Die Sprache muss leben

„Sprachregelungen von oben machen uns nicht zu geschlechtergerechteren Menschen.“

Schön war Amtsdeutsch noch nie. Da werden „Maßnahmen durchgeführt“, Kühe als „Großvieheinheiten“ und Drehkreuze als „Personenvereinzelungsanlagen“ bezeichnet. Wie kann da Gutes herauskommen, wenn der Amtsschimmel Regeln für geschlechtergerechte Sprache aufstellt? Die verpflichtenden „Empfehlungen“, mit denen Hannover künftig geschlechtsneutrale Formulierungen und Gendersternchen in ihrer Kommunikation durchsetzen will, passen da ins Bild. Nicht nur mir kommen viele dieser Vorschläge reichlich aufgesetzt vor. Trotzdem ist das Anliegen von Städten, Kreisen und Behörden, mit ihren Schriftstücken alle anzusprechen, absolut richtig. Entscheidend ist dabei, dass sich die Begriffe, die verwendet werden sollen, auch mit Leben füllen. Denn so sehr es stimmt, dass unsere Sprache die Bezeichnung unserer Gedanken ist, so wenig machen uns Sprachregelungen von oben zu geschlechtergerechteren Menschen – zumindest nicht, wenn man das Wort ernst nimmt.

Wie wir diesen Anspruch erfüllen können, das ist teilweise, etwa mit Blick aufs „dritte Geschlecht“ i immer noch eine offene Frage. Sie zu beantworten, dabei helfen uns letztlich weniger starre Regelwerke als ehrliches Bemühen – und Ausprobieren. Darauf zu warten, dass der Duden-Verlag oder die Kultusministerkonferenz die Sache für uns löst, ist keine gute Idee. Und schließlich muss ich am Ende des Schreibens immer noch das Gefühl haben: Es ist mein Text. Ebenso wie ich gemeint sein will, wenn mir der Bürgermeister schreibt.

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