Pflege-Azubi Jorde stellt Buch vor: Er fordert mehr Personal

Hildesheim.  „Kranke Pflege. Gemeinsam aus dem Notstand“ heißt das Buch, dass der Auszubildende geschrieben hat. Es kommt Ende des Monats in die Läden.

Der Krankenpfleger Alexander Jorde hat das Buch geschrieben, um nicht nur an der Oberfläche entlangzuschrappen.

Der Krankenpfleger Alexander Jorde hat das Buch geschrieben, um nicht nur an der Oberfläche entlangzuschrappen.

Foto: Silas Stein / dpa

Der bekannteste Krankenpflege-Auszubildende Deutschlands hat ein Buch geschrieben. Alexander Jorde aus Hildesheim, 22 Jahre alt, stellte es am Mittwoch in Berlin vor. Es ist fertig geworden, noch bevor Jorde in diesem Sommer in Hildesheim sein Examen ablegt. „Kranke Pflege. Gemeinsam aus dem Notstand“ heißt das Buch. Es kommt Ende des Monats in die Läden.

Jorde ist seit 2016 Auszubildender in der Gesundheits- und Krankenpflege am katholischen St.-Bernward-Krankenhaus in Hildesheim. Er ist über Nacht bekanntgeworden, weil er Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im September 2017 in der ARD-Sendung „Wahlarena“ mit unhaltbaren Zuständen in der Pflege konfrontierte und mehrfach nachfragte, was sie daran ändern wolle.

In seinem Buch beschreibt er, wie er plötzlich im Scheinwerferlicht stand – und wie er beschloss, nun dranzubleiben: „Ich habe die Chance bekommen, meine Meinung kundzutun“, sagt Jorde beim Termin in Berlin. Das Buch habe er geschrieben, um nicht nur an der Oberfläche entlangzuschrappen.

Die Lage sei dramatisch

Ein „Super-Buch“, lobt der Gesundheitsexperte und stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD, Karl Lauterbach. Es lese sich „flott und frisch“ – endlich eine junge Stimme aus der Pflege, kundig und ohne Selbstmitleid. Dabei sei die Lage noch dramatischer, als das Buch sie darstelle, sagt Lauterbach. Lege man in Deutschland die Standards aus Norwegen, Schweden oder den Niederlanden an, bräuchte man schon heute doppelt so viel Pflegepersonal in den Krankenhäusern. Und in Zukunft werde jeder Jahrgang von Schulabgängern nur noch halb so groß sein wie ein Jahrgang Neurentner - es würden noch mehr Pflegekräfte gebraucht, erläutert Lauterbach.

Jungautor Jorde beschreibt am Beispiel Norwegens, wo er selbst war, wie gute Pflege Patienten hilft, gesund zu werden. Eine deutsche Pflegekraft habe doppelt so viele Menschen zu versorgen wie ihre skandinavische Kollegin, bemängelt er – im Durchschnitt 13 Patienten. Deutschland gebe für die Pflege nur halb so viel Geld aus wie Norwegen, sekundiert Lauterbach. Jorde und er verstehen sich gut. Jorde ist in die SPD eingetreten. Ob er in die Politik gehen will, lässt er offen.

Ob er denn Kanzlerin Merkel wiedertreffen wolle, wird Jorde gefragt. „Gerne, auf einen Kaffee oder eine schöne Suppe“, antwortet er. Aber schnelle Erfolge werde es nicht geben, das habe er Merkel schon vor anderthalb Jahren in der „Wahlarena“ gesagt, als die Kanzlerin ihm versicherte, sie werde mehr für die Pflege tun.

Er schreibt als Azubi der seinen Beruf sehr schätzt

Vielmehr gebe es seit 20 oder 30 Jahren dieselben niederdrückenden Berichte aus der Pflege, bilanziert Jorde. Was er geschrieben habe, sei nicht neu, räumt er ein. Dennoch gelingt dem jungen Hildesheimer eine neue Perspektive. Er schreibt als Auszubildender, der seinen Beruf sehr schätzt. Er zeigt an seinem Alltag, wie anspruchs- und verantwortungsvoll der Pflegeberuf ist. Sprüche wie: „Pflege kann jeder“ kann Jorde nicht mehr hören.

Jorde will bessere Bedingungen für diesen Beruf, sonst werde der Punkt kommen, wo ihn keiner mehr ausüben wolle. Er verlangt Vorgaben für eine deutlich bessere Personalausstattung in den Krankenhäusern. Die Koalition aus Union und SPD habe bisher nur Untergrenzen eingeführt, kritisiert er, und dies auch nur für wenige Bereiche im Krankenhaus. Das reiche nicht.

Mehr Pflegekräfte werde es nur geben, wenn sie endlich angemessen bezahlt werden und sich ihre Arbeitsbedingungen verbesserten, unterstreicht Jorde. Von seinen Kolleginnen und Kollegen fordert er, sich zu Wort zu melden und für den eigenen Beruf einzusetzen. Ob Pflegekräfte streiken sollten? Natürlich, meint Jorde: „Wenn wir sagen, wir kommen morgen nicht, dann muss die Politik reagieren.“ epd

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