Maddie-Verdächtiger Christian B. kämpft verbissen um Freiheit

Braunschweig.  Er führt Verfahren um seine Freilassung. Gelingt ihm das, sind Braunschweiger Ermittlern die Hände gebunden. Der EuGH-Generalanwalt ist auf deren Seite.

Polizeibeamte durchsuchten Ende Juli eine Kleingarten-Parzelle in Hannover. Die Ermittler erhofften sich Erkenntnisse zum Fall Maddie. Der Verdächtige Christian B. hatte in Braunschweig und Hannover Kleingärten.

Polizeibeamte durchsuchten Ende Juli eine Kleingarten-Parzelle in Hannover. Die Ermittler erhofften sich Erkenntnisse zum Fall Maddie. Der Verdächtige Christian B. hatte in Braunschweig und Hannover Kleingärten.

Foto: Peter Steffen / dpa

Der Maddie-Verdächtige Christian B. unternimmt alles, um seine Freilassung zu erzwingen. Im Moment verbüßt er eine widerrufene Bewährungsstrafe von 21 Mona­ten wegen Drogendelikten in der JVA Kiel. Vorm Landgericht Kiel will der 43-Jährige eine vorzeitige Haftentlas­sung erreichen. Ganz schweres Geschütz fährt er zudem auf, indem er vor das höchste europäische Gericht zieht: Der Mann, der zuletzt in Braunschweig seinen Wohnsitz hatte, will auch vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) zusammen mit seinem Verteidiger seine Freilassung erzwingen.

Der Mann und sein Anwalt glauben nämlich, einen Formfehler der Braunschweiger Sicherheitsbehörden und Gerichte erkannt zu haben. Aufgrund der diversen Wohnorte, Vorstrafen und Anklagen gegen ihn ist die Situation tatsächlich etwas unübersichtlich. Eine Gerichtsentscheidung von mehreren: Das Landgericht Braunschweig verurteilte den Maddie-Verdächtigen Ende 2019 wegen der Vergewaltigung einer US-Amerikanerin. Gegen dieses Urteil zog Christian B. bis vor den EuGH. Nur: Der dortige Generalanwalt ließ am Donnerstag ganz klar erkennen, dass er die Sichtweise B.’s und seines Anwalts nicht teilt.

Generalanwalt: Christian B. irrt

Konkret geht es in dem EuGH-Verfahren darum, dass der 43-jährige Mann eine Aufhebung des Urteils wegen der Vergewaltigung fordert, weil er ursprünglich auf Grundlage eines Europäischen Haftbefehls für eine andere Straftat an Deutschland ausgeliefert worden war. Er verweist dabei darauf, dass es EU-Regeln für den Europäischen Haftbefehl verbieten, dass jemand dann auch wegen anderer vor der Auslieferung begangener Straftaten belangt wird.

Die Prozessberichterstattung gegen den 43-Jährigen finden Sie hier:

Nach dem Rechtsgutachten ist diese Regelung aber für den Fall irrelevant, da der Mann Deutschland zwischenzeitlich wieder freiwillig verlassen hatte und erst über einen neuen Europäischen Haftbefehl zurück nach Deutschland kam. Dieser wurde von Behörden in Italien vollstreckt – die auch zustimmten, dass der Mann wegen der Vergewaltigung verfolgt und verurteilt wird. In diesem Fall greifen die Einschränkungen für den ersten Haftbefehl nach Auffassung des Generalanwalts nicht mehr. EuGH-Sprecher Hartmut Ost sagte unserer Zeitung: „Dann werden die Zähler auf null zurückgesetzt.“

Vergewaltigung einer 72 Jahre alten Amerikanerin

Der heute 43-Jährige war ursprünglich 2017 von Portugal an Deutschland übergeben worden, damit er dort wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes belangt werden konnte. Die wegen dieser Tat gegen ihn verhängte Freiheitsstrafe von einem Jahr und drei Monaten verbüßte er laut EuGH-Angaben bis zum 31. August 2018. Danach reiste er aus Deutschland aus und kam erst über den neuen Europäischen Haftbefehl wegen Drogenhandels wieder zurück.

Sieben Jahre Haft für den Verdächtigen

Nach Verbüßung der deswegen verhängten Freiheitsstrafe von 21 Monaten könnte er nach derzeitigem Stand zunächst einmal die Strafe wegen Vergewaltigung der zur Tatzeit 72 Jahre alten Amerikanerin antreten müssen. Das Landgericht Braunschweig setzte die Strafe unter Einbeziehung früherer Verurteilungen auf sieben Jahre fest. Die Vergewaltigung wurde 2005 in Praia da Luz verübt – dem späteren Entführungsort von Maddie. Da schließt sich der Kreis.

Der Fall Maddie McCann
Der Fall Maddie McCann

Julia Meyer von der Staatsanwaltschaft Braunschweig zeigte sich erleichtert über das Gutachten des EuGH-Generalanwalts – wohlwissend, dass die Empfehlung des Generalanwalts für die Richter nicht bindend ist. In vielen Fällen jedoch folgen sie der Sichtweise des Generalanwalts. Zum Rechtsgutachten des Generalanwalts sagte Meyer: „Es sichert den Gang unseres Verfahrens, wenn der Verdächtige in Haft bleibt.“

Braunschweiger Ermittler unter Druck

Würde der EuGH Christian B. Recht geben, hätte das gravierende Folgen für den Fall Maddie. Sollte der EuGH dem Mann Recht geben, könnte ihm in Deutschland nicht der Prozess gemacht werden. „Die Vollstreckung einer Haftstrafe beziehungsweise einer U-Haft wäre nicht möglich“, sagte Meyer.

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Die EU-Regeln für den Europäischen Haftbefehl verbieten es, dass jemand auch wegen anderer vor der Auslieferung begangener Straftaten belangt wird – also im Fall von Christian B. auch für Maddie, sollte er für die Entführung des Mädchens und ihren eventuellen Tod verantwortlich sein.

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig geht davon aus, dass die vor 13 Jahren verschwundenen Britin Madeleine „Maddie“ McCann nicht mehr lebt.

Die Braunschweiger Ermittler lassen sich in diesem Fall von großer internationaler Bedeutung absolut nicht in die Karten schauen. Kein Wort war Staatsanwältin Meyer am Donnerstag zu entlocken. Sie verwies auf das laufende Verfahren. Die Braunschweiger stehen unter Druck, eine Anklage haben sie noch nicht erhoben, dafür reichen die Indizien noch nicht aus. Zuletzt führten Ermittler Ende Juli Grabungen in einem Kleingarten am Stadtrand von Hannover aus. Ob und was möglicherweise bei der zweitägigen Polizeiaktion gefunden wurde, wollte Meyer nicht sagen. Erst recht nicht, ob auch in einem Braunschweiger Kleingarten auch nach Maddies Leiche oder möglichen Hinweisen gegraben wird. B. hatte auch in Braunschweig einen Schrebergarten. Die Ermittler wollen natürlich verhindern, dass Schaulustige eventuelle Grabungen behindern.

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