Razzien gegen islamistisches Netzwerk in Niedersachsen

Braunschweig.   Polizisten durchsuchen bundesweit Objekte mutmaßlicher Hamas-Unterstützer. „Ansaar International“ hat auch in Braunschweig für Spenden geworben.

Polizeibeamte stehen vor dem Hauptsitz des Vereins „Ansaar International“ in Düsseldorf. Am Mittwoch durchsuchten Einrichtungen eines bundesweit islamistischen Netzwerks.

Polizeibeamte stehen vor dem Hauptsitz des Vereins „Ansaar International“ in Düsseldorf. Am Mittwoch durchsuchten Einrichtungen eines bundesweit islamistischen Netzwerks.

Foto: Foto: Martin Gerten / dpa

Für den Vorsitzenden von „Ansaar International“ ist die Spendenveranstaltung in Braunschweig ein großes Ereignis. 2015 verbreitet Joel Kayser im Internet ein Video, er trägt eine Sweat-Jacke, die Kapuze hat er über den Kopf gezogen und einen Bart. „Tolle Wertsachen gegen Spende“ werde es geben und eine „Super-Atmosphäre“, verspricht der ehemalige Hip-Hop-Sänger aus Düsseldorf. Es gehe unter anderem darum, für den Bau eines Waisenhauses in Syrien zu sammeln. Ort der Benefizaktion: die Moschee der Deutschsprachigen Muslimischen Gemeinschaft. Prominenter Gastgeber: der Salafisten-Prediger Muhamed Ciftci, in der Szene auch bekannt als Abu Anas.

Der Braunschweiger Ciftci wird immer wieder als Beleg dafür herangezogen, wie eng der Verein „Ansaar International“ mit der salafistischen Szene verwoben ist. Bei Veranstaltungen des umstrittenen Hilfsvereins tauchte regelmäßig sein Name auf. „Eine der wichtigsten guten Werke ist das Spenden und Ausgeben für Allahs Sache“, sagt der Prediger bei einer Benefiz-Veranstaltung von „Ansaar“. Doch Ermittler und Verfassungsschützer haben ihre Zweifel, ob das gespendete Geld ausschließlich Brunnenbauprojekten in Afrika zugute kommt oder allein für Lebensmittelpakete im Gazastreifen verwendet wird.

Am Mittwoch hat die Polizei in neun Bundesländern etwa 90 Einrichtungen eines bundesweit mutmaßlich islamistischen Netzwerkes durchsucht, an dessen Spitze angeblich „Ansaar International“ und der Verein „WWR Help“ stehen. Beide sollen eng miteinander verknüpft sein. In Niedersachsen gab es Razzien in zwei Einrichtungen in Hannover und in einem Objekt in Melle bei Osnabrück. Nach dem bisherigen Stand der Ermittlungen werde davon ausgegangen, dass die Organisationen dem extremistisch-salafistischen Milieu zuzurechnen sind, heißt es aus dem Bundesinnenministerium. Sie füllten möglicherweise ein Vakuum, das durch das 2016 ausgesprochene Verbot des Vereins „Die Wahre Religion/Lies“ hinterlassen wurde. Dieser hatte mit Koran-Verteilaktionen in den Städten Aufmerksamkeit erregt; zahlreiche Anhänger aus dem Umfeld von „Lies“ reisten nach Syrien und dem Irak aus, um sich Terrororganisationen wie dem Islamischen Staat anzuschließen. Aber nicht nur die vermeintliche Nähe zu extremistischen Gruppen hat die Ermittler auf den Plan gerufen. „Weiter bestehen Anhaltspunkte dafür, dass die Hamas finanziell und propagandistisch unterstützt wird“, so das Bundesinnenministerium. Die USA, Israel und die EU haben die Hamas, die im Gazastreifen herrscht, als Terrororganisation eingestuft.

Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) lässt es sich denn auch nicht nehmen, in einer Pressemitteilung die Tragweite des Einsatzes zu skizzieren: Wenn sich der Verdacht bestätigen sollte, hätten die Ermittler und Analysten ein Netzwerk enttarnt, das vorgibt, humanitäre Hilfe zu leisten, in Wahrheit aber für terroristische Organisationen im Ausland wirbt und Geld sammelt.

Den Razzien vorangegangen waren umfangreiche Ermittlungen der Polizeibehörden in Nordrhein-Westfalen. „WWR Help“ hat seinen Sitz in Neuss; „Ansaar International“ wurde 2012 in Düsseldorf gegründet. Vereinszweck ist laut Satzung die weltweite Unterstützung von Projekten für bedürftige Muslime. Die Vereinigung ist nach eigenen Angaben in fast 30 Ländern aktiv und finanziert sich durch Spenden und Mitgliedsbeiträge, seit 2017 laut Innenministerium in Düsseldorf auch durch die Erträge von Gewerbebetrieben, die teilweise vollständig an die Vereinigung abgeführt werden.

Neben der in Düsseldorf ansässigen Vereinsführung sind in mehreren Bundesländern Teams aktiv, die im Namen von „Ansaar International“ Spenden sammeln und Werbeaktionen durchführen. Doch Ermittler vermuten, dass ihre Hilfe nicht nur humanitär ist, sondern auch streng religiös motiviert – das Missionieren ist ein Ziel: Der radikalen Islam soll sich ausbreiten. Laut Verfassungsschutz in Nordrhein-Westfalen finde sich im Internet keinerlei Distanzierung von extremistisch-salafistischen Inhalten. Zudem habe der Verein zwar eine Nähe zum Islamischen Staat bestritten. Doch das gehe einher mit der grundsätzlichen Bejahung der vom IS abgespaltenen und heute al-Qaida-nahen Gruppierung Jabhat al-Nusra, heißt es 2015 im Bericht der Behörde.

Für Aufsehen sorgte vor gut zwei Jahren der Fall des ehemaligen Bundesligaspielers Änis Ben-Hatira, der für den Verein geworben hatte – und deshalb seinen Job bei Darmstadt 98 verlor. „Ansaar“ weist Vorwürfe immer wieder von sich und bestreitet auch, in die Fußstapfen des extremistischen Vereins „Lies“ getreten zu sein. Auf einer Pressekonferenz 2016 spricht der Vorsitzende Kayser von einer „Verleumdungskampagne“. „Wir sind eine Hilfsaktion und verteilen keine Korane.“ Zu den aktuellen Ermittlungen äußert sich der Verein vorerst nicht.

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