliance/dpa

Krachen lassen kann Sigmar Gabriel es immer noch, na klar. Als „Toyota-Präsident“ bezeichnete der SPD-Politiker, neuer Vorsitzender der „Atlantik-Brücke“, jüngst den amerikanischen Präsidenten Donald Trump: Nichts sei bei Trump unmöglich. Der noble Verein für transatlantische Beziehungen setzt zwar meist auf gedecktere Töne. Doch aus seiner Haut kann und will Gabriel auf seinem Weg zu einem Staatsmann und globalen Politikerklärer auch nicht schlüpfen. Einen Lehrauftrag an der Universität Harvard hat er bereits. Er sei gelassen, sagt Gabriel vor dem großen Tag am Telefon. Aber mit dem 60. Geburtstag wachse bei ihm das Bewusstsein für die Endlichkeit des Lebens.

Dass er es bis zum Vize-Kanzler der Bundesrepublik schaffen würde, hätte sich Gabriel vermutlich nicht träumen lassen. Der Goslarer kommt aus schwierigen Familienverhältnissen, der Vater war überzeugter Nationalsozialist. Gabriel hat als Politiker offen darüber gesprochen. Nach Abitur und erfolgreichem Studium war Gabriel Dozent in der Erwachsenenbildung. Er fiel schon als Mitglied der sozialistischen „Falken“ auf. Schon dort übernahm Gabriel das Kommando, wenn es zum Beispiel um das Organisieren von Rockkonzerten ging.

Als Abgeordneter im niedersächsischen Landtag legte der Goslarer dann eine steile Karriere bis zum Fraktionschef hin, schließlich wurde er als Nachfolger von Gerhard Glogowski Ende 1999 Ministerpräsident. Die CDU hätte sich einiges ersparen können, wenn das Land ihn als Lehrer eingestellt hätte, spottete Gabriel später. Die Geschichte, wie Gabriel als innenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Streit mit Ministerpräsident Gerhard Schröder (SPD) um geplante Einschnitte bei der Polizei türenknallend den Raum verließ, zählt längst zur Gabriel-Mythologie. Bei der Landtagswahl 2003 in Niedersachsen erlebte der gern als „kleiner Schröder“ verspottete Gabriel dann allerdings seine bitterste Niederlage. Gabriel verlor gegen Christian Wulff (CDU). Der Bundestrend zog Gabriel nach unten, zugleich scheiterte er mit einer Vermögensteuer-Kampagne – Kanzler Gerhard Schröder ließ Gabriel auflaufen. Gabriel wurde SPD-Oppositionschef im Landtag und als „Popbeauftragter“ der SPD durch den Kakao gezogen. Doch die Leidenszeit zahlte sich aus: 2005 durfte Gabriel Bundesumweltminister werden, später Wirtschaftsminister und zuletzt Außenminister.

Zum großen Comeback Gabriels zählte 2009 auch der SPD-Vorsitz. Zugleich blieb Gabriel in seinem Bundestagswahlkreis präsent. In der Region genießt er weiter großen Rückhalt. Gabriel hat sich allerdings viele Gegner gemacht, gerade in seiner Partei. Deshalb durfte er nicht Außenminister bleiben, sondern musste Heiko Maas weichen. SPD-intern gelten Olaf Scholz und Andrea Nahles als besonders unversöhnliche Gabriel-Gegner. Gern erzählt wird bis heute, wie Gabriel als niedersächsischer Ministerpräsident im Alleingang ein Papier zur künftigen Schulpolitik des Landes entwarf und seine Kultusministerin ahnungslos beim Friseur saß, als das Papier durchsickerte. In ihren Erinnerungen hat diese Ministerin, Renate Jürgens-Pieper, ausführlich mit Gabriel abgerechnet. „Der Mann aus Goslar hat ein eigenes Kapitel abgekriegt“, stellte CDU-Politiker Bernd Busemann fest, selbst ein ehemaliger Kultusminister.

Gabriel brach damals auch mit der „Orientierungsstufe“ der Klassen 5 und 6, einem Lieblingskind seiner Partei. Um Heilige Kühe hat er sich ohnehin nie geschert. Seine größte Stärke ist vielleicht die direkte Kommunikation. So scheute Gabriel auch nicht davor zurück, „Pegida“-Anhänger in Dresden zur Diskussion zu treffen – als Privatmann, wie er sagte. Oder als Bundesumweltminister mitten in einer Demonstration von Atomkraftgegnern auszusteigen. Scheuklappen hatte der Goslarer nie. Bei aller Randale nach außen verstand er sich in Niedersachsen nicht schlecht mit seinem CDU-Kontrahenten David McAllister.

Und in Berlin stellte Gabriel 2018 ein Buch des früheren Braunschweiger Oberbürgermeisters Gert Hoffmann vor (CDU). Mit McAllister einten Gabriel der Spaß am Schlagabtausch und die Abneigung gegen verspießtes Funktionärstum. Mit Hoffmann der Mut zu einer Regionalpolitik, die auch mal Muskeln zeigt. „Wir haben uns persönlich schätzen gelernt“, sagte Gabriel, und das galt auch umgekehrt.

In seiner Partei hatte Gabriel früh den Modernisierer gegeben, zusammen mit dem Göttinger Thomas Oppermann im Landtag und mit dem jetzigen Bundesarbeitsminister Hubertus Heil im SPD-Bezirk Braunschweig. Dabei ging es auch um das Beteiligen der Mitglieder. Über seine SPD hat Gabriel mal gesagt, sie sei eine „staatsfixierte Partei“. Im März 1999, nach Oskar Lafontaines Abgang, empfahl Gabriel der SPD eine „Öffnung zur Gesellschaft“. Die SPD müsse „Nervenenden in alle Teile der Gesellschaft ausbilden“, sagt Gabriel 2009 bei einer Diskussionsveranstaltung im Gewerkschaftshaus von Salzgitter-Leben-stedt. Und wenn der Niedersachse und Landesinnenminister Boris Pistorius im Wettkampf um den SPD-Vorsitz sagt, die SPD müsse wieder näher ran an die Menschen, klingt das ziemlich nach Gabriel.

In der SPD-Spitze dürfte man oft in die Tischkante gebissen haben wegen Gabriel. Als der zu seiner Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident forderte, die SPD müsse „zuspitzen, zuspitzen, zuspitzen“, erklärte der damalige SPD-Generalsekretär Franz Müntefering genervt, Gabriel solle doch selber zuspitzen. Nach seiner Wahlniederlage in Niedersachsen ließ sich Gabriel seinerzeit coachen, es ging nicht ums übliche Rednertraining, sondern offenbar um Tieferliegendes, um Kommunikation und Prioritäten.

Zeitweise hieß es später, Gabriel sei ruhiger geworden. Schon früh hat er kluge Analysen und Essays geschrieben, später ganze Bücher. Bei seinem Ausscheiden aus der ersten Reihe gab es dann wieder einen „typischen Gabriel“, wie viele sagten. „Du musst nicht traurig sein, Papa, jetzt hast Du doch mehr Zeit mit uns. Das ist doch besser als mit dem Mann mit den Haaren im Gesicht“, zitierte Gabriel eine seiner Töchter. Gemeint war im harten Kampf um Posten der Parteifreund Martin Schulz. Gabriel entschuldigte sich per SMS und persönlich bei Schulz.

Der Gabriel von morgen dürfte seine Rolle eher in einer Welt der Ehemaligen suchen, die als Berater und Redner unterwegs sind. Sein Terminkalender ist immer noch ziemlich voll. Zum Bundestag wird Gabriel aber nicht mehr kandidieren. Das hatte er schon vor längerer Zeit den örtlichen SPD-Gremien mitgeteilt. Ziemlich große Fußstapfen, soviel ist klar. „Was stinkt und kracht, finde ich bis heute klasse“, ist ein Gabriel-Zitat, das so oder ähnlich bis heute kursiert und eine frühere Vorliebe des jungen Gabriel für laute Chemie-Versuche aufgreift. Zu einer Seite des Politikers, der auch sehr leise und oft sehr nachdenklich sein kann, passt das eben so schön.

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