Zur Not sollen Lehrer per Video unterrichten

Hannover.  Kultusminister Grant Hendrik Tonne stellt Planungen zum neuen Schuljahr vor. Weiter fehlen Lehrer.

Grant Hendrik Tonne (SPD), Kultusminister Niedersachsen, kommt zu einer Pressekonferenz in der Landespressekonferenz Niedersachsen.

Grant Hendrik Tonne (SPD), Kultusminister Niedersachsen, kommt zu einer Pressekonferenz in der Landespressekonferenz Niedersachsen.

Foto: Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Der Kultusminister wollte nicht beim Schummeln erwischt werden. „Es gibt erkennbar erhebliche Probleme“, sagte Grant Hendrik Tonne (SPD) bei seiner Pressekonferenz zum Schuljahresbeginn. Man werde neue Wege beschreiten, kündigte der Kultusminister an. Und dazu zählt Unterricht per Video-Schalte ebenso wie „Flächenprämien“ für Lehrer, die an unbeliebte Standorte gehen.

Minister: Viele neue Stellen besetzt

Man starte realistisch in das neue Schuljahr, betonte Tonne. Von den 1900 ausgeschriebenen Lehrerstellen zum neuen Schuljahr seien aber immerhin 1712 bereits besetzt. Das Verfahren laufe weiter, 50 weitere Einstellungen seien „im Nachgang“ geplant. Wie schon in den vorigen Einstellungsrunden ist laut Tonne der Saldo zwischen Neueinstellungen und Pensionierungen positiv - wohl weil die Pensionswelle stark zurückging. So oder so kommt aktuell ein Plus von mehr als 300 Lehrern heraus. Die Unterrichtsversorgung soll von 99,4 auf 99,8 Prozent steigen. Der Wert setzt den Stundenbedarf der Schulen ins Verhältnis zu den tatsächlich zur Verfügung stehenden Stunden. „Wir haben damit den Turnaround bei der Unterrichtsversorgung erreicht“, meinte Tonne. Je nach Schulform und Region sind die Werte allerdings höchst unterschiedlich. Über 100 Prozent dürften laut Tonne Grundschulen und Gymnasien liegen. Dagegen sei die Lage an den Sek-I-Schulen - gemeint sind Haupt-, Real- und Oberschulen - teilweise kritisch.

Sonderprogramm für Schulen

Daher kündigte Tonne ein „Sonderprogramm“ für Sek-I-Schulen an. Unter anderem soll eine „Flächenprämie“ Lehrer in Regionen locken, die Stellen besonders schwer besetzen können. Das Land werde voll und unbürokratisch Umzugskosten für die Lehrer übernehmen, so Tonne weiter. „Fachexperten“ sollen an den Schulen eingesetzt werden, um Stundenausfall in Fächern wie Chemie zu verhindern. Das könnte beispielsweise ein Mitarbeiter eines Unternehmens in der Region sein.

Tonne machte sich außerdem für „Distanzlernen“ stark, wie es für Inselschulen praktiziert werde. Per Videokonferenz- und Onlinesysteme sollen sich Klassen beim Unterricht anderer Schulen zuschalten können. „Das ist eine wunderbare Möglichkeit, wie man Lernen gestalten kann“, betonte Tonne - man müsse sich das in der Praxis aber schon mal angeschaut haben, um das zu erkennen. Ohnehin betont Tonne, dass es immer darum gehe, jede Möglichkeit für Unterricht auszuschöpfen. Vorrang habe immer das Einstellen von Lehrern. Und weil die vielfach weiter fehlen, kommen nun nicht nur Grundschulen, sondern nun verstärkt auch Schulen der Sekundarstufe I in den Genuss von Abordnungen. Das heißt: Lehrer anderer Schulformen, aktuell der Gymnasien, helfen beim Unterricht aus. „Die weiterhin sehr hohe Zahl der Abordnungen schafft enorme Unruhe“, erklärte die GEW-Landesvorsitzende Laura Pooth.

Philologen: Schulpolitik im Schneckentempo

„Bei der Einstellung von neuen Lehrkräften hat sich der Minister die Messlatte von vornherein zu niedrig gehängt. Statt 1900 Stellen hätte er 2500 Stellen ausschreiben müssen. Aber selbst die eigene Messlatte hat er gerissen“, sagte die Grünen-Abgeordnete Julia Hamburg. Tonne habe weder Konzepte noch Geld. Das SEK-I-Sonderprogramm soll zunächst nur als Modellprojekt starten, Tonne nannte unter anderem Südniedersachsen, die Küste, den Raum Lüneburg und Celle als mögliche Regionen. Landesweit soll allerdings ausgebildeten Gymnasiallehrern, die sich für drei Jahre an einer Sek-I-Schule verpflichten, eine Stelle an einem Gymnasium angeboten werden.

Kaum Fortschritt sieht auch der FDP-Abgeordnete Björn Försterling. Zwar sei es gelungen, mehr Lehrer einzustellen, als in den Ruhestand gingen. Den Mehrbedarf für Ganztagsschulen, Inklusion und beispielsweise Elternzeiten von jungen Lehrkräften fange das aber nicht auf. „Der Kultusminister versäumt es seit fast zwei Jahren, den Lehrerberuf attraktiver zu machen und Belastungen zu senken“, erklärte Försterling. Von einer „Schulpolitik im Schneckentempo“ ist beim Philologenverband die Rede. „Wir weisen nochmals darauf hin, dass für das kommende Schuljahr 2020/21 mit G9 weitere 1250 Lehrerstellen allein an den Gymnasien benötigt werden“, sagte dessen Vorsitzender Horst Audritz. Niedersachsen kehrt zum Abitur nach 13 Jahren zurück.

Schüler aus der Region verraten, was sich vom neuen Schuljahr erhoffen

Früh aufstehen und fleißig lernen. Zum Schulstart haben Schüler aus unserer Region auf Anfrage verraten, was sie sich vom neuen Schuljahr erhoffen.

Michelle Hill aus Hahnenklee in Goslar besucht von diesem Jahr an die achte Klasse der Haupt-und Realschule Clausthal-Zellerfeld. Sie wünscht sich längere Pausen und nette Lehrer: „Außerdem sollten die Stunden besser gestaltet werden“, sagt die 14-Jährige. „Um uns Schülern Inhalte besser zu vermitteln, wäre der Einsatz digitaler Technik super.“ Dahingehend sieht sie Verbesserungsbedarf im Lehrwesen.

Der 18-jährige Christian Gellner will unbedingt den Hauptschulabschluss schaffen. Deshalb hofft er auf gute Noten. Mit den Kompetenzen seiner Lehrer ist er zufrieden. „Ich finde, dass die Lehrer der Hans-Würtz-Schule in Braunschweig gut ausgebildet sind“, so der Neuntklässler aus Königslutter. Und er lobt die Organisierung der Schule: „An der Förderschule fallen kaum Schulstunden – es gibt eigentlich immer eine Vertretung. Das finde ich super, schließlich lernen wir viel für das spätere Leben.“

Emily Menzel (14), Max Buschmann (15) und Tom Buchholz (16) wünschen sich bessere Noten. „Ich möchte die Noten halten oder verbessern“, sagt Tom Buchholz. Er geht in die zehnte Klasse des Werner-von-Siemens-Gymnasiums in Bad Harzburg. Die Umstellung von G8 auf G9, also eine längere Schulzeit bis zum Abi, begrüßt er sehr. „Um den ganzen Stoff vermittelt zu bekommen, hatten die Klassen über mir viel Nachmittagsunterricht. Wir haben jetzt fast gar keinen“, sagt der 16-Jährige. In der gewonnenen Freizeit könne er sich somit besser auf das Sport konzentrieren.

Da die verlängerte Schulzeit eine direkte Auswirkung auf die Mittelstufe hatte, sieht Max Buschmann einen entscheidenden Nachteil: „An sich ist es eine gute Idee, aber als G9 eingeführt wurde, haben wir das gleiche gelernt, wie im Jahr davor“, so der 15-Jährige aus Lengede, der das Gymnasium Groß Ilsede in der neunten Klasse besucht. Der Grund: Beim achtjährigen Gymnasium (G8) wird die Mittelstufe in fünf Jahren absolviert. Bei G9 dauert die Mittelstufe sechs Jahre.

Dennoch sieht Emily Menzel einen entscheidenden Vorteil: „Man hat mehr Zeit, um sich auf das Abitur vorzubereiten“, so die IGS-Schülerin aus Salzgitter.

Moritz Eisold spricht sich gegen das Abitur nach 13 Jahren aus. „Ich weiß nicht, ob es tatsächlich leichter ist, den Lernstoff in 13 statt in 12 Jahren zu lernen. Ich finde es besser, mit dem Abitur schneller durch zu sein“, sagte der 15-Jährige aus Baden Württemberg, der auf Verwandtenbesuch in Braunschweig war. Er besucht das Otto-Hahn-Gymnasium in Tuttlingen. Der Zehnklässler hat noch bis zum 10. September Sommerferien. Für seinen Schulstart wünscht er sich einen abwechslungsreichen Unterricht mit neuen Ideen. Denn: „Stumpfes Abschreiben von der Tafel macht keinen Spaß.“

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