Niedersachsens Ämter in Sorge: Zu viele kleine Corona-Nester

Braunschweig.  Wer infiziert sich mit dem Virus? Nicht nur der Datenschutz, auch die diffuse Infektionslage erschwert die Antwort, sagt das Landesgesundheitsamt.

Soldaten der Bundeswehr helfen auch in Niedersachsen den Gesundheitsämtern bei der Nachverfolgung der Infektionsketten. Das Foto entstand in der zuständigen Behörde der Region Hannover.

Soldaten der Bundeswehr helfen auch in Niedersachsen den Gesundheitsämtern bei der Nachverfolgung der Infektionsketten. Das Foto entstand in der zuständigen Behörde der Region Hannover.

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Könnten Sie auch veröffentlichen, wie viele der aktuell Infizierten erkrankt sind? Wie viele werden im Krankenhaus oder gar intensivmedizinisch behandelt? Und wie viele sind symptomfrei? Das könnte für mehr Klarheit und Verständnis sorgen...

Das fragt Vanessa Dietrich die Stadt Wolfsburg via Facebook

Zum Thema recherchierte
Dirk Breyvogel

Mit Hoffen und Bangen schaut Deutschland an jedem Morgen als erstes auf die Zahlen, die das Robert-Koch-Institut (RKI) über Nacht gesammelt hat, zusammengetragen von den Gesundheitsämtern der Kreise und kreisfreien Städte. Wie haben sich die Corona-Neuinfektionen entwickelt und wie die Inzidenz in meiner Stadt? So wie Vanessa Dietrich wünschen sich auch andere Leser mehr Informationen darüber, wer sich infiziert hat oder wie beispielsweise die Verläufe der Betroffenen sind.

Was wir über die Infizierten wissen: Alter, Geschlecht, Landkreis

Eine berechtigte Hürde stellen hier die strengen Datenschutz-Richtlinien dar. Dass der Staat diese wahrt, darauf hat jeder Bürger ein Anrecht. Auch die Leserin. So kennt das niedersächsische Landesgesundheitsamt (NLGA) als zentrale Behörde in Sachen Pandemie-Bekämpfung nur drei Kennziffern der Infizierten. „Wir bekommen aus den kommunalen Gesundheitsämtern Alter, Geschlecht und aus welchem Landkreis der Infizierte kommt“, sagt NLGA-Sprecher Mike Wonsikiewicz. Auch die Daten, wer an oder mit Covid-19 gestorben ist, werden anonymisiert von den Kommunen an das Land weitergereicht. Wichtig für die Landesbehörde ist zudem eine andere Kennzahl. Sie muss wissen, wie hoch die Auslastung in den Krankenhäusern ist, insbesondere wie viele Intensivbetten belegt sind. Niedersachsen leitet diese Daten dann an das bundesweite Intensivbettenregister weiter. Die Idee dahinter: Engpässe im Gesundheitswesen können schnell erkannt werden. Welche Region kommt an ihre Grenzen? So ist notfalls auch eine bundesländerübergreifende Verlegung von Patienten denkbar. Diese Eckdaten spielen auch in den Runden der Kanzlerin mit den Regierungschefs eine zentrale Rolle.

Leserin kritisiert sich ändernde Bewertungskriterien

Die Frage der Leserin richtete sich ursprünglich an die Stadt Wolfsburg. Das war Ende Oktober, noch vor Inkrafttreten des Teil-Lockdowns. Ihre Aufforderung an die Stadt, mehr Informationen zu liefern, wurde im sozialen Netz auch prompt geliked und kommentiert. „Da kannst du lange drauf warten!!! Warum? Weil sie es nicht sagen werden! Weil dann das Kartenhaus zusammen bricht und es eben kein Killer Virus ist“, schreibt ein User ihr zurück. In einer E-Mail an unsere Zeitung erläutert Dietrich, warum sie Auskunft von der Stadt verlangt. Sie hält den erneuten Lockdown für eine Überreaktion, denn wer mehr teste, so ihre Argumentation, würde auch mehr Infektionen entdecken. Zudem moniert sie, dass sich Bewertungskriterien ständig ändern würden. Ging es anfangs noch um die Zahl der freien Intensivbetten, gehe es jetzt um Neuinfektionen und Inzidenz. Als Kronzeugen ihrer Aussagen bringt sie den Virologen Hendrik Streeck ins Spiel.

Die Antwort der Stadt Wolfsburg bleibt vage: Die Abteilung Kommunikation schreibt unserer Zeitung: „Zu Ihrer Anfrage mit Bezug auf den Facebook-Kommentar: Die Stadt Wolfsburg veröffentlicht nicht mehr die Zahl der im Klinikum Wolfsburg behandelten Corona-Patienten und Patientinnen, denn im Klinikum werden nicht nur Personen behandelt, die in Wolfsburg wohnhaft sind, sondern auch Patienten und Patientinnen aus anderen Städten und Landkreisen. Die Stadt ist jedoch dazu verpflichtet, die Corona-Fälle unter den hier wohnhaften Personen zu vermelden. Dies könnte zu Verwirrung führen.“ Zur Schwere von Verläufen habe man keine Informationen.

„Infektionsgeschehen ist sehr diffus“ – Kein Vergleich mit dem Sommer

Mitte November ist die Lage wieder anders. Trotz des Runterfahrens von Teilbereichen des Öffentlichen Lebens, steigt neben den Infektionszahlen auch die Zahl der Toten in Bund und Ländern deutlich an. Das RKI meldet an diesem Freitag 23.542 Fälle – ein neuer Höchstwert innerhalb von 24 Stunden. Der Sprecher des niedersächsischen Gesundheitsministeriums, Oliver Grimm, betont, dass sein Ministerium nicht nur die Fallzahlen beobachte. „Wir sehen die Lage mit Besorgnis, denn wir wissen, dass die die hohen Zahlen an Neuinfektionen mit Verzögerung auch andere Parameter negativ beeinflussen. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass sich das Infektionsgeschehen auch in der Belegung der Krankenhausbetten widerspiegelt.“ Auffällig sei, dass sich im Vergleich zum Sommer zuletzt wieder mehr ältere Menschen mit dem Virus infiziert hätten. Das Alter der Verstorbenen habe sich jedoch nicht wesentlich geändert. Der Großteil der Menschen, die Corona nicht überlebten, läge über 60 Jahre und älter.

Landesgesundheitsamt: Infektionsketten nicht mehr überprüfbar

Oft unklar sind weiterhin die Orte, an denen Infektionen stattfinden. Laut RKI ist nur rund ein Fünftel aller registrierten Fälle einem Ausbruchsort zuzuordnen. „Das ist ja auch der Grund, warum die Kontaktbeschränkungen runtergefahren werden sollen. Die Gesundheitsämter kommen nicht mehr hinterher, die Infektionsketten nachzuvollziehen. Das Infektionsgeschehen ist überall zu diffus geworden“, erklärt Gesundheitsamts-Sprecher Wonsikiewicz. Derzeit gebe es viel zu viele kleine Corona-Nester, auch in Niedersachsen. „Das war am Anfang der Pandemie anders. Da gab es auch lokal begrenzte Ausbrüche, die die Inzidenzzahl in einzelnen Städten hochgetrieben hat. Doch die Mitarbeiter in den Ämtern konnten noch nachvollziehen, ob der Auslöser eine private Feier, ein Glaubensfest oder die Bedingungen in einem Schlachtbetrieb war.“ Zwar könnten Gesundheitsämter immer wieder Ansteckungsmuster erkennen, wo der Kontakt zu einem Infizierten stattgefunden habe, sei oft nicht lokalisierbar. Auch Ministeriums-Sprecher Grimm bestätigt diese Angaben: „Sie müssen sich selbst als Beispiel nehmen. Wissen Sie noch, wo Sie überall innerhalb einer Woche waren? Und Wonsikiewicz ergänzt: „Es könnte ja auch an der Supermarktkasse passiert sein.“

Sehr angespannte Lage in Salzgitter

Die Angaben der Behördensprecher werden auch vom RKI bestätigt. „Hier haben sich in den letzten Wochen die wesentlichen Kennzahlen für die Ausbruchsorte nicht verändert“, erklärt Pressesprecherin Susanne Glasmacher gegenüber unserer Zeitung. Es gelte, was in den Situationsberichten stehe. „In den meisten Kreisen handelt es sich zumeist um ein diffuses Geschehen, mit zahlreichen Häufungen in Zusammenhang mit privaten Feiern im Familien- und Freundeskreis, aber auch in Gemeinschaftseinrichtungen und Alten- und Pflegeheimen“, heißt es dort. Und weiter: „Von allen Fällen in Ausbrüchen entfallen ca. 35 Prozent auf kleineren Ausbrüche mit einer Größe von 2-4 Fällen pro Ausbruch.“ Die Stadt Salzgitter kämpft seit Wochen mit der höchsten Sieben-Tage-Inzidenz in unserer Region. Am Freitag kletterte der Wert nach Angaben des NLGA auf mehr als 300. Grund dafür war die Nacherfassung von Daten, die verzögert eingetroffen waren. Laut Stadt beträgt der Inzidenzwert 199.

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