Wir und die anderen

„In jedem Fall ist das Gesamtkunstwerk Lothar Hagebölling Ansporn für jeden, der etwas auf sich hält, das Seine zur Verbesserung beizutragen.“

Die Dinge haben nur den Wert, den man ihnen verleiht.Molière

Wer die alten Griechen bemüht, kann sehr schnell pompös wirken. Also Vorsicht! Wenn es aber um Menschen geht, die sich in herausragender Weise einsetzen, darf man straflos den Philosophen Aristoteles aufbieten. In seiner „Politik“ beschrieb er die beste Staatsform als eine „von der Vernunft der Bürger getragene Demokratie“, wie Gustav Adolf Seeck im Vorwort zu seinem Einführenden Kommentar schreibt.

Diese Vernunft hat damit zu tun, dass Bürger sich als die Herren und Gestalter ihres Gemeinwesens verstehen, dass sie nicht zusehen und sich nicht wegducken, sondern Verantwortung übernehmen. Das ist sozusagen der Gegenentwurf zur jener Corona, die am Ballermann so tat, als gäbe es keine Pandemie und kein Morgen.

Aristoteles traute diese Kraft und Klugheit durchaus nicht allen seiner Zeitgenossen zu – und in der Tat sind solche Menschen bis heute dünn gesät. Sie sind die eigentlichen Kostbarkeiten eines Gemeinwesens. Diese Qualität hat nicht notwendigerweise mit hohem Rang zu tun. Wir denken an die Lehrer, die sich in den vergangenen Wochen gegen das Corona-Siechtum unseres Schulsystems stemmten oder die Polizisten, die unsere Sicherheit garantieren.

Sally Perel ist ganz sicher einer, dem es nicht in die Wiege gelegt war, Braunschweiger Ehrenbürger zu werden. Die Nazis zerstörten seine Familie, zwangen ihn, in der falschen Identität des „Hitlerjungen Salomon“, als „Jupp Perjell“ Zuflucht vor der Ermordung zu suchen. Niemand hätte erwarten dürfen, dass er nach diesen furchtbaren Erfahrungen immer und immer wieder nach Deutschland zurückkehrt und Schulklasse um Schulklasse, Diskussionsrunde um Diskussionsrunde mit seiner Botschaft konfrontiert: Stellt Euch gegen den Hass, setzt Euch ein für respektvollen Umgang.

Es müssen Hunderttausende sein, die ihn bei seinen vielen Reisen erlebt haben, leidenschaftlich und liebenswürdig, aufgeschlossen, neugierig und gewinnend. Es ist keine Übertreibung, wenn man sagt: Jeden seiner Zuhörer hat er beeindruckt, viele verändert. Seine Festrede beim Gemeinsampreis im Braunschweiger Dom gehört zu den Erinnerungen, die niemand vergessen wird, der ihm in dieser wunderbaren Kirche zuhörte und – wie alle anderen – von seinem Sitz gerissen wurde, um diesem hochbetagten und dennoch so jung wirkenden Mann zu applaudieren.

Was treibt einen Menschen, so viel mehr zu tun? Sally Perel spürt eine Verpflichtung – mitzuhelfen, dass nicht neue Holzköpfe Leid und Tod über die Menschen bringen, weil ihre Stirn so eng ist wie die Öffnung einer Flasche billigen Fusels und ihr Herz so taub wie ein Pfosten am Zaun. Bravo dem Rat der Stadt Braunschweig, der einstimmig beschloss, diesem Mann die Ehrenbürgerwürde zu verleihen! Sally Perel bräuchte diese Ehrung nicht, auch wenn er sich darüber freut – sie tut der Stadt Braunschweig gut, die einmal eine Bastion der Nationalsozialisten war und heute ein Beispiel für Weltoffenheit und Toleranz gibt.

Es lag auch nicht im natürlichen Lauf der Welt, dass Lothar Hagebölling Chef der niedersächsischen Staatskanzlei und des Bundespräsidialamtes werden würde, trotz seines brillanten Verstandes und seines sprichwörtlichen Fleißes. Ihn zeichnet eine Eigenart aus: Er hat ein Auge für „good causes“, für Zwecke, die den besonderen Einsatz lohnen. Er war und ist bereit, sich für diese guten Zwecke einzusetzen und, was noch seltener ist, andere Menschen anzustecken, es ihm gleich zu tun. Dieser stets freundliche, gewinnende Helfer, Antreiber, Ermöglicher und Verbinder ist Geburtshelfer so vieler Errungenschaften unserer Region, dass ihre Aufzählung den Rahmen dieser Kolumne sprengt. Und er ist in einer interessanten Interpretation des Ruhestandes so effektiv wie eh und je. Edmund Brandt, Direktor des Instituts für Rechtswissenschaften der TU Braunschweig, nannte Lothar Hagebölling diese Woche in einer so geistreichen wie treffsicheren Laudatio ein „Gesamtkunstwerk“. Dieser Begriff beschreibt ein Werk, dessen Bestandteile sich notwendig ergänzen. In jedem Fall ist das Gesamtkunstwerk Lothar Hagebölling ein Ansporn für jeden, der etwas auf sich hält, das Seine zur Verbesserung beizutragen. Bravo der TU Braunschweig, die ihn zum Ehrensenator ernannte – und die Feierstunde in den Botanischen Garten legte, wo jeder sehen konnte, was wachsen kann, wenn Wissen, Klugheit und Fleiß zusammentreffen.

Diese Woche hat zur Überraschung vieler Fußballfans ein Mann seinen Rücktritt erklärt, der über fast 13 Jahre Eintracht Braunschweig gelenkt hatte. Sebastian Ebel, der Spitzenmanager, hinterlässt einen Verein, der so gut aufgestellt ist wie noch nie in seiner jüngeren Geschichte. Die Arbeit hat ihm Freude gemacht, sagt er im Interview, er gibt aber auch zu, dass es dunkle Stunden gab.

Wer versucht, als Außenstehender einen Bilanzstrich zu ziehen, wird bei Menschen wie Sebastian Ebel häufig darauf stoßen, dass der Wille, den Gemeinnutz, den Einsatz für eine gute Sache vor den Eigennutz zu stellen, mit einer starken emotionalen Bindung wächst. Wer sich, neben dem Beruf und der Familie, auf ein Ehrenamt einlässt, sei es als Eintracht-Präsident oder als Jugendtrainer beim MTV Wedtlenstedt, der gibt, wo viele andere nur nehmen. Man wünschte sich, dass der Wert dieser Großzügigkeit von allen geschätzt würde. Auch wenn manche nicht mit allen Entscheidungen einverstanden sind, die einer wie Sebastian Ebel getroffen hat: Ein Hoch auf Männer und Frauen wie ihn, wie Sally Perel und Lothar Hagebölling, die der Utopie des Aristoteles so nahe kommen, wie es ein Mensch aus Fleisch und Blut nur schaffen kann.

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